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Detaillierter Blick auf Asteroid Donaldjohanson
Redaktion
/ Pressemitteilung des DLR astronews.com
22. Juni 2026
Der Vorüberflug der NASA-Sonde Lucy an Asteroid
(52246) Donaldjohanson im Jahr 2025 gewährte der Wissenschaft einen ganz neuen
Blick auf den ungewöhnlichen Binärkörper, der die Sonne in 358 Millionen
Kilometer Entfernung in 3,7 Jahren umkreist. Offenbar war auf dem rund 8,8
Kilometer großen Asteroiden früher sogar Wasser vorhanden.

Asteroid (52246) Donaldjohanson aus 960 Kilometer
Entfernung, aufgenommen von der NASA-Sonde Lucy
während ihres Vorbeiflugs am 20. April 2025. Der
Asteroid ist mit einer Längsausdehnung von acht
Kilometer größer als erwartet wurde.
Bild: NASA / Goddard / SwRI / JHU-APL [Großansicht] |
Selbst kleine Asteroiden führen manchmal ein komplexes "Eigenleben". Bei
ihrem Vorbeiflug am Asteroiden Donaldjohanson im vergangenen Jahr entdeckte die
NASA-Raumsonde Lucy, dass es sich um einen etwas taumelnden,
erdnussförmigen Binärkörper handelt, der in seiner relativ kurzen Geschichte
schon viel durchgemacht hat. Der Asteroid entstand aus Fragmenten, die nach
einer heftigen Kollision vor 155 Millionen Jahren zusammenwuchsen. Durch die
geringe, aber kontinuierliche Kraft der Sonnenstrahlung wurde er verändert,
während er gleichzeitig Anzeichen für die kurze Anwesenheit von flüssigem Wasser
in seiner fernen Vergangenheit bewahrte.
Die Raumsonde Lucy, die 2021 startete und durch den Asteroidengürtel
in Richtung einer der beiden Gruppen der Jupiter-Trojaner-Asteroiden fliegt,
sammelte am 20. April 2025 Bilder und viele weitere Daten über Donaldjohanson,
als sie in einer Entfernung von etwas mehr als tausend Kilometern an dem
Asteroiden vorbeiflog. Die Daten zeigten, dass Donaldjohanson (kurz DJ) sich
nicht wie die meisten anderen Asteroiden und Planeten nur um eine fest im Raum
stehende Hauptachse dreht, sondern scheinbar zusätzlich um eine weitere Achse,
die einen komplizierten Kreis im Raum beschreibt – eine zweiachsige Rotation.
Die Forschenden sahen auch die langgestreckte Form eines Binärkörpers bei DJ und
die Krater und Erhebungen auf seiner Oberfläche. Die Ergebnisse der rund ein
Jahr dauernden Untersuchungen des Lucy-Teams wurden jetzt veröffentlicht.
Beteiligt daran waren auch die Forscher Dr. Stefano Mottola und Frank Preusker
vom Institut für Weltraumforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und
Raumfahrt (DLR) mit ihren Berechnungen der Rotationsparameter, des
dreidimensionalen digitalen Formmodells und des Gravitationsfeldes.
Lucys Begegnung mit dem Asteroiden war als Generalprobe für den teilweise
autonomen Vorbeiflugmodus der Raumsonde und als Teamtest für den Betrieb der
Instrumente der Raumsonde vor ihren nächsten Begegnungen geplant. Der Hauptteil
der Mission wird mit Lucys Vorbeiflug am "trojanischen", dem Jupiter
vorauseilenden Asteroiden Eurybates am 12. August 2027 beginnen. Die Instrumente
und Abläufe funktionierten wie erwartet und als Bonus erhielten die
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die seltene Gelegenheit, einen bisher
unerforschten Asteroiden aus der Nähe zu betrachten und ihn mit zwei Asteroiden
mit ähnlicher Zusammensetzung, aber unterschiedlicher Geschichte zu vergleichen:
Bennu, das 500 Meter große Ziel der OSIRIS-REx-Mission der NASA 2018-2021 zur
Rückführung von Proben, und Ryugu, ein tausend Meter großer Asteroid, der von
der Mission Hayabusa2 der Japan Aerospace Exploration Agency zur
Rückführung von Proben zwischen 2018 und 2019 besucht wurde – eine Mission, an
der das DLR mit dem Landemodul MASCOT und darauf zwei Experimenten beteiligt
war.
