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Neuer Blick auf alte Rekonstruktion der Strahlungsleistung
der Sonne
Redaktion
/ Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung astronews.com
23. Dezember 2025
Wie hat sich die Strahlungsleistung der Sonne in der
Vergangenheit entwickelt und haben diese Änderungen eventuell Einfluss auf das
irdische Klima? 1993 kam eine Studie zu dem Ergebnis, dass die
Gesamtstrahlungsleistung der Sonne seit Mitte des 20. Jahrhunderts deutlich
angestiegen ist. Ein neuer - und jetzt ausgezeichneter - Blick auf die alte
Studie zeigt: ein Irrtum.

Aufzeichnungen zur Häufigkeit von
Sonnenflecken, hier ein Blick auf die Sonne des
Solar Orbiter, erlauben die Rekonstruktion der
solaren Strahlungsgeschichte.
Bild: ESA & NASA / Solar Orbiter/PHI
Team [Großansicht] |
Wie beeinflussen Helligkeitsschwankungen der Sonne das Klima auf der Erde?
Und welche Rolle spielt unser Stern im aktuellen Klimawandel? Um diese Fragen zu
beantworten, braucht es einen Blick in die Vergangenheit. Aussagekräftigste
Messgröße dabei ist die Gesamtstrahlungsleistung der Sonne. Sie gibt an, wie
viel Strahlung von der Sonne in allen Wellenlängen die Erdatmosphäre erreicht.
Mit ausreichender Genauigkeit direkt messbar ist diese Größe nur im Weltall –
und somit erst seit Beginn des Weltraumzeitalters vor etwa 50 Jahren. Für die
Jahrhunderte davor greifen Forschende auf Hilfsgrößen, etwa die Anzahl dunkler
Flecken auf der Sonne, zurück. Diese werden schon seit Hunderten von Jahren
aufgezeichnet und noch immer sorgfältig gemessen und dokumentiert. Aus
historischen Sonnenbeobachtungen und moderne Messdaten lässt sich dann die
Gesamtstrahlungsleistung der Sonne weit in ihre Vergangenheit rekonstruieren.
Iheodosios Chatzistergos vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung
(MPS) hatte im vergangenen Jahr einen kritischen Blick auf eine weit verbreitete
Rekonstruktion der solaren Strahlungsgeschichte geworfen. Denn es gibt nicht nur
eine Rekonstruktion, sondern verschiedene. Sie beruhen auf verschiedenen
Hilfsgrößen, Messreihen und Methoden und sind in gewisser Weise vergleichbar mit
verschiedenen Nacherzählungen eines historischen Ereignisses, die
unterschiedliche Quellen und Erzählstile verwenden. Die von Chatzistergos
untersuchte Rekonstruktion stammt aus dem Jahr 1993. Ihr zur Folge stieg die
Gesamtstrahlungsleistung der Sonne seit Mitte des 20. Jahrhunderts deutlich an,
ebenso wie die globale Temperatur auf der Erde. Alle anderen Rekonstruktionen –
darunter viele modernere – zeigen keinen solchen Anstieg. Wie kann das sein?
Auf der Suche nach Antworten übernahm Chatzistergos die aufwändige Aufgabe,
die Annahmen, Methoden und Ergebnisse der Rekonstruktion von 1993 gewissenhaft
zu prüfen und zu reproduzieren. Er zeigte, dass die Diskrepanz zwischen dieser
Rekonstruktion und allen anderen veröffentlichten Ergebnissen auf methodische
Mängel und Unstimmigkeiten in der 33 Jahre alten Arbeit zurückzuführen ist. In
seiner Studie erweiterte er die alte Rekonstruktion mithilfe neuerer Messungen
bis in die Gegenwart und erstellt so eine verbesserte und aktualisierte Version,
die gut mit direkten Strahlungsbeobachtungen übereinstimmt.
Die verbesserte und modernisierte Rekonstruktion kommt nun zu einem ähnlichen
Ergebnis wie alle anderen: Die Sonneneinstrahlung nahm in der zweiten Hälfte des
20. Jahrhunderts leicht ab. Dies steht in deutlichem Kontrast zu dem starken
Anstieg, den die Veröffentlichung von 1993 postulierte. "Die Untersuchung
bestätigt, dass Helligkeitsschwankungen der Sonne nicht zum aktuellen
Klimawandel beitragen", so Chatzistergos.
Die jetzt ausgezeichnete Veröffentlichung leistet nicht nur einen wertvollen
Beitrag zur aktuellen Klimadiskussion. Sie zeigt auch, wie sehr die Wissenschaft
profitiert, wenn bereits veröffentlichte Ergebnisse von anderen überprüft und
reproduziert werden – ein oftmals mühevolle, aber wertvolle Arbeit. Die Studie
von Chatzistergos wurde im vergangenen Jahr in Solar Physics
veröffentlicht und nun als beste Veröffentlichung des vergangenen
Jahres mit dem Kees-de-Jager-Preis ausgezeichnet. Der Preis wird seit 2021
jährlich überreicht. Er ist benannt nach Cornelis "Kees" de Jager, dem
Gründungsherausgeber der Journale Solar Physics und Space Science
Reviews.
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