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Mysteriöses dunkles Objekt gibt Rätsel auf
Redaktion
/ Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Astrophysik astronews.com
6. Januar 2026
Mithilfe von Radioteleskopen wurde ein dunkles Objekt im
fernen Universum entdeckt, das mit nichts zuvor Beobachtetem vergleichbar zu
sein scheint. Es könnte sich um ein extrem kompaktes Objekt handeln, das in eine
ausgedehnte und ebenfalls dunkle Materiescheibe eingebettet ist. Fänden sich
noch mehr solcher Objekte, könnten aktuelle Theorien Schwierigkeiten bekommen.

Ein mögliches Szenario für ein Objekt, das
ein Schwarzes Loch mit einer Masse von etwa
300.000 Mal der Masse unserer Sonne und eine
ausgedehnte dunkle Scheibe mit noch mehr Masse
umfasst. Dieses Objekt kann nur durch seinen
kombinierten Gravitationslinseneffekt auf das
ferne Universum charakterisiert werden.
Bild: MPA / generiert mit KI [Großansicht] |
Ein internationales Team von Astronomen hat möglicherweise eine neue Art von
unsichtbarem dunklen Objekt im fernen Universum entdeckt, das mit nichts zuvor
Beobachtetem vergleichbar zu sein scheint. Das Objekt, dessen Masse etwa eine
Million Mal so groß ist wie die unserer Sonne, wurde durch die subtilen
Gravitationsverzerrungen entdeckt, die es auf den Bildern eines stark gelinsten
Radiojets hinterlässt. Anhand einer neuen Analyse, die heute in der
Fachzeitschrift Nature Astronomy veröffentlicht wurde, hat das Team verschiedene
Modelle zur Struktur der Masse innerhalb des rätselhaften Objekts getestet, in
der Hoffnung, dessen Natur zu entschlüsseln. Zu ihrer Überraschung schließen die
Daten alle herkömmlichen Erklärungen aus. Sie deuten stattdessen auf ein extrem
kompaktes Objekt hin, wie ein Schwarzes Loch oder einen dichten Sternkern, das
in eine ausgedehnte Materiescheibe eingebettet ist, die bislang ebenfalls kein
nachweisbares Licht auszusenden scheint.
Astronomen nutzen seit Langem das Phänomen des starken
Gravitationslinseneffekts – die Ablenkung und Vergrößerung von Licht durch
massereiche Objekte –, um unsichtbare Strukturen im Universum zu untersuchen. In
vielen Fällen wirken diese Verzerrungen wie natürliche kosmische Mikroskope und
enthüllen sonst nicht nachweisbare Konzentrationen an Dunkler Materie – jener
schwer fassbaren Substanz, von der man annimmt, dass sie den größten Teil der
Masse in unserem Universum ausmacht. Durch die Analyse der Verzerrung des
Hintergrundlichts können Wissenschaftler die Masse von dazwischenliegenden
Objekten mit außerordentlicher Präzision kartieren, selbst wenn diese Objekte
selbst gar kein Licht ausstrahlen.
Für ihre jetzt vorgestellte Analyse kombinierte das Team Radioteleskope aus
aller Welt, darunter das Green Bank Telescope, das Very Long
Baseline Array und das European Very Long Baseline Interferometric
Network. Die Daten dieses internationalen Netzwerks von Radioteleskopen
wurden am Joint Institute for VLBI ERIC in den Niederlanden korreliert. Dadurch
entstand ein virtuelles Super-Teleskop, das die Größe der Erde hatte und die
präzisen Details der winzigen Gravitationslinsenverzerrungen erfasste, die durch
das bisher unsichtbare Objekt mit geringer Masse verursacht wurden.
Dr. Simona Vegetti vom Max-Planck-Institut für Astrophysik (MPA) erklärt, wie
schwierig die Modellierungsanalyse war: "Der Versuch, mithilfe des
Gravitationslinseneffekts die Struktur eines so weit entfernten und massearmen
Objekts zu entschlüsseln, war eine außerordentlich große Herausforderung und
zugleich unglaublich spannend. Wir arbeiten mit Daten hoher Qualität und
komplexen Modellen. Gerade als ich dachte, wir hätten es geschafft, überraschte
uns das Objekt erneut mit seinen Eigenschaften. Diese Kombination aus
Schwierigkeit und Mysterium macht dieses Objekt so faszinierend."
