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Die Röntgenstrahlung des Sonnensystems
Redaktion
/ Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik astronews.com
20. April 2026
Mithilfe des Weltraumteleskops eROSITA ist es gelungen, das
durch unser Sonnensystem verursachte Röntgenleuchten herauszufiltern und dessen
Einfluss auf den weichen Röntgenhimmel aufzuzeigen. Die Ergebnisse
unterstreichen, wie wichtig es ist, bei der Analyse von Röntgendaten die
Vorgänge im Sonnensystem zu berücksichtigen.

Rekonstruktion, wie der diffuse
Röntgenhimmel für eROSITA von Mai bis Oktober
2021 ausgesehen haben sollte. Zu jedem Zeitpunkt
beobachtete eROSITA allerdings nur ein Gebiet von
einem Grad Durchmesser auf seinem Scan-Kreis. Bild: K.
Dennerl, J. Sanders, H. Brunner & the eSASS team
(MPE); E. Churazov, M. Gilfanov (IKI) [Großansicht] |
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern am Max-Planck-Institut für
extraterrestrische Physik (MPE) ist es gelungen, mithilfe des Weltraumteleskops
SRG/eROSITA die Röntgenstrahlung aus unserem Sonnensystem von ähnlicher
Strahlung, die aus dem fernen Weltraum zu uns gelangt, zu trennen. Dies wurde
durch vier Himmelskarten ermöglicht, die zwischen 2019 und 2021 in etwa 1,5
Millionen Kilometer Entfernung (etwa dem Vierfachen des Mondabstands) von der
Erde entfernt erstellt wurden. Dieser Erfolg liefert den bislang klarsten Blick
auf den "weichen" Röntgenhimmel (d. h. bei Röntgenenergien unter 1 keV). Zudem
wird die bisher nur als Störung angesehene Strahlung aus dem Sonnensystem als
wertvolles Signal genutzt, das Untersuchungen der Zusammensetzung und des
Ionisationszustands des Sonnenwinds über alle Breiten in Abhängigkeit von der
Sonnenaktivität ermöglicht und die Verteilung interstellaren Gases im
Sonnensystem sichtbar macht.
Die Röntgenstrahlung entsteht, wenn hochionisierte Sonnenwind-Teilchen wie
Kohlenstoff und Sauerstoff Elektronen von neutralen Atomen einfangen – ein
Vorgang, der als "solar wind charge exchange" (SWCX) bezeichnet wird. Da Atome
in der oberen Erdatmosphäre (der sogenannten Geokorona) und im gesamten
Sonnensystem (der Heliosphäre) vorhanden sind, führt das zu einer
allgegenwärtigen Vordergrundstrahlung. Sie beeinflusst praktisch jede
Untersuchung des diffusen weichen Röntgenhimmels – von der hunderte Lichtjahre
großen Lokalen Heißen Blase um das Sonnensystem und dem Milchstraßenhalo bis zu
den Außenbereichen entfernter Galaxienhaufen, wo sie Temperatur- und
Dichtemessungen verfälschen kann, die für kosmologische Modelle entscheidend
sind. Eine präzise Bestimmung der SWCX-Komponente ist daher von großer
Bedeutung; sie war aber bisher nur teilweise möglich.
Die eROSITA-Beobachtungen zeichnen vor allem zwei Besonderheiten aus: Erstens
sind sie aufgrund der einzigartigen Beobachtungsposition, fern von der Erde,
frei von der Röntgenstrahlung der Geokorona, die frühere Beobachtungen
beeinträchtigte. Zweitens wurde der Röntgenhimmel viermal vollständig kartiert
in einem Zeitraum von zwei Jahren, der das Minimum und den nachfolgenden Anstieg
der Sonnenaktivität überdeckte. Durch den Vergleich von Beobachtungen bei
unterschiedlichen Sonnenaktivitäten gelang es dem Team um Konrad Dennerl, die
heliosphärische SWCX-Komponente zu isolieren und den weichen Röntgenhimmel so zu
rekonstruieren, wie er bei Beobachtung von außerhalb des Sonnensystems
erscheinen würde.
