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Junge Galaxien und Dunkle Materie
von Stefan
Deiters
astronews.com
16. März 2006
Mit Hilfe des Very Large Telescope der Europäischen
Südsternwarte ESO haben Astronomen den Dunkelmaterie-Anteil in entfernten
Galaxien gemessen. Danach scheinen die Galaxien schon vor sechs Milliarden
Jahren einen gleich großen Anteil an Dunkler Materie gehabt zu haben wie die
Galaxien heute.
40 Prozent der untersuchten Objekte hatten offenbar gerade eine Kollision
überstanden.

Kollision von Galaxien (künstlerische Darstellung)
Bild: ESO |
"Unsere Funde könnten darauf hindeuten, dass Kollisionen und Verschmelzungen
sehr wichtig für die Entstehung und Entwicklung von Galaxien sind", so Francois
Hammer vom Observatorium in Paris, einer der Leiter der Forschergruppe. Ziel
der Arbeit der Wissenschaftler war es herauszufinden, wie aus den jungen
Galaxien, die wir in vielen Milliarden Lichtjahren Entfernung sehen, die
Galaxien werden, die wir im lokalen Universum beobachten. Insbesondere ging es
dabei um die Rolle der Dunklen Materie.
"Dunkle Materie, die rund 25 Prozent des Universums ausmacht, ist eine
einfache Art etwas zu beschreiben, was wir noch nicht verstehen", gesteht Hector
Flores, ein weiterer Leiter des Teams. "Aus dem Rotationsverhalten von Galaxien
können wir errechnen, dass es Dunkle Materie geben muss. Wäre sie nicht da,
würden sich diese Objekte einfach auflösen."
So können Astronomen für Galaxien in unserer Nähe genau bestimmen, wie viel
Dunkle Materie es in ihnen geben muss, damit sich ihr Rotationsverhalten
erklären lässt. Der Anteil von Dunkler Materie scheint dabei einer gewissen
Gesetzmäßigkeit zu folgen: Für jedes Kilogramm normaler Materie muss es rund 30
Kilogramm an Dunkler Materie geben. Da stellt sich natürlich die Frage, ob dieses Verhältnis nur für die heutige Zeit gilt oder aber, ob es
schon im jungen Universum Gültigkeit hatte.
Dies herauszufinden, ist aber gar nicht so leicht: Um die nötigen Daten zu
beschaffen, muss nämlich das Rotationsverhalten entfernter Galaxien in
verschiedenen Regionen der jeweiligen Galaxie gemessen werden, was mit
bisherigen Instrumenten nahezu unmöglich war. Erst der Mulit-Objekt-Spektrograph
GIRAFFE, der an der Very Large Telescope-Einheit Kueyen installiert ist, macht
diese anspruchsvollen Messungen möglich: "GIRAFFE ist das einzige Instrument auf
der Welt, das es ermöglicht, gleichzeitig das Licht von 15 Galaxien zu
untersuchen, die in einem Himmelsbereich von etwa der Größe des Vollmondes
verteilt sind", erläutert Teammitglied Mathieu Peuch die Vorteile des
Spektrographen. "Jede der beobachteten Galaxien kann dann noch in verschiedene
kleinere Bereiche unterteilt werden, für die gleichzeitig Spektren aufgenommen
werden."
Auf diese Weise haben die Astronomen das Rotationsverhalten von Dutzenden
Galaxien bestimmt. Zu ihrer großen Überraschung stellten sie dabei fest, dass 40
Prozent dieser Galaxien sich nicht im Gleichgewicht befanden, die Bewegung ihrer
Sterne also gestört zu sein schien. Die Forscher deuten dies als Zeichen für
eine vor kurzer Zeit stattgefundene Kollision, in welche die Galaxien verwickelt
gewesen sein müssen. Betrachtet man aber nur die Galaxien, die sich
offensichtlich im Gleichgewicht befinden, fanden die Wissenschaftler exakt das
gleiche Verhältnis von Dunkler Materie zu Sternen, wie in den Galaxien in
unserer Nähe. Dieses Verhältnis scheint sich also während der vergangenen sechs
Milliarden Jahre nicht geändert zu haben.
Mit GIRAFFE gelangen den Forschern auch noch weitere detaillierte Einblicke in
entfernte Galaxien: So konnten sie die Verteilung von Gas in den Galaxien
bestimmen und entdeckten unter anderem, wie Gas aus einer Galaxie hinausströmt, in der
gerade viele neue Sterne entstehen. Die Astronomen hoffen, dass es bald möglich sein
wird, im Detail zu
verfolgen, wie Galaxien langsam wachsen und zu dem werden, was wir heute sehen.
