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MATERIALFORSCHUNG
Materiewellen erlauben neuen Blick in den Nanokosmos
Redaktion / Pressemitteilung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt e. V.
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20. August 2025

Erstmals ist es gelungen, Materiewellen von Atomen durch einen Festkörper zu beugen. Bisher war dies nur mit Elektronen und Neutronen gelungen. Das Verfahren soll neue Wege in der Materialforschung eröffnen, um etwa auch strahlungsempfindliche Proben untersuchen und so strahlungsresistente Materialen für die Raumfahrt entwickeln zu können.

Muster

Mit einem Strahl aus Heliumatomen haben Forschende eine dünne Membran aus Graphen durchleuchtet. Die Materiewellen des Atomstrahls erzeugen hinter der Membran ein charakteristisches Wellenmuster. Bild: DLR [Großansicht]

Forschenden des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) ist es erstmals gelungen, einen Atomstrahl durch einen Festkörper zu beugen. Bisher wurde dies nur mit Elektronen oder Neutronen gezeigt. Dabei nutzten sie, dass sich Atome wie Wellen verhalten können. Ähnlich wie Wasserwellen bilden Materiewellen ein charakteristisches Muster, wenn sie auf eine atomare Gitterstruktur treffen. Die Anwendungsmöglichkeiten sind enorm: Das Spektrum reicht von der Materialforschung über Nanotechnologien in der Industrie und möglicherweise bis in die Medizin. Das Verfahren kann helfen, gegen Weltraumstrahlung resistente Materialien zu entwickeln, beispielsweise für Raumfahrtelektronik. Die Technologie verspricht zudem eine schonende Untersuchung strahlungsempfindlicher Proben.

In der Materialforschung, in der Biomedizin und der Chemie ist die Elektronenmikroskopie ein unverzichtbares Analysewerkzeug. Die Materiewellen der Elektronen können einzelne Atome sichtbar machen. Damit ist es beispielsweise möglich, die Bildung von Kristallen, Fremdatome oder Fehlstellen in Atomgittern sowie die Güte von Oberflächen zu untersuchen. Bei der Transmissionsmikroskopie werden die Proben bisher mit einem Elektronenstrahl durchleuchtet. Dies bringt jedoch eine enorme Strahlenbelastung mit sich. "Die Strahlendosis ist lokal so hoch, dass sich das Verfahren nicht für organische Stoffe eignet", erklärt Dr. Christian Brand vom DLR-Institut für Quantentechnologien. Das DLR entwickelt daher neue, zerstörungsfreie Messmethoden für die Materialforschung. Die Technologien basieren auf Materiewellen von Atomen. Sie versprechen eine zerstörungsfreie, bildgebende Analyse atomarer und molekularer Strukturen in Festkörpern und organischen Proben.

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Am DLR-Institut für Quantentechnologien ist es nun erstmals gelungen, Atomstrahlen an einem Festkörper zu beugen. Die DLR-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben in einer Vakuumkammer Wasserstoff- und Heliumatome auf Geschwindigkeiten von bis zu zwei Millionen Kilometer pro Stunde beschleunigt und damit eine ultradünne Membran aus Graphen durchleuchtet. Diese bestand aus nur einer einzelnen Schicht von regelmäßig angeordneten Kohlenstoffatomen. Beim Durchdringen der Graphenmembran zeigte der Atomstrahl seine quantenphysikalischen Welleneigenschaften. Als Materiewellen umfliegen die einzelnen Atome mehrere Kohlenstoffatome der Probe gleichzeitig. Dabei werden sie ähnlich wie Wasserwellen an Hindernissen abgelenkt und überlagern sich hinter der Probe. Dort entsteht ein sogenanntes Beugungsmuster, das auf einem Detektorschirm sichtbar wird. Form und Größe des Beugungsmusters erlauben Rückschlüsse, wie die Atome in der Probe angeordnet sind.

