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Planetenentstehung live - wie ein Protoplanet mit seiner Umgebung wechselwirkt
Redaktion
/ Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Astronomie astronews.com
25. September 2026
Mit dem Radioteleskopverbund ALMA konnte ein Wirbel
beobachtet werden, der entsteht, wenn ein Protoplanet mit dem Gas der ihn
umgebenden protoplanetaren Scheibe wechselwirkt. Erstmals liegen damit
Beobachtungen aller Aspekte der Planetenentstehung vor. Die Forschenden
hoffen, künftig Wirbel in Gasscheiben um junge Sterne besser interpretieren zu
können.

Falschfarbenaufnahmen aus ALMA-Daten der
protoplanetaren Scheibe um WISPIT 2.
Bild: M. Benisty, MPIA / ALMA [Groß-
und Detailansicht] |
Über die vergangenen Jahrzehnte hinweg hat die Astronomie eine relativ genaue
Vorstellung darüber entwickelt, wie neue Planeten entstehen: Den Anfang machen
mikroskopische Staubkörner, die miteinander verklumpen. Am Ende kommt es zur
Entstehung von Gesteinsplaneten mit Durchmessern von Tausenden von Kilometern
wie unserer Erde oder der noch deutlich größeren Gasriesen wie Jupiter. Das
Szenario wird durch Simulationen und Beobachtungen gestützt, aber bei den
direkten Beobachtungen gab es eine wichtige Lücke. Diese konnte nun durch ein
Forschungsteam unter der Leitung von Myriam Benisty vom Max-Planck-Institut für
Astronomie geschlossen werden. Ein jetzt vorgestelltes mit dem
Radioteleskopverbund Atacama Large Millimeter/submillimeter Array
(ALMA) in Chile aufgenommenes Bild zeigt die Wechselwirkungen des Planeten
WISPIT 2b – eines Gasriesen mit der fünffachen Masse des Jupiter – mit dem
umgebenden Gas der protoplanetaren Scheibe.
Protoplanetare Scheiben aus Gas und Staub sind die Geburtsorte von Planeten.
Sie entstehen im Laufe der Sternentstehung rund um den jeweiligen jungen Stern.
Die Planetenentstehung beginnt damit, dass kosmische Staubteilchen in der
Scheibe miteinander verklumpen. In einem ersten Schritt entstehen dabei
kieselsteingroße Gebilde, sogenannte Pebbles, die sich im Laufe der Zeit zu
größeren Gebilden zusammenfinden, den Planetesimalen mit einer Größe von einigen
bis zu hundert Kilometern. Diese Planetesimale wiederum verbinden sich zu
soliden, planetengroßen Kugeln. In einem gasreichen Teil der Scheibe sammeln
sich um die Kugeln große Mengen Gas: sie werden zu den Kernen von Gasriesen wie
Jupiter oder Saturn. Beobachtungsdaten für dieses Entstehungsszenario waren
bislang überwiegend indirekter Natur.
Erst seit etwa einem Jahrzehnt sind direktere Einblicke möglich: Im Jahr
2014, direkt als das Millimeter-/Submillimeter-Observatorium ALMA den
wissenschaftlichen Beobachtungsbetrieb aufnahm, lieferte es erste Bilder von
ringartigen Strukturen in protoplanetaren Scheiben, welche durch die Anwesenheit
junger Planeten in der Scheibe verursacht werden dürften. Im Jahr 2018 gelang es
Astronominnen und Astronomen unter der Leitung von Miriam Keppler, damals
Doktorandin am MPIA, mit dem SPHERE-Instrument am Very Large Telescope
(VLT) der ESO das erste bestätigte Bild eines Protoplaneten innerhalb einer
protoplanetaren Scheibe aufzunehmen. Es zeigt den Planeten PDS 70b in der
Scheibe um den Stern PDS 70. Mit einer Entfernung von nur etwa 370 Lichtjahren
von uns ist das PDS-70-System nahe genug, dass vergleichsweise detailreiche
Beobachtungen möglich werden. Wechselwirkungen zwischen den Protoplaneten und
dem Gas in der Scheibe konnten allerdings bislang nicht nachgewiesen werden. Die
Planeten von PDS 70 scheinen ihre unmittelbare Umgebung recht effektiv von Gas
"gereinigt" zu haben.
Im August 2025 eröffnete sich dann eine weitere Chance. Da wurde die
Entdeckung des Systems WISPIT 2 bekanntgegeben, mit einer weiteren
protoplanetaren Scheibe, in der ein Planet deutlich zu erkennen ist. WISPIT 2
ist nach dem Suchprogramm benannt, das zu seiner Entdeckung führte (WIde
Separation Planets In Time"). Das System ist 430 Lichtjahre weit von der Erde
entfernt. Der erste Planet des Systems, WISPIT 2b, ein Gasriese, wurde parallel
mit dem SPHERE-Instrument am VLT der ESO und dem 6,5-m-Magellan-Clay-Teleskop
entdeckt. Charakteristisches Licht von angeregtem Wasserstoff (die sogenannte
"H-alpha-Linie") zeigt, dass dieser Planet nach wie vor Gas aus seiner Umgebung
akkretiert, also immer noch wächst. Die Entdeckung eines zweiten Planeten,
WISPIT 2c, wurde im März 2026 auf der Grundlage von Beobachtungen mit den
VLT-Instrumenten SPHERE und GRAVITY+ bekannt gegeben. Ein im August 2026
veröffentlichter Fachartikel des MPIA-Doktoranden Cade Bürgy zeigt, dass sich im
Zentrum der Scheibe nicht ein einzelner Stern, sondern zwei Sterne in einer sehr
engen Umlaufbahn umeinander befinden.