Durch die Kombination der hohen Genauigkeit der Linsendaten mit ausgefeilten
Analysewerkzeugen und einer enormen Rechenleistung gelang es Vegetti und ihrem
Team, die Struktur des massearmen Objekts über einen großen Radiusbereich mit
beispielloser Detailgenauigkeit zu charakterisieren. "Der zentrale innere Teil
ist auffallend kompakt, was entweder mit einem Schwarzen Loch oder einem dichten
stellaren Kern übereinstimmt, der überraschenderweise etwa ein Viertel der
Gesamtmasse des Objekts ausmacht", so Vegetti. "Wenn wir uns jedoch vom Zentrum
entfernen, flacht die Dichte des Objekts zu einer breiten, scheibenartigen
Komponente ab. Dies ist eine Struktur, die wir bisher noch nie gesehen haben.
Daher könnte es sich um eine neue Klasse von dunklen Objekten handeln."
In Bezug auf seine Gesamtgröße, Struktur und Masse könnte das Objekt
zur Familie der ultrakompakten Zwerggalaxien mit einem ausgedehnten Sternhalo
gehören. Dies sind seltene Systeme, die die Lücke zwischen massereichen
Sternhaufen und kleinen Galaxien schließen. Das Team hat jedoch noch kein Licht
von in das Objekt eingebetteten Sternen entdeckt. Selbst für diese Kategorie
kompakter Galaxien ist die gemessene innere Struktur des Objekts höchst
ungewöhnlich. Würde es stattdessen ausschließlich von Dunkler Materie dominiert,
würde seine seltsame Struktur nicht mit den Erwartungen der Astronomen
übereinstimmen, wie solche dunklen Objekte aussehen sollten.
"Unsere Standardvorstellung von der Entstehung kosmischer Strukturen sagt
voraus, dass es viele sternenlose Klumpen Dunkler Materie mit einer
Millionfachen Masse der Sonne geben sollte", so Prof. Simon White, emeritierter
Direktor am MPA und Mitautor der Studie. "Aber sie sagt auch eine Struktur für
sie voraus, die sich stark von dem unterscheidet, was wir hier gefunden haben,
insbesondere ist sie viel weniger zentriert. Obwohl die beobachteten
Eigenschaften des Objekts dramatisch von den Vorhersagen des Standardmodells der
kalten Dunklen Materie abweichen, welches einen Großteil unseres Verständnisses
des Universums untermauert, gibt es eine spekulative Alternative: die
Wechselwirkung der Dunklen Materie mit sich selbst. In einem solchen Szenario
könnte das Objekt ein Halo aus dunkler Materie sein, dessen Zentrum kollabiert
ist und in dem sich ein Schwarzes Loch gebildet hat. Es sind jedoch zusätzliche
numerische Simulationen erforderlich, um zu testen, ob eine solche Theorie das
beobachtete Dichteprofil des Objekts reproduzieren kann."
Dies ist das dritte Objekt dieser Art, das mit der sogenannten gravitativen
Bildgebungsmethode identifiziert wurde. Es ist jedoch bei weitem das kleinste in
Bezug auf die Masse und das erste, das so genau charakterisiert wurde. Alle drei
Entdeckungen weisen Eigenschaften auf, die sich nur schwer in das Standardmodell
der Dunklen Materie einfügen lassen. Die Identifizierung weiterer Beispiele wird
entscheidend sein, um festzustellen, ob es sich bei diesen Systemen um seltene
Ausreißer handelt oder ob sie erste Hinweise auf eine Physik jenseits des
aktuellen Modells der Dunklen Materie liefern.
"Wir hoffen, dass diese Entdeckung nur die erste von vielen ist, die mit
hochauflösenden Radioteleskopen so detailliert untersucht werden können", betont
Mitautor Prof. John McKean. "Mit den laufenden großflächigen
Himmelsdurchmusterungen und der ständig verbesserten Leistungsfähigkeit der
Folgebeobachtungen mit hoher Winkelauflösung sollten wir bald in der Lage sein,
eine ganze Population dieser schwer fassbaren Systeme mit geringer Masse zu
entdecken, die uns sicherlich neue Erkenntnisse über unser Universum liefern
werden."
Über ihre Beobachtungen berichtet das Team in einem Fachartikel, der in der
Zeitschrift Nature Astronomy erschienen ist.
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