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Wo neue Sterne entstehen können
Redaktion / MPIfR
astronews.com
29. Juni 2006
Astronomen haben jetzt eine neue Radiokarte der
Andromedagalaxie fertiggestellt: Die Karte zeigt, wo sich in unserer
Nachbargalaxie kaltes Gas befindet, das Baumaterial für die Entstehung neuer
Sterne. Darüber hinaus wird die Bewegung dieses Gases erkennbar. Mit über 800
Stunden Teleskopzeit ist dieses Projekt eines der umfangreichsten in der
Millimeter-Radioastronomie.

Verteilung des kalten Gases in der Andromeda-Galaxie M31 (oben)
und im Vergleich dazu ein optisches Bild von M31. Bilder:
Nieten et al. (oben), Tautenburg Observatorium (unten)
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Wie entstehen Sterne? Bis heute eine der wichtigsten Fragen der Astronomie.
Die Geburtsstätten der Sterne, so viel wissen Astronomen inzwischen, liegen in
kalten Gaswolken mit Temperaturen von unter -220 Grad Celsius. Nur diese können
eine ausreichend hohe Dichte erreichen und dann unter ihrer eigenen Gravitation
zusammenstürzen.
Kalte Gaswolken im Weltall bestehen vor allem aus molekularem Wasserstoff H2
(zwei Wasserstoff-Atome zu einem Molekül verbunden). Dieser sendet schwache
Strahlung in Infrarot-Spektrallinien aus, die mit erdgebundenen Teleskopen fast
nicht nachzuweisen sind, weil die Atmosphäre diese Strahlung absorbiert. Daher
untersuchen die Astronomen ein anderes Molekül, das zwar viel seltener ist, aber
erfahrungsgemäß immer zusammen mit H2 auftritt: Kohlenmonoxid (CO).
Dieses hat eine helle Spektrallinie bei 2,6 mm Wellenlänge, messbar mit
Radioteleskopen in klimatisch günstiger Lage, also auf Bergen, in der Wüste oder
am Südpol. Kohlenmonoxid hat im Kosmos einen besseren Ruf als auf der Erde, denn
das Molekül ist ein Indikator für günstige Bedingungen, unter denen neue Sterne
und Planeten entstehen können.
In unserer eigenen Galaxis, der Milchstraße, wird das Vorkommen von
Kohlenmonoxid seit langem untersucht. Es gibt noch genügend kaltes Gas, um auch
in Zukunft neue Sterne hervorbringen zu können. Viele Fragen sind jedoch noch
offen, etwa wie das "Baumaterial" molekulares Gas selbst entsteht. Stammt es aus
einem Vorrat aus der Frühzeit der Galaxis oder kann es sich aus dem (wärmeren)
atomaren Gas bilden? Kann eine Gaswolke spontan kollabieren, oder braucht sie
einen Anstoß von außen, um instabil zu werden? Wir befinden uns mitten in der
Scheibe unserer Galaxis, und es ist sehr schwierig, von innen heraus einen
Überblick über diese Vorgänge zu bekommen.
Also haben Astronomen unseren Nachbarn im All ins Visier genommen: Die
Andromeda-Galaxie (M31) ist ein Sternsystem aus vielen Hundert Milliarden
Sternen, ähnlich unserer Milchstraße. Mit "nur" 2,5 Millionen Lichtjahren
Entfernung ist M31 die nächste Spiralgalaxie. Am Himmel nimmt sie einen Winkel
von fast 5 Grad ein und ist mit bloßem Auge bereits bei klarem Himmel als
diffuses Wölkchen erkennbar. M31 ist ein ideales Objekt, das den Forschern
hilft, die Vorgänge in unserem eigenen Sternsystem besser zu verstehen.
Im Jahr 1995 begann ein Team von Radioastronomen am Institut de
Radioastronomie Millimétrique (IRAM) in Grenoble und am Max-Planck-Institut
für Radioastronomie (MPIfR) in Bonn mit dem ehrgeizigen Projekt, die komplette
Andromeda-Galaxie in der Kohlenmonoxid-Linie mit dem 30-Meter-Teleskop des IRAM
auf dem 2.970 Meter hohen Pico Veleta bei Granada (Spanien) zu kartieren. Bei
einer Winkelauflösung dieses Teleskops von 23 Bogensekunden mussten, um auch nur
die inneren 2 Grad Ausdehnung der Galaxie zu erfassen, über 1,5 Millionen
Einzelpositionen gemessen werden.
Zur Bewältigung dieser gewaltigen Aufgabe
wurde nicht jeder Punkt eigens angefahren, sondern das Teleskop streifenweise
über die Galaxie bewegt und die Messdaten dabei kontinuierlich aufgenommen.