Bereits mit erdgebundenen Teleskopen sahen die Beobachtenden Schwankungen im
Sonnenlicht, das DJ reflektiert, die auf ein Taumeln hindeuteten. Das Team
stellte ein regelmäßiges Muster von Spitzen und Tälern im Helligkeitsverlauf
fest, das typisch für ein längliches Objekt ist, und das sich, so wurde
angenommen, alle 10,5 Erdtage einmal um sich selbst dreht. Erst mit den
Lichtkurven und vor allem den Bilddaten von Lucy wurde es jedoch möglich, die
Rotation quantitativ zu verstehen und zu modellieren. Als sie sich die aus der
Nähe gemessenen Helligkeitsveränderungen und die sich mit der Rotation
verändernde Lage von DJ im Raum genauer ansahen, entdeckten sie ein
ungewöhnliches Muster, das darauf hindeutet, dass sich DJ scheinbar wie ein
wackelnder, "präzedierender" Kreisel um zwei Achsen dreht, was zu einem leichten
Schwanken führt.
DJ scheint also eher zu taumeln, anstatt sich wie die meisten Himmelskörper
stabil um ihre Rotationsachse zu drehen. Diese Achse steht bei DJ jedoch nicht
fest im Raum, sondern präzediert, das heißt, sie beschreibt im Raum eine
komplexe Bahn. Das Autorenteam der Studie berichtet, dass sich der Asteroid alle
26,4 Erdtage um seine kürzeste Achse dreht, welche sich wiederum alle 7,5 Tage
um die Achse bewegt, die die Gesamtdrehung des Asteroiden im Raum bestimmt.
Diese beiden Perioden überlagern sich und erzeugen eine nur scheinbare Periode
von 10,5 Tagen. Der 8,8 Kilometer lange und maximal 3,5 Kilometer breite Körper
braucht also mehr als 26 Tage für eine vollständige Rotation um seine kürzeste
Körperachse. Die beobachteten Helligkeitsschwankungen entstehen durch die sich
ständig verändernde Orientierung des Asteroiden.
Während die Beobachtungen des erdgebundenen Teleskops die längliche Form von
DJ andeuteten, zeigte der Lucy-Vorbeiflug eine "bilobate" Struktur: zwei
Einzelkörper, zwei "Loben", die durch einen engen Hals verbunden sind, wie bei
einer Erdnuss. Bei diesen Loben handelt es sich wahrscheinlich um zwei Fragmente
einer früheren Asteroidenkollision, die sich anschließend durch ihre
gegenseitige Schwerkraft angenähert haben und dann durch die Gravitationskräfte
sanft zusammengefügt wurden. DJ rotierte bei seiner Entstehung wahrscheinlich
mindestens zehnmal schneller und hat sich in den letzten 20 bis 60 Millionen
Jahren auf seine heutige Geschwindigkeit verlangsamt, schätzt das Team.
Als sich die Rotation abbremste, veränderte sich das Gleichgewicht zwischen
der Zentrifugalkraft, die die Einzelkörper auseinanderdriften lässt, und der
Schwerkraft, die die Massen beider Loben aneinander bindet. Dabei rutschte loses
Gesteinsmaterial die Hänge hinunter und ist ursächlich für das heutige Antlitz
der Oberfläche mit vielen Kratern, wie die Bilder des Vorbeiflugs zeigen. Die
Forschenden vermuten, dass die Rotation des Asteroiden durch den sogenannten
YORP-Effekt (benannt nach den Wissenschaftlern Yarkovsky, O’Keefe, Radzievskii
und Paddack) beeinflusst wird. Dabei übt die von der Sonne erwärmte und wieder
abgestrahlte Energie über sehr lange Zeiträume winzige Kräfte auf den
Himmelskörper aus. Diese können seine Rotation allmählich beschleunigen oder
abbremsen wie im Fall von Bennu (einmal alle vier Stunden) und Ryugu (einmal
alle sieben Stunden), die sich beide früher wahrscheinlich viel langsamer
drehten als heute.