Der mit eROSITA erzielte Fortschritt geht jedoch über eine reine
Datenbereinigung hinaus: die SWCX-Emission selbst konnte als wertvolles Signal
genutzt werden. Die Daten zeigen eine klare Entwicklung der heliosphärischen
Röntgenemission über den Sonnenzyklus. Während des Sonnenminimums ist die
Emission schwach und auf niedrige heliosphärische Breiten beschränkt. Mit
zunehmender Sonnenaktivität wird sie intensiver und dehnt sich auf höhere
Breiten aus. Dies bestätigt Vorhersagen aus Sonnenwindmessungen. Demnach sollte
man zunächst eine Region reduzierter Röntgenemission bei hohen Breiten
vorfinden, die sich dann allmählich schließt, "gerade so, als würde man das
Sonnensystem im Röntgenlicht atmen sehen", erklärt Gabriele Ponti vom MPE, dem
erstmals aufgefallen war, dass in einem bestimmten Himmelsareal die diffuse
Emission zeitliche Schwankungen zeigte.
Weitere Untersuchen ergaben Hinweise auf eine Röntgenquelle nahe der Erdbahn,
die nicht die Sonne umkreist – scheinbar im Widerspruch zur Himmelsmechanik. Die
Erklärung liegt in der Bewegung unseres Sonnensystems um das
Milchstraßenzentrum. Dabei wird es von Gas, das Heliumatome enthält,
durchströmt. Die Gravitation der Sonne verbiegt deren Flugbahnen und erzeugt auf
der strömungsabgewandten Seite einen konzentrierten Strom – den
Helium-Fokussierungskegel. Dieser wurde bereits seit den 1970er-Jahren
vorhergesagt und durch Messungen interstellaren Heliums und UV-Beobachtungen
bestätigt, doch Röntgennachweise blieben bislang unklar. Mit eROSITA gelang nun
die Kartierung des Helium-Fokussierungskegels ohne vorherige Annahmen über seine
Lage, allein durch Analyse der aus verschiedenen Positionen beobachteten
Röntgenstrahlung.
Aus Sonnenwindmessungen und Daten zur Verteilung interstellaren Materie im
Sonnensystem wurde ein dreidimensionales, zeitlich aufgelöstes Modell der
SWCX-Emission erstellt. Es ermöglichte eine Bestimmung der zu erwartenden
Röntgenstrahlung aus der eROSITA-Perspektive und konnte somit direkt überprüft
werden; der Vergleich ergab eine insgesamt gute Übereinstimmung. Das Modell
zeigt, dass die Emission zu jedem Zeitpunkt hauptsächlich in spiralförmigen
Strukturen innerhalb der Marsumlaufbahn entsteht, die sich als Folge
unterschiedlicher Sonnenwindgeschwindigkeiten ausbilden. Wir sehen sie am
Röntgenhimmel als Aufhellungen, die je nach Blickrichtung zeitliche Signaturen
von Stunden bis Tagen aufweisen. Erst bei Mittelung über mehrere Tage wird der
Helium-Fokussierungskegel deutlich sichtbar.
Die Ergebnisse markieren einen Wandel der Perspektive, indem sie ein bisher
störendes Ärgernis in ein wertvolles diagnostisches Werkzeug umdefinieren. "Wenn
man verfolgen kann, wie der Sonnenwind das Erscheinungsbild des Röntgenhimmels
zeitlich verändert, ermöglicht uns das nicht nur eine Bereinigung von
Beobachtungen des fernen Universums, sondern liefert uns auch bisher nicht
mögliche Einblicke in die Sonnenphysik und die Dynamik der Heliosphäre",
unterstreicht Dennerl, einer der Entdecker der Röntgenemission von Kometen im
Jahr 1996, die zu einer Erklärung der heliosphärischen Röntgenstrahlung führte.
"Das Verständnis der Röntgenemission unseres Sonnensystems ist der Schlüssel zur
korrekten Interpretation des diffusen Röntgenhimmels."
Die Ergebnisse wurden jetzt in der Wissenschaftszeitschrift Science
veröffentlicht.
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