Materiewellen von Atomen öffnen gegenüber Verfahren mit Elektronen- oder Neutronenstrahlen neue Möglichkeiten in der Materialforschung. Der große Vorteil von Atomen ist, dass sie elektrisch neutral sind. Sie wechselwirken mit den Proben wesentlich schonender als Elektronen. Damit lässt sich der atomare oder molekulare Aufbau auch von strahlungsempfindlichen Proben bestimmen, beispielsweise in der organischen Chemie oder perspektivisch auch in der Biologie und Medizin. Zum anderen lassen sich Atomstrahlen einfacher erzeugen als Neutronenstrahlen, für die ein Kernreaktor nötig ist.

Um das Beugungsmuster der Materiewellen aufnehmen zu können, dürfen die Atome in dem Strahl nicht zu langsam und nicht zu schnell sein. "Die Herausforderung war, die Graphenmembran so rein wie möglich zu halten und die Geschwindigkeit des Atomstrahls so anzupassen, dass wir die Beugungseffekte deutlich sehen konnten. Festkörper sind so massiv, dass Atomstrahlen sie normalerweise nicht durchdringen können. Die Atome bleiben darin einfach stecken", erklärt Carina Kanitz, die das Experiment durchgeführt hat. Die Atome dürfen aber auch nicht zu schnell sein, sonst überlagern sich die einzelnen Strukturen des Beugungsmusters und lassen sich nicht mehr auseinanderhalten.

"Wir haben uns natürlich gefragt, warum die empfindlichen Quantenzustände der Atome beim Durchdringen der Probe nicht zerstört werden. Sonst gäbe es kein Beugungsbild, wie wir es gemessen haben", erklärt Brand. Die Antwort lieferten Simulationen aus der Gruppe von Prof. Toma Susi, Leiter der Abteilung Physik Nanostrukturierter Materialien an der Universität Wien. "Die Atome sind so schnell, dass sie nur den Millionsten Teil einer Milliardstel Sekunde Zeit haben, mit der Probe zu interagieren. Das ist so kurz, dass die Quantenzustände erhalten bleiben", sagt Susi. Die Wasserstoff- und Heliumatome quetschen sich regelrecht durch die Graphenmembran hindurch. "Je schneller die Atome durch die Membran hindurchfliegen, umso weniger müssen sie die Kohlenstoffatome in der Membran zur Seite drücken, desto geringer ist die quantenphysikalische Wechselwirkung zwischen Atomstrahl und Probe. Der Atomstrahl verhält sich dann wie eine breite Welle, die den Festkörper großflächig durchdringt", ergänzt Brand.

Die DLR-Forscherinnen und -Forscher wollen die Beugung von Atomen nun an Materialien erproben, die sich mit den bisherigen Methoden nur schwer untersuchen lassen. Der Fokus liegt auf Stoffen der organischen Chemie, wie Polymermembranen für Filtersysteme, bis hin zu Materialien für Elektronikbauteile. Aktuell sind rund 2.000 sogenannte funktionale 2D-Materialien wie Graphen bekannt. Sie besitzen oft spezielle elektrische Eigenschaften. Atomar dünne Membranen haben als Hightech-Werkstoffe ein enormes Potenzial, um elektronische Bauteile zu miniaturisieren. Dies macht sie besonders für die Raumfahrt interessant. Anwendungen reichen von Miniaturkondensatoren bis zu Quantensensoren für elektrische und magnetische Felder.

Die Technologie der Materiewellen von Atomen kann helfen, strahlungsresistente Materialien zu entwickeln und zu erproben. Teilchenstrahlung mit Energien wie in den Beugungsexperimenten ist im Weltraum allgegenwärtig, beispielsweise im Sonnenwind. Dies kann strahlungsempfindliche Materialen oder auch elektronische Bauteile beim Einsatz im Orbit schädigen. In Atomgittern entstehen Defekte wie Einschusslöcher, Moleküle können zerbrechen. Mithilfe von Materiewellenexperimenten lassen sich solche Bedingungen mit Atom-, Ionen- und Elektronenstrahlen im Labor nachstellen. Das Ziel ist ein tieferes Verständnis, wie Materie und Teilchenstrahlen wechselwirken und Lösungen zu finden, wie sich Strahlenschäden vermeiden lassen.

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