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Schutzweste AstroRad senkt Strahlenbelastung deutlich
Redaktion
/ Pressemitteilung des DLR astronews.com
17. August 2026
Im Rahmen der Mission Artemis I flogen als Teil des
Strahlungsexperiments MARE auch die Messpuppen Helga und Zohar zum Mond und
wieder zurück. Beide waren mit Strahlungsdetektoren ausgestattet, Zohar trug
zudem eine neu entwickelte Schutzweste. Eine jetzt vorgestellte Studie zeigt,
dass eine solche Schutzweste die Strahlenbelastung für Besatzungsmitglied
deutlich senken kann.

Helga und Zohar
auf den Crewplätzen drei und vier im
Orion-Raumschiff, bereit für ihren Flug zum Mond.
Foto: NASA /
Frank Michaux [Großansicht] |
Eine der elementaren Herausforderungen für die Raumfahrt ist unsichtbar: die
Weltraumstrahlung. Außerhalb des schützenden Erdmagnetfelds werden Mensch und
Technik bei einer Mission deutlich höheren Strahlendosen ausgesetzt als auf der
Erde oder im erdnahen Orbit auf der Internationalen Raumstation ISS. Besonders
kritisch sind starke solare Teilchenereignisse – umgangssprachlich Sonnenstürme
–, bei denen innerhalb kurzer Zeit große Mengen energiereicher Teilchen
freigesetzt werden. Für Astronautinnen und Astronauten können diese eine
erhebliche Gefahr für ihre Gesundheit bedeuten; insbesondere, wenn keine
Gegenmaßnahmen ergriffen werden oder keine ausreichende Abschirmung vorhanden
ist. Diese Ereignisse können zur akuten Strahlenkrankheit führen und das
strahlungsinduzierte Krebsrisiko erhöhen.
"Mit dem MARE-Experiment
konnten wir auf eine lange Forschungslinie aufbauen. Bereits seit vielen Jahren
untersuchen wir die Strahlenbelastung von Astronautinnen und Astronauten, unter
anderem auf der ISS. Mit dem früheren MATROSHKA-Experiment wurde dort zum
Beispiel die Dosisbelastung in einem menschenähnlichen Phantom im erdnahen Orbit
erfasst", sagt Dr. Anke Pagels-Kerp, Bereichsvorständin Raumfahrt beim Deutschen
Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). "Mit MARE führte unser Institut für Luft-
und Raumfahrtmedizin diese Arbeiten auf der ersten Artemis-Mission erfolgreich
zwischen Erde und Mond fort. Nach Artemis I im Jahr 2022 haben wir uns
sehr gefreut, dass es für unsere Strahlungsforschung an Bord der Orion auf der
zweiten Artemis-Mission im April 2026 erneut Richtung Mond ging. Dabei kam mit
dem M-42 EXT eine weiterentwickelte Generation aus der Familie der
weltraumerprobten DLR-Strahlungsdetektoren zum Einsatz."
Bei MARE ((Matroshka
AstroRad Radiation Experiment) ging es um die Strahlungsbelastung auf
realistische Nachbildungen des weiblichen Körpers. Sie war damit im Bereich der
Weltraumstrahlungsforschung die erste Studie dieser Art jenseits der erdnahen
Umlaufbahn. Diese ist besonders für die astronautische Raumfahrt bedeutend, da
Frauen statistisch ein höheres strahlungsinduziertes Krebsrisiko haben und Krebs
neben der Strahlenkrankheit zu den größten gesundheitlichen Gefahren von
Strahlungsexposition im Weltraum gehört.