Als Lucy mit fast 50.000 Kilometern pro Stunde an DJ vorbeiflog, registrierte
die Sonde mit ihren spektroskopischen Sensoren Signaturen von eisenhaltigen
Schichtsilikaten auf der Oberfläche: Tonminerale, wie sie auch auf der Erde
bekannt sind. Diese Tonminerale müssen sich in der fernen Vergangenheit mithilfe
von flüssigem Wasser gebildet haben, wenn eisenhaltige Minerale in Kontakt mit
Wassermolekülen kommen. Das Lucy-Wissenschaftsteam kam allerdings zu dem
Schluss, dass die Einwirkung nur relativ kurz gewesen sein muss, da Eisen in
Tonmineralien dazu neigt, durch andere Elemente wie Magnesium ersetzt zu werden,
wenn das Wasser über längere Zeiträume anwesend ist – was hier nicht der Fall
ist.
In der Tat fand man auch auf den Asteroiden Bennu und Ryugu magnesiumreiche
Tone, was dort auf eine längere Wassereinwirkung hindeutet, die vielleicht viele
Millionen von Jahren andauerte, als sie noch Teil größerer Asteroiden waren.
Dieser Unterschied in der Geschichte der Wassereinwirkung und andere Merkmale
könnten bedeuten, dass die Mutterkörper dieser drei Asteroiden zu
unterschiedlichen Zeiten oder in unterschiedlichen Regionen des Sonnensystems
entstanden sind, bevor sie in den Hauptgürtel verschoben wurden.
DJ besteht vermutlich aus felsigen Überresten eines größeren, kohlenstoff-
und wasserreichen Asteroiden, der mit einem anderen Objekt im Asteroidengürtel
kollidierte. Er gehört zur Klasse der kohlenstoffreichen C-Asteroiden und ist
vermutlich ein Mitglied der sogenannten Erigone-Familie, dessen 60 Kilometer
großer Mutterkörper (163) Erigone vor 155 Millionen Jahren durch einen Impakt
auseinanderbrach. Es wird angenommen, dass Bennu und Ryugu auf die gleiche Weise
und in der gleichen Region entstanden sind. Aber DJ ist doch anders. Mit einem
Alter von 155 Millionen Jahren ist er viel jünger als Bennu und Ryugu, die vor
ein bis zwei Milliarden Jahren entstanden sind. DJ ist außerdem seit seiner
Entstehung im Asteroidengürtel geblieben, während seine wandernden Vettern in
Bahnen um die Sonne gelangt sind, die sie, nun als erdbahnkreuzende Asteroiden
oder "Near-Earth Objects" (NEOs), etwa einmal im Jahr in die Nähe der
Erdumlaufbahn bringen (was sie zu perfekten Zielen für
Probenrückführungsmissionen macht).
"Es ist für die Asteroidenforschung enorm hilfreich, Donaldjohanson mit
Asteroiden wie Bennu und Ryugu zu vergleichen, die scheinbar ähnlich sind, denn
jeder feine Unterschied ist ein weiterer Hinweis auf unsere eigene
Entstehungsgeschichte", sagte Simone Marchi, stellvertretender Leiter des
Lucy-Wissenschaftsteams vom Southwest Research Institute in Boulder im
US-Bundesstaat Colorado. "Sobald wir mehr über die 'Trojaner'-Asteroiden auf der
Jupiterbahn erfahren, unserem eigentlichen wissenschaftlichen Ziel mit Lucy,
die eine völlig andere Population von Weltraumgestein mit einer ganz anderen
Geschichte darstellt, wird unser Verständnis der Entstehung des Sonnensystems in
Frage gestellt werden."
Benannt nach einem versteinerten Skelett eines menschlichen Vorfahren, das
1974 in Äthiopien von Donald Johanson und seiner Expedition entdeckt wurde (und
nach dem der im April 2025 besuchte, 1981 am Siding-Spring-Observatorium in
Australien entdeckte Asteroid benannt ist), wird die NASA-Mission Lucy
zum ersten Mal die Trojaner-Asteroiden des Jupiters erforschen. Dabei handelt es
sich um eine Population gut erhaltener Gesteinskörper, die sich früh in der
Geschichte unseres Sonnensystems gebildet haben und den Wissenschaftlern dabei
helfen könnten, zu verstehen, wie sich die Planeten gebildet und bewegt haben,
bevor sie zu ihrer heutigen Konfiguration gelangten.
Über ihre Ergebnisse berichtet das Team in einem Fachartikel, der in der
Fachzeitschrift
Science erschienen ist.
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