Was die Erstellung aussagekräftiger astronomischer Bilder der
Planetenentstehung besonders schwierig macht, ist der winzige Maßstab der
beteiligten Strukturen - angesichts der enormen Entfernung von uns. Es gibt
zumindest bei Gas- und Staubstrukturen eigentlich nur ein Instrument, das das
nötige Auflösungsvermögen besitzt: das ALMA-Observatorium, ein Feld aus 66
Radioteleskopen auf dem Chajnantor-Plateau in den chilenischen Anden. Die
ALMA-Antennen lassen sich in einer ganz bestimmten Weise so "zusammenschalten",
dass sie so scharf sehen wie ein einziges riesiges Teleskop mit einem
Durchmesser von bis zu 16 Kilometern. Nach der Entdeckung von WISPIT 2b lag
daher nahe, Gas und Staub in der WISPIT-2-Scheibe mit ALMA genauer unter die
Lupe zu nehmen.
Entsprechend richteten sich im September 2025 die ALMA-Antennen auf das
WISPIT-2-System. Die damalige Antennenanordnung entsprach dem größten mit ALMA
möglichen Auflösungsvermögen. Weitere Beobachtungen folgten November 2025 und
März 2026. Das Beobachtungsprogramm waren von einem Team unter der Leitung von
Stefano Facchini von der Universität Mailand geplant und vorgeschlagen worden,
zu dem auch Benisty gehörte, die Leiterin der Abteilung "Planetenentstehung und
Exoplaneten" am MPIA. Facchini, Benisty und weitere Teammitglieder waren bestens
vorbereitet: In den vergangenen Jahren hatten sie im Rahmen des Projekts "exoALMA"
ihre Fähigkeiten geschult, aus ALMA-Beobachtungen von protoplanetaren Scheiben
möglichst viele Informationen zu gewinnen. Benisty war bereits Teil der
Forschungsgruppe gewesen, die WISPIT 2b entdeckt hatte.
Leistungsstarkes Observatorium plus ein Team erfahrener Nutzerinnen und
Nutzer erwies sich als die richtige Kombination: Den Forschenden gelang es,
Bilder des Staubs und des Gases in der protoplanetaren Scheibe aufzunehmen, die
so detailreich waren wie nie zuvor. Spannende Ergebnisse gab es insbesondere
beim Gas der Scheibe. "Wir sehen deutlich, wie beide Planeten das Gas in ihrer
Umgebung beeinflussen", erläutert Benisty, die diesen Teil des Projekts leitete.
"WISPIT 2c hat um sich herum eine Art Höhle aus Gas geschaffen, WISPIT 2b eine
Lücke im Gas der Scheibe. Um WISPIT 2b herum finden wir genau so eine Art von
Gaswirbel, wie ihn Simulationen von Scheibe-Planet-Wechselwirkungen vorhergesagt
haben. Beobachtet wurde solch ein Wirbel allerdings nicht – aber jetzt haben wir
ein Bild davon!"
Damit ist WISPIT 2b der einzige Protoplanet, bei dem alle Puzzleteile der
Planetenentstehung sichtbar gemacht sind: die protoplanetare Scheibe, die
Planeten selbst, der Nachweis, dass der Planet noch immer Materie ansammelt, und
nun eben das Gas, wie es direkt mit dem Planeten interagiert -
Planetenentstehung live. Die Hoffnung dabei: Sind nach diesem ersten Beispiel
erst einmal weitere Beobachtungen dieser Art gelungen, könnte sich eine wichtige
offene Frage beantworten lassen. Wirbel allein, ohne den direkten Nachweis eines
Planeten, wurden nämlich bereits in anderen protoplanetaren Scheiben beobachtet.
Allerdings lassen sich solche Wirbel erst einmal nicht eindeutig interpretieren:
Deuten sie auf die Anwesenheit eines selbst nicht sichtbaren Planeten hin? Oder
sind da doch nur, ganz ohne Planet, turbulente Prozesse in protoplanetaren
Scheiben am Werk?
In den jetzt veröffentlichten Beobachtungen sehen wir erstmals beides, Wirbel
und Planet. "Hoffentlich helfen Beobachtungen wie diese den Astronomen, in
Zukunft Scheibenmerkmale, die auf die Anwesenheit eines Protoplaneten hindeuten,
von solchen zu unterscheiden, die auf andere Weise zustandekommen", so Facchini. Über ihre Beobachtungen berichtet das Team in einem Fachartikel, der in der
Zeitschrift Astrophysical Journal Letters
erschienen ist.
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