Die Messpuppen-Zwillinge Helga
und Zohar bestehen aus Kunststoffmaterialien, die Knochen, Weichteile und Organe
im Torso einer erwachsenen Frau nachbilden. Die Zwillinge wurden jeweils aus 38
einzelnen Scheiben aufgebaut. Auf und in ihnen integrierte das Team mehrere
tausend passive Dosimeter sowie 16 der vom DLR entwickelten aktiven
Strahlungsmessgeräte M-42. 18 weitere aktive Strahlungsdetektoren (CAD) sowie
tausende Thermolumineszenz-Dosimeter zur gezielten Messung ionisierter Strahlung
wurden von der NASA zur Verfügung gestellt. Während Helga ungeschützt flog, trug
Zohar die von StemRad aus Israel entwickelte Strahlenschutzweste AstroRad.
So brach die Orion zu ihrer Mondreise auf und in den besonders
strahlungsempfindlichen Bereichen eines menschlichen Körpers sammelten die
DLR-Detektoren in den "Mond-Zwillingen" gezielt die jeweiligen Strahlungsdosen.
Auf der 25,5 Tage dauernden Orion-Mission erhoben die Strahlungsdetektoren in
den Messkörpern sowie im gesamten Raumschiff kontinuierlich Messdaten. Erstmalig
entstand dabei ein diskreter Datensatz der Strahlungssituation zwischen Erde und
Mond in einem stark abgeschirmt konzipierten Crew-Raumschiff. Daraus erstellte
das Forschungsteam ein detailliertes dreidimensionales Bild der
Strahlenbelastung in unterschiedlichen Organen und Geweben. Der direkte
Vergleich der Strahlenbelastung von Helga und Zohar erlaubte es anschließend,
die Wirkung der Weste auf die empfindlichen Organe zu bewerten.
Dies geschah allerdings nicht allein auf Basis der Messdaten des
Artemis-I-Fluges. Während der Flugzeit kam es nicht zu einer signifikant
verstärkten Sonnenaktivität, aber Orion flog durch die Strahlungsgürtel der
Erde, die sogenannten Van-Allen-Gürtel. Das MARE-Team extrapolierte im Rahmen
der Auswertung und Analyse diese Daten aus dem Strahlungsgürtel auf die
Dimensionen bekannter Sonnenstürme aus der Vergangenheit, zu denen ebenfalls
Daten vorliegen, um die Schutzwirkung der Weste auch bei starker Sonnenaktivität
beurteilen zu können.
Durch die Hochrechnung der Messdaten auf Werte, wie sie bei extremen
Sonnenereignissen wie denen der Jahre 1972 und 1989 auftreten würden, konnte das
Studienteam die Schutzwirkung der Weste bewerten. Daraus ergab sich eine der
zentralen Erkenntnisse der gesamten MARE-Studie. Die gute Vergleichbarkeit der
Messdaten und der hochgerechneten Simulationswerte war eine zentrale
Voraussetzung, um die Schutzwirkung der Weste für solare Extremereignisse wie
aus den Jahren 1972 und 1989 belastbar einschätzen zu können. Hier ergab sich
eine der Kernerkenntnisse der gesamten MARE-Studie.
Bei einem starken Sonnensturm nach dem Vorbild des historischen Ereignisses
vom August 1972 könnte die AstroRad-Weste die effektive Strahlendosis eines
Menschen im Weltraum um rund 60 Prozent reduzieren. Für ein Ereignis ähnlich dem
Sonnensturm vom Oktober 1989, dessen Teilchenspektrum energiereicher war – und
damit schwerer abzuschirmen wäre –, ergibt die Hochrechnung eine Reduktion von
knapp 40 Prozent. Damit könnte die Schutzweste Astronautinnen und Astronauten im
Ernstfall einen erheblichen Teil ihrer zulässigen Lebenszeitdosis ersparen und
den Gesundheitsschutz im Weltraum deutlich verbessern.
Die berechnete Schutzwirkung der AstroRad-Weste könnte somit im Umkehrschluss
die aktive Zeit im Weltraum für Astronautinnen und Astronauten verlängern. Dies
kann für die perspektivisch immer komplexeren und weiter in den Raum
vordringenden astronautischen Missionen mehr Planungsspielraum geben. Auch wenn
sich die MARE-Studie auf den weiblichen Körper fokussiert hat, gilt die mögliche
Schutzwirkung auch für männliche Astronauten.
"Auf dem ersten Orion-Mondflug bei Artemis I mitfliegen zu können,
war eine großartige Gelegenheit für uns", sagt Dr. Thomas Berger,
Strahlenphysiker und Leiter der Studie vom DLR-Institut für Luft- und
Raumfahrtmedizin. "Die Ergebnisse zeigen jetzt, dass wir mit MARE einen
entscheidenden Schritt vom Messen hin zum Bewerten konkreter Schutz-
beziehungsweise Gegenmaßnahmen gehen konnten. Für künftige Missionen zum Mond
oder auch später weiter zum Mars müssen wir nicht nur wissen, wie hoch die
Strahlenbelastung ist. Es gilt auch zu verstehen, welche Schutzkonzepte unter
realistischen Missionsbedingungen wirken und zugleich praktikabel sind. Auf dem
Weg dahin liefert MARE einzigartige Daten."
Die AstroRad-Weste
konzentriert das abschirmende Material auf strahlenempfindliche Organe und
Gewebe. Dazu zählen unter anderem Knochenmark, Lunge, Magen, Brust und
Eierstöcke. Es ist also ein Konzept, das darauf ausgerichtet ist, ein möglichst
ideales Verhältnis aus hohem Gesundheitsschutz und kompakter Bauweise zu finden.
Dies ist in zweifacher Hinsicht wichtig: Zum einen sind Masse und Volumen einer
Nutzlast in der Raumfahrt generell ein limitierender Faktor. Sie müssen ihrem
Nutzen gegenübergestellt und ihr Mitflug stets abgewogen werden. Zum anderen
müssen sich Astronautinnen und Astronauten auf begrenztem Raum möglichst gut
bewegen können.
In zusätzlichen Modellrechnungen wurden Helga und Zohar – die nur den
menschlichen Torso abbilden – durch virtuelle Ganzkörper-Messphantome ersetzt,
um die berechnete Wirkung der AstroRad auch noch mit einem
realistischen Ganzkörperschutz gleicher Masse zu vergleichen. Hierbei betrug die
durch AstroRad erzielte Dosisreduktion 58,2 Prozent für das Ereignis
von 1972 und 36,9 Prozent für das Ereignis von 1989, während die
Ganzkörperabschirmung einen um etwa 30 Prozent geringeren Schutz bot. Dies
zeigt, dass das gezielt auf den Schutz sensibler Körperpartien ausgelegte
Westendesign der AstroRad sogar ein effektiverer Gesundheitsschutz als
ein Ganzkörperschutzanzug sein kann, der überall mit gleicher Stärke an
abschirmendem Material konzipiert ist. Gleichzeitig bleibt die Beweglichkeit der
Crew bei einer kompakten Weste besser erhalten als bei anderen, stärker
einschränkenden Schutzkonzepten.
Das Orion-Raumschiff verfügt für den Fall erheblicher Sonnenstürme über einen
geschützten Bereich, den sogenannten "Storm Shelter", den die Besatzung nach
Bedarf innerhalb der Raumkapsel schnell errichten kann. Ein tragbarer Schutz wie
AstroRad kann aufgrund seiner kompakten Bauweise solche Konzepte
ergänzen, etwa wenn Besatzungsmitglieder sich während eines
Strahlungsereignisses bewegen und wichtige Aufgaben nicht nur innerhalb, sondern
auch außerhalb des engen Schutzbereichs übernehmen müssen – und währenddessen
weiterhin geschützt bleiben. Aber auch für größere, weniger gegen Strahlung
abgeschirmte Raumfahrzeuge, Mondhabitate oder spätere Marsmissionen könnten
solche tragbaren Systeme in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.
Über die Ergebnisse des MARE-Experiments berichten die Forschenden in der
aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Science Advances.
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