Diese Methode, speziell entwickelt für das M31-Projekt, ist auf dem Pico Veleta
inzwischen Routine und auch an anderen Teleskopen übernommen worden.
Jede Position in M31 lieferte nicht nur einen, sondern gleich 256 Messwerte
über ein Spektrum mit einer Bandbreite von etwa 0,2 Prozent der zentralen
Wellenlänge von 2,6 mm. Damit besteht das komplette Beobachtungsmaterial aus
insgesamt ca. 400 Millionen Zahlenwerten. Die genaue Lage der Linie des CO im
Spektrum gibt Aufschluss über die Bewegung des kalten Gases. Bewegt es sich auf
uns zu, so ist die Linie zu kürzeren Wellenlängen verschoben, bewegt es sich von
uns weg, so verschiebt sich die Spektrallinie zu größeren Wellenlängen, so wie
man es auch von Polizei- oder Krankenwagen her kennt (Doppler-Effekt). So lassen
sich sogar hintereinander liegende Gaswolken aufgrund ihrer unterschiedlichen
Geschwindigkeiten trennen. Ist eine Linie besonders breit, so expandiert oder
kollabiert die Gaswolke, oder sie besteht aus vielen Einzelwolken.
Ende 2001 konnten die Beobachtungen abgeschlossen werden - nach mehr als 800
Stunden Teleskopzeit. Damit ist dieses Projekt eines der umfangreichsten, das je
bei IRAM oder am MPIfR durchgeführt wurde. Nach ausführlicher Bearbeitung und
Analyse der enormen Datenmenge, wurde die fertige Karte der Verteilung des kalten
Gases nun veröffentlicht.
Das kalte Gas in der Andromeda-Galaxie ist in erstaunlich filigranen
Spiralarmen konzentriert. Die CO-Linie ist in einzigartiger Weise geeignet, die
Spiralstruktur einer Galaxie zu zeigen. Die auffälligsten Spiralarme in M31
liegen in einem Abstand von 25.000 bis 40.000 Lichtjahren vom Zentrum. Weiter
innen, wo sich die Hauptmasse der alten Sterne befindet, sind die Spiralarme
viel schwächer, weiter außen fehlen sie fast ganz. Infolge der starken Neigung
der Galaxie gegen die Sichtlinie (etwa 78 Grad) scheinen die hellsten Spiralarme
eine riesige Ellipse mit einer Hauptachse von 2 Grad zu bilden - M31 wurde
früher fälschlicherweise für eine "Ring-Galaxie" gehalten.
Der Unterschied zwischen der Dichte des kalten Molekül-Gases in den
Spiralarmen und in den Zwischenarmgebieten ist enorm groß, Dagegen ist das
atomare Gas, das sich im neutralen Wasserstoff zeigt, viel gleichmäßiger
verteilt ist. Es wird diskutiert, ob das molekulare Gas aus atomarem Gas durch
Verdichtung entsteht, und zwar vorzugsweise in einer schmalen Ringzone innerhalb
der Galaxie, in der auch fast die gesamte Sternbildung stattfindet.
Was diese
Zone vor allen anderen auszeichnet, lässt sich noch nicht eindeutig beantworten.
Möglicherweise ist der Gasring von M31 der noch nicht verbrauchte Rest einer
ursprünglich viel größeren Gasmasse. Vielleicht spielt auch das außergewöhnlich
reguläre Magnetfeld eine Rolle, das nach Radiobeobachtungen mit dem Effelsberger
100-Meter-Teleskop fast die gleiche Form hat wie die CO-Spiralarme und dort die
Sternbildung auslösen könnte.
Die Ringzone ("Geburtszone" für die Bildung neuer Sterne) in unserer eigenen
Galaxis ist kleiner als die von M31, sie reicht von etwa 10.000 bis 20.000
Lichtjahre Entfernung von Zentrum. Trotzdem ist die Gesamtmasse an kaltem Gas in
unserer Galaxis viel größer als in M31. Da alle Galaxien ungefähr gleich alt
sind, muss die Milchstraße sparsamer mit dem Rohstoff für Sterne umgegangen
sein. In M31 dagegen weisen die vielen alten Sterne im Zentralbereich auf eine
helle Vergangenheit hin, in der die Sternbildungsrate viel höher war als heute.
Jetzt ist dort fast das gesamte Gas verbraucht und die Sternproduktion zum
Erliegen gekommen. Die neue Karte zeigt, wie aktiv die Andromeda-Galaxie bei der
Sternbildung aus kalten Gaswolken war. In einigen Milliarden Jahren wird unsere
Galaxis ähnlich aussehen.
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