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Ein Geburtsort für ganz verschiedene Meteoriten
Redaktion
/ Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung astronews.com
26. Mai 2026
Die Region direkt außerhalb der Jupiter-Bahn war in den
frühen Tagen des Sonnensystems eine Brutstätte für Planetesimale, die Vorgänger
von Planeten, Asteroiden und Kometen. Neue Simulationen zeigten jetzt, dass dort
über einen Zeitraum von zwei Millionen Jahren Körper mit sehr unterschiedlicher
Zusammensetzung entstanden sind.

Direkt außerhalb der Umlaufbahn des Jupiters
entstand eine ringförmige Region erhöhten
Gasdrucks. In dieser "Staubfalle" konnten über
mehrere Millionen Jahre Planetesimale
unterschiedlicher Zusammensetzung entstehen.
Bild: MPS / www.hormesdesign.de [Großansicht] |
In der Geburtsstunde des Sonnensystems kreiste eine Scheibe aus Gas und Staub
um die noch junge Sonne. Nach und nach ballte sich der Staub zusammen und formte
im Laufe von Millionen von Jahren kilometergroße Brocken, sogenannte
Planetesimale. Einige wenige wuchsen zu Planeten heran; die anderen gelten als
die Vorläufer der heutigen Asteroiden und Kometen. Forschende gehen davon aus,
dass diese Entwicklung nicht gradlinig verlaufen ist: Verschiedene
Entwicklungsstufen der Planetesimale traten gleichzeitig auf; und nicht jeder
Bereich der Scheibe bot günstige "Startbedingungen" für Planetesimale.
In einer jetzt vorgestellten Studie identifizieren Forschende des
Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung (MPS) in Göttingen den
ringförmigen Bereich direkt außerhalb der Umlaufbahn des Jupiters als ebenso
effektive wie variationsreiche Planetesimal-Brutstätte: Die Computersimulationen
zeigen erstmals, dass dort im Laufe von zwei Millionen Jahren Planetesimale mit
sehr unterschiedlicher Zusammensetzung entstanden.
Die Forschenden blickten speziell auf den Zeitraum zwischen etwa zwei und
vier Millionen Jahren nach der Geburtsstunde des Sonnensystems. Der Jupiter
hatte zu diesem Zeitpunkt bereits alle Materie in seiner Umgebung an sich
gerissen und so entlang seiner Umlaufbahn eine ringförmige Lücke in die Gas- und
Staubscheibe gefräst. Nach heutigem Verständnis entstand direkt außerhalb seiner
Umlaufbahn eine ringförmige Region erhöhten Gasdrucks, in der sich so viel Staub
ansammelte, dass er sich zu kleinen Materieklümpchen, sogenannten Pebbles,
zusammenfügte. Dass in einer solchen Staubfalle schon sehr früh Pebbles zu
Planetesimalen anwachsen konnten, war bekannt. Ob dieser Prozess auch über lange
Zeiträume Körper ganz unterschiedlicher Zusammensetzung hervorbringen konnte,
war hingegen unklar.
Die neue Studie zeigt nun, dass in Staubfallen über Millionen von Jahren sehr
verschiedene Planetesimal-Populationen entstehen können. Sie stellt so eine
Verbindung zu konkreten Meteoritengruppen her. "Erstmals ist es gelungen,
mithilfe von Computersimulationen des frühen Sonnensystems die Ergebnisse von
Laboruntersuchungen von Meteoriten genau zu reproduzieren. Die Meteorite
fungieren dabei sozusagen als Prüfstein für Theorien der Planetenentstehung",
sagt Thorsten Kleine, MPS-Direktor und Kosmochemiker.
Meteorite sind Brocken aus dem Weltall, die auf die Erde gestürzt sind. Die
meisten von ihnen sind Bruchstücke von Planetesimalen und haben sich seit ihrer
Entstehung kaum verändert. Kohlige Chondrite, Gesteinsmeteorite, die besonders
reich an Kohlenstoff sind, dürften außerhalb der Jupiterbahn genau im
simulierten Zeitraum entstanden sein. Das legen Laboruntersuchungen nahe. Anhand
von Alter und Zusammensetzung unterscheiden Forschende sechs Gruppen kohliger
Chondrite. Während einige fast ausschließlich aus feinkörnigem Material bestehen
und bereits bei leichter Berührung auseinanderbröseln, sind andere deutlich
robuster. Eingebettet in das feinkörnige Material enthalten sie – in
unterschiedlichen Mengenanteilen – mit bloßem Auge erkennbare Einschlüsse.
In ihren Simulationen konnten die Forschenden Alter und Zusammensetzung der
sechs Gruppen kohliger Chondrite reproduzieren. Ihre Grundbausteine, das
feinkörnige Material und die Einschlüsse, entsprechen in den Rechnungen zwei
Sorten von Material, das im frühen Sonnensystem vorlag: fragiler, bröseliger
Staub einerseits und kleine Bröckchen aus stabilerem Material andererseits.
Letztere hatten sich in zu Beginn des Sonnensystems stellenweise unter dem
Einfluss von Hitze gebildet und dann verteilt.
Die Modelle berücksichtigen deshalb die Zusammenstöße einzelner Partikel (und
als Folge ihr Auseinanderbrechen oder Aneinanderhaften) ebenso wie ihre
Bewegungen und Konzentrationen innerhalb der gesamten, riesigen Gasscheibe. So
zieht es etwa beide Teilchensorten aus dem äußeren Sonnensystem in Richtung
Sonne, allerdings mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Die Umlaufbahn des
Jupiters stellt dabei für die größeren, stabileren Teilchen eine effektivere
Barriere dar als für den kleineren Staub. Und das Entstehen erster Planetesimale
braucht einen Teil des zur Verfügung stehenden Materials auf.
Als Folge aller Effekte reichern sich im "Ballungszentrum" außerhalb der
Jupiterbahn im Laufe der Zeit beide Materiesorten in veränderlichen
Mengenverhältnissen an – und schaffen so die Voraussetzungen für das Entstehen
klar unterscheidbarer Planetesimal-Generationen: In den ersten 500.000 Jahren
nimmt der Anteil des bröseligen Materials zunächst ab, um in den folgenden
Million Jahren anzusteigen. Danach entstehen zwei getrennte Planetesimal-Populationen,
die entweder fast ausschließlich aus bröseligem oder stabilem Material bestehen.
Auf Grund ihrer Rechnungen glauben die Forschenden, dass zu einem früheren
Zeitpunkt auch andere Meteoritenarten als kohlige Chondrite in der Staubfalle
jenseits des Jupiters entstanden sein könnten. "Viel spricht dafür, dass in
unserem Sonnensystem Staubfallen der bevorzugte Geburtsort von Planetesimalen
waren", so Joanna Drążkowska, Leiterin der Lise-Meitner-Gruppe zur
Planetenentstehung am MPS.
Über ihre Ergebnisse berichtet das Team in einem Fachartikel, der in The
Astrophysical Journal erschienen ist.
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