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Was ein Wasser-Tornado über die Entstehung von Planeten
verrät
Redaktion
/ Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Astronomie astronews.com
24. Juli 2025
Ein Forschungsteam hat ein einfaches Labormodell für
kosmische Strömungen entwickelt: Mit einem Wasser-Tornado ist es gelungen, die
Dynamik von Gas und Staub in planetenbildenden Scheiben realitätsnah
nachzubilden. Das Team hofft, auf diese Weise mehr über die Prozesse bei der
Planetenentstehung zu erfahren, die mit Computermodellen allein nicht zugänglich
sind.

Das Wasser-Tornado-Modell: Das obere Becken
aus Plexiglas hat einen Durchmesser von 50 Zentimetern und
wird mit LED-Streifen beleuchtet. Darunter befindet sich ein
schmalerer Zylinder. Am Boden sind zwei schwarze Düsen
angebracht, die über Schläuche Wasser in das Gefäß pumpen. Das
Wasser darin entwickelt dadurch einen Wirbel, dessen
Oberfläche das Profil eines Gravitationsfelds nachbildet. Die
Auswertung hat ergeben, dass sich die Bewegungen des Wassers
ähnlich wie diejenigen in einer protoplanetaren Scheibe
verhalten.
Foto: S. Schütt (Universität
Greifswald) [Großansicht] |
Forschende der Universität Greifswald und des Max-Planck-Instituts für
Astronomie (MPIA) in Heidelberg haben einen Prototyp eines Versuchsaufbaus
entwickelt, der mithilfe eines Wasser-Tornados Strömungseigenschaften in
Akkretionsscheiben nachahmen kann. Der Aufbau ist dabei kostengünstig und
einfach zu realisieren. Akkretionsscheiben findet man im Universum in
verschiedensten Größen. Eine gemeinsame Eigenschaft ist, dass Gas um ein
zentrales Objekt kreist, das mit seiner Schwerkraft die Umgebung beeinflusst.
Ein Teil des Gases gelangt allmählich ins Zentrum der Scheibe, wodurch das
zentrale Objekt an Masse gewinnt.
Akkretionsscheiben umgeben unter anderem junge Sterne. Das Gas ist hierbei
mit mikroskopisch kleinen Partikeln durchsetzt, die Astronominnen und Astronomen
Staub nennen. Diese haften aneinander und können allmählich zu Objekten von bis
zu Tausenden Kilometern wachsen, den Vorläufern von Planeten. Diese komplexen
Prozesse, die sich im Kleinen wie im Großen abspielen, wobei geordnete Bahnen,
aber auch kompakte Strudel auftreten können, sind jedoch schwer zu beobachten.
Deswegen greifen Forschende häufig auf Simulationen zurück, um die Vorgänge
über die mathematische Beschreibung von physikalischen Gesetzen im Computer
nachzubilden. Allerdings ist es schwierig, mit solchen Berechnungen alle
Größenskalen einer solchen planetenbildenden Scheibe über große Zeiträume zu
erfassen. Zudem müssen die Simulationen stets mit Messungen von realen Objekten
abgeglichen werden, da Rechenartefakte die Ergebnisse verfälschen können.
Das neu entwickelte Wasser-Tornado-Modell könnte ein eleganter Weg sein, um
einige dieser Schwierigkeiten zu vermindern. Entgegen früheren Versuchen, ein
solches Analogexperiment zu entwickeln, hat der neue Ansatz zwei entscheidende
Vorteile: Einerseits erlaubt es, Scheiben weiträumig in radialer Richtung
nachzubilden. Frühere Ansätze ermöglichten nur die Untersuchung schmaler,
ringförmiger Zonen. "Andererseits entsprechen die Bewegungen und Strömungen
weitgehend denjenigen, die man auch in planetenbildenden Scheiben und
Planetensystemen findet", erläutert Stefan Knauer von der Universität
Greifswald. "Einige grundlegende physikalische Gesetzmäßigkeiten von
Planetenbahnen hat Johannes Kepler zu Anfang des 17. Jahrhunderts in seinen
berühmten Keplerschen Gesetzen ausformuliert und können zudem auf Gase in einer
Scheibe angewandt werden. Erste Versuche haben gezeigt, dass diese Gesetze
weitgehend auch im Wasser-Tornado-Modell gültig sind."
Diese Ergebnisse könnten Computersimulationen um solche Aspekte ergänzen, die
den Beobachtungen von realen Scheiben verborgen bleiben und somit neue
Erkenntnisse liefern. Ein Aspekt, der dabei besonders interessiert, ist, wie
sich die Staubteilchen und das Gas gegenseitig beeinflussen und so die Bildung
von Planeten begünstigen.
Bei der Konzeption des Versuchsaufbaus musste beachtet werden, dass er das
Gravitationspotential eines Sterns im Zentrum einer protoplanetaren Scheibe
möglichst gut nachbildet. Die Lösung dieser Aufgabe lieferte ein Experiment, das
denkbar einfach aufgebaut ist. Der Wasserbehälter besteht aus zwei
unterschiedlich breiten Zylindern aus Plexiglas, die übereinander angeordnet
sind. Am Boden des unteren, 15 Zentimeter schmalen Zylinders befindet sich in
der Mitte ein Abfluss. Weiter außen sind zwei Düsen montiert, über die Wasser
parallel zum Beckenboden und in entgegengesetzter Richtung hineingepumpt wird.
Die Pumpe stammt aus dem Aquariumshandel.
Die Strömung versetzt das Wasser im Becken in Rotation. Dabei bildet sie
einen Trichter aus, dessen Oberfläche vom Beckenboden bis zur Wand des oberen,
50 Zentimeter breiten, Behälters reicht. Etwa bei einem Abstand von drei
Zentimetern von der Mitte des Aufbaus beginnt die für die Experimente verfügbare
Zone und reicht nahezu bis zum Beckenrand. Die Form des Wasser-Tornados erfüllt
dabei die geforderte Eigenschaft, ein Gravitationsfeld nachzuahmen.
Um das Strömungsverhalten der Wasseroberfläche zu erfassen, hat die
Forschungsgruppe kleine Kugeln aus Polypropylen in den Wirbel gegeben. Da dieser
Kunststoff etwa die Dichte von Wasser besitzt, blieben diese Teilchen nahe an
der Wasseroberfläche und wurden mit dem Strudel mitgerissen. Zur Auswertung
dienten Bilder einer Hochgeschwindigkeitskamera, die die Positionen der Kugeln
aufzeichnete. Ein Computeralgorithmus ermittelte daraus ihre Bahnen. Wie
erwartet, erfüllten viele Bahnen das erste Keplersche Gesetz nicht. Dieses
besagt, dass die Objekte sich entlang von Ellipsen bewegen. Trichterförmige
Versuchsanordnungen neigen jedoch dazu, spiralförmige oder nicht geschlossene
Bahnen zu erzeugen. Dieser Nachteil lässt sich allerdings durch eine geeignete
Skalierung der Versuchsanordnung verringern. Eines der nächsten Experimente wird
daher deutlich größer ausgelegt werden.
Im Durchschnitt schienen aber die beiden anderen Keplerschen Gesetze die
Bewegung der Teilchen gut wiederzugeben. Das zweite Gesetz besagt, dass der
Fahrstrahl eines bewegten Objekts entlang seines Orbits in gleichen Zeiträumen
dieselbe Fläche überstreicht. In einem Planetensystem bedeutet das, dass die
Bahngeschwindigkeit in der Nähe des Sterns am höchsten ist. Die Bahnen im
Wasser-Tornado zeigten mit leichten zeitlichen Schwankungen dasselbe Verhalten.
Das dritte Keplersche Gesetz etabliert einen mathematischen Zusammenhang
zwischen der Umlaufzeit und dem Durchmesser einer Planetenbahn. Auch in diesem
Sinn verhielten sich die Kugeln im Wasser-Tornado sehr ähnlich.
Weiterhin zeigte eine detailliertere Auswertung, dass die hydrodynamischen
Kennzahlen im Wasser-Tornado weitgehend denen entsprechen, die typischerweise in
protoplanetaren Scheiben ermittelt werden. Daraus schließen die Forschenden,
dass sich hinreichend kleine Teilchen, die im Laborexperiment dem Wassertrichter
zugesetzt werden, ähnlich wie Staubteilchen in planetenbildenden Scheiben
verhalten sollten.
Der erläuterte Versuchsaufbau ist ein Prototyp. Das bedeutet, dass mit diesem
ersten Modell die prinzipiellen Eigenschaften und das Potenzial für die
astronomische Forschung geklärt werden sollten. "Die aktuellen Ergebnisse dieses
Analogexperiments haben mich beeindruckt", sagt Mario Flock, der am MPIA
planetenbildende Scheiben mit Computermodellen erforscht. "Ich bin
zuversichtlich, dass wir durch einige Anpassungen in einem nächsten Schritt das
Wasser-Tornado-Modell verbessern und einem wissenschaftlichen Einsatz
näherkommen können."
Das Team hofft, dass sie etwa durch eine Optimierung der Gefäßform
Turbulenzen verringern können, sodass die Oberfläche und das Strömungsverhalten
des Wassertrichters weniger Störungen aufweisen. Das wird ihnen helfen, die
gewünschten Eigenschaften dieses Analogexperiment präziser auszuloten.
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