|
Gesucht: die ideale Geometrie des neuen Gravitationswellendetektors
Redaktion
/ Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik astronews.com
30. Oktober 2026
In Europa soll im kommenden Jahrzehnt ein neuer Detektor für
Gravitationswellen in Betrieb gehen - das Einstein-Teleskop. Als Standorte
bewerben sich mehrere europäische Regionen. Doch bislang ist noch nicht einmal
entschieden, wie der Detektor genau aussehen soll. Im Oktober wurde ein
umfassender Bericht zu zwei möglichen Geometrien vorgelegt.

So könnte das Einstein-Teleskop einmal
aussehen - etwa in der Grenzregion Belgiens,
Deutschlands und der Niederlande, die sich als
Standort für den Detektor bewirbt.
Bild: Marco Kraan / Nikhef [Großansicht] |
Wie soll das geplante Einstein-Teleskop (ET) aussehen? Mit dieser Frage
befasste sich in den letzten Monaten ein Gremium aus über 200 Expertinnen und
Experten aus mehr als 20 europäischen und US-amerikanischen
Forschungseinrichtungen. Der vergleichende Bericht über die Detektorgeometrie
wurde in diesem Monat dem Gremium der Regierungsvertreter des Einstein-Teleskops
vorgelegt. Das Dokument soll die Entscheidungsfindung unterstützen und als
Wissensquelle für das Projekt dienen. Der standortunabhängige Bericht vergleicht
zwei verschiedene Geometrien: ein Dreieck mit 10 Kilometer langen Seiten und
zwei L-förmige Detektoren mit 15 Kilometer langen Seiten. Letztere sind etwa
1200 Kilometer voneinander entfernt und in festgelegten Winkeln zueinander
positioniert.
Das Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut,
AEI) mit Standorten im Potsdam Science Park und in Hannover ist seit langem eine
führende Institution in der Gravitationswellen-Forschung und Mit-Initiator des
Einstein-Teleskops (ET). Forschende am Institut haben leitende Funktionen
innerhalb des Projekts und der Einstein Telescope Scientific Collaboration
inne. "Das Einstein-Teleskop wird Schwarze Löcher über die gesamte
kosmische Zeit hinweg beobachten, Materie untersuchen, die zu dicht ist, um sie
in irgendeinem Labor zu erzeugen, Gravitationswellen und elektromagnetische
Strahlung zusammenbringen und einen Blick auf das frühe Universum werfen", sagt
Alessandra Buonanno, Direktorin am AEI in Potsdam. "Als Leiterin des Bereichs
'Wissenschaftlicher Mehrwert' hatte ich das Privileg, ein Team aus dreizehn
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Europa und den Vereinigten Staaten
zusammenzustellen und zu leiten. Wir haben die Ziele von ET in einer Reihe von
'goldenen Kanälen' zusammengefasst – wichtige wissenschaftliche Anwendungsfälle,
anhand derer wir jede vorgeschlagene Geometrie geprüft haben. Unter großem
Zeitdruck haben wir daran gearbeitet, einen fairen und schlüssigen Vergleich der
Konfigurationen zu erstellen."
Buonanno fasst zusammen: "Jedes Design liefert herausragende
wissenschaftliche Ergebnisse; die Wahl entscheidet darüber, welche Messungen das
ET am besten durchführen wird. Es war eine intensive und inspirierende Arbeit,
und die darauf aufbauende Entscheidung wird die europäische Wissenschaft über
Jahrzehnte prägen." Zum Team für den Bereich "Wissenschaftlicher Mehrwert"
gehörten außerdem Arnab Dhani, Postdoktorand am AEI in Potsdam, sowie Tim
Dietrich, Max-Planck-Fellow am AEI und Professor an der Universität Potsdam.
Die Entscheidung über die Geometrie des Einstein-Teleskops wird erhebliche
Auswirkungen auf das Projekt, die Gravitationswellenforschung und die
beteiligten Länder haben. Sie erfordert fundierte Informationen, die der
Komplexität und Vielschichtigkeit des Vorhabens Rechnung tragen. Der Bericht ist
eine erste Zusammenstellung und Bewertung dieser Informationen.
Er liefert bereits folgende Erkenntnisse: Sowohl das dreieckige Design mit
10-km-Armen als auch die Doppel-L-Konfiguration mit 15-km-Armen erfüllen die
wissenschaftlichen Anforderungen des Einstein-Teleskops. Um das
wissenschaftliche Potenzial der Entwürfe zu vergleichen, hat das Team für den
wissenschaftlichen Mehrwert ein Portfolio von "wissenschaftlichen goldenen
Kanälen" erstellt. Der Bericht zeigt, dass die 2L-Geometrie besser geeignet ist,
das breiteste Spektrum dieser Kanäle abzudecken. Die Analyse zeigt zudem, dass
keine einzelne Geometrie alle Aspekte des wissenschaftlichen Konzepts des ET
maximiert. Insbesondere ist die Winkelausrichtung zwischen den beiden L-förmigen
Detektoren ein weiterer Parameter, der optimiert werden kann.
Der Bericht enthält eine Methode zur Kostenberechnung für das ET-Projekt
sowie eine Schätzung der Kosten für die wissenschaftliche Instrumentierung, die
als "Detektorkosten" bezeichnet werden. Diese Schätzung enthält nicht die
technische und bauliche Infrastruktur sowie die Erneuerung der Rechnerhardware.
Laut dem Bericht werden die Kosten für die wissenschaftliche Instrumentierung
bei der dreieckigen Geometrie höher eingeschätzt.
Die Risikoanalyse zeigt nicht, dass eine Geometrie der anderen vorzuziehen
wäre. Die Art der identifizierten Risiken unterscheidet sich jedoch zwischen den
beiden Ansätzen: Während die dreieckige Geometrie einer stärkeren Gefährdung
durch Risiken im Zusammenhang mit technischen Herausforderungen und der
wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit ausgesetzt ist, ist die 2L-Geometrie
stärker Risiken ausgesetzt, die mit Governance- und organisatorischen Aspekten
zusammenhängen.
Das Governance-Modell kann und sollte den Entscheidungen bezüglich Geometrie
und Standort folgen, diese jedoch nicht vorgeben. Beide Konfigurationen gelten
als realisierbar und bergen hinsichtlich der Governance jeweils spezifische
Risiken und Chancen. Die mit der 2L-Konfiguration verbundenen mehreren Standorte
bieten jedoch ein günstigeres Chancen-Risiko-Verhältnis. Der Bericht hebt zudem
hervor, dass für beide Geometrien eine starke zentrale Koordination und Leitung
für eine erfolgreiche ET-Governance entscheidend ist.
Viele Details hängen von lokalen Möglichkeiten und künftigen internationalen
Partnerschaftsabkommen ab. Daher ist eine eingehende Untersuchung der
ökologischen Nachhaltigkeit und der sozioökonomischen Auswirkungen erforderlich,
sobald Form und Standort des Einstein-Teleskops feststehen. Diese erste Analyse
in Form einer differenzierten Bewertung zeigt bereits, dass keine der beiden
Konfigurationen in jeder Hinsicht überlegen ist, da sie völlig unterschiedliche
Risiko- und Betriebsprofile aufweisen. Die Analyse plädiert daher dafür, die
Geometrie zunächst auf wissenschaftlicher und technischer Grundlage festzulegen.
Eine Zusammenfassung des Berichts und auch der gesamte Bericht steht für
Interessierte im Internet bereit.
|