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Wurde Signal durch eine Gravitationslinse verändert?
Redaktion
/ Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik astronews.com
16. September 2026
Ein Gravitationswellensignal, das am 23. November 2023 von
den beiden LIGO-Detektoren in den USA aufgefangen wurde, deutete auf die
Verschmelzung zweier ungewöhnlich massereicher Schwarzer Löcher als Quelle hin.
Jetzt legt eine neue Studie nahe, dass diese Gravitationswellen uns nicht
ungestört erreicht haben könnten, sondern durch eine Gravitationslinse verändert
wurden.

Das Gravitationswellenereignis GW231123
unter der Lupe.
Bild: I. Markin (Universität Potsdam),
H. Pfeiffer (Max-Planck-Institut für
Gravitationsphysik), T. Dietrich (Universität
Potsdam und Max-Planck-Institut für
Gravitationsphysik) (Simulation), B. Knispel, M.
Zumalacárregui (Max-Planck-Institut für
Gravitationsphysik)(Kollage) [Großansicht] |
Das Gravitationswellensignal GW231123, das die beiden LIGO-Detektoren in den
USA am 23. November 2023 von der Verschmelzung zweier Schwarzer Löcher
auffingen, gibt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern weiter Rätsel auf:
Angesichts ihrer großen Massen lassen sich die Schwarzen Löcher nicht mit dem
üblichen Verständnis der Sternentwicklung erklären. Sie sind aber nicht nur sehr
massereich, sie rotieren auch noch sehr schnell. Beides macht die Interpretation
des Signals besonders herausfordernd und deutet auf eine ungewöhnliche
Entstehungsgeschichte des Doppelsystems hin. In einer neuen Studie geht nun ein
Forschungsteam am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik
(Albert-Einstein-Institut, AEI) im Potsdam Science Park der Frage auf den Grund,
ob die gemessenen Massen und Drehgeschwindigkeiten durch die Wirkung einer
Gravitationslinse größer erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind.
Licht, das das Universum durchläuft, wird von massereichen Objekten
abgelenkt. So entstehen manchmal mehrere Bilder derselben astrophysikalischen
Quelle. Dieser Gravitationslinseneffekt muss berücksichtigt werden, um
Beobachtungen korrekt zu interpretieren. Linseneffekte werden routinemäßig bei
elektromagnetischen Quellen wie Sternen und Galaxien beobachtet und treten
voraussichtlich auch bei einem Teil der Gravitationswellenquellen auf. "Wie
Licht können auch Gravitationswellen von massereichen Objekten abgelenkt,
verstärkt und in mehrere Signale aufgespalten werden", sagt Miguel
Zumalacárregui, Gruppenleiter in der Abteilung Astrophysikalische und
Kosmologische Relativitätstheorie am AEI. "Bei Gravitationswellen eröffnen uns
Beugungs- und Interferenzeffekte eine zusätzliche Möglichkeit, solche
veränderten Signale zu identifizieren und zu untersuchen."
Um diese subtilen Beugungseffekte durch Gravitationslinsen nachzuweisen, sind
empfindliche Detektoren und neuartige Methoden zur Datenanalyse erforderlich. Zu
diesem Zweck entwickelte das Team ein mathematisches Modell der Ablenkung von
Gravitationswellen sowie eine Software, die schnell genug ist, um die Daten
auszuwerten. "Wenn wir davon ausgehen, dass GW231123 von einem kompakten Objekt
mit etwa 190 bis 850 Sonnenmassen – oder von einer ausgedehnten Struktur wie
einem Kugelsternhaufen – abgelenkt und verzerrt wurde, können wir die
beobachteten hohen Massen verstehen", sagt Srashti Goyal, die während ihrer Zeit
als Postdoc am AEI in Potsdam die Studie mitverfasst hat. "Außerdem erfordert
die Interpretation des Signals bei Einberechnung des Linseneffekts keine
ungewöhnlich hohen Drehgeschwindigkeiten." Berücksichtigt man diese Effekte,
läge die Gesamtmasse der Quelle bei etwa 140 Sonnenmassen statt bei etwa 230
Sonnenmassen. Das System wäre dann weitaus weniger außergewöhnlich und ließe
sich leichter in bekannte Szenarien zur Entstehung Schwarzer Löcher einordnen.
Der Titel der Studie, "Across the Universe", ist eine Anspielung auf die
Beatles – doch hier verändert die Reise tatsächlich, wie die Quelle erscheint.
Während sich Gravitationswellen durch das expandierende Universum ausbreiten,
werden ihre Wellenlängen gedehnt und ihre Frequenzen verringert – ein Effekt,
der als kosmologische Rotverschiebung bekannt ist und mit der Absenkung der
Tonhöhe eines Klangs vergleichbar ist. So wie ein Cello, das in einer tieferen
Tonlage gespielt wird, fälschlicherweise für einen Kontrabass gehalten werden
könnte, kann ein entferntes Doppelsystem zweier Schwarzer Löcher massereicher
erscheinen, als es tatsächlich ist. Die Vergrößerung durch die Gravitation
verstärkt diese Illusion zusätzlich, indem sie die entfernte Quelle näher
erscheinen lässt.
"Unsere Analyse deutet auch darauf hin, dass die kompakte Linse in ein
größeres Gravitationsfeld eingebettet war, beispielsweise in das der Galaxie, in
der sie sich befindet", fügt Héctor Villarrubia-Rojo, Postdoctoral Scholar an
der Universidad Complutense in Madrid und einer der Autoren der Studie, hinzu.
"Durch die Einbeziehung dieses externen Potenzials können wir die kleinräumige
Beugung und die großräumige Vergrößerung mit einem einzigen Regelwerk
beschreiben."
Bislang haben Forschende in den Daten der Gravitationswellen-Detektoren noch
keine eindeutig durch Gravitationslinsen veränderten Signale entdeckt. Laut der
neuen Studie ist GW231123 jedoch ein vielversprechender Kandidat für ein solches
Ereignis. "Die Natur der Linse bleibt in unserer Analyse ein großes Rätsel, da
einzelne kompakte Linsen mit 100 bis 1000 Sonnenmassen äußerst selten sein
dürften", erläutert Zumalacárregui. "Weitere Untersuchungen müssen klären, ob
sich solche Linsen bilden können oder ob eine Ansammlung leichterer Objekte,
darunter auch Sterne, dieses Ereignis erklären kann."
Wenngleich die aktuellen Daten noch keine eindeutigen Aussagen über
Gravitationslinsen zulassen, erwarten die Forschenden, nach weiteren Upgrades
der Detektoren auch abgelenkte Gravitationswellen zu entdecken und mit neuen
Datenanalyse-Methoden interpretieren zu können. Die durch die Gravitation
verursachte Vergrößerung könnte Verschmelzungen von Schwarzen Löchern jenseits
der Entfernung offenbaren, die aktuelle Detektoren normalerweise erreichen
können. Die Beugung wiederum ermöglicht es, kompakte Objekte und Strukturen aus
Dunkler Materie entlang der Sichtlinie zu untersuchen. Damit könnten derartig
abgelenkte Gravitationswellen eine neue Methode zur Erforschung des Universums
werden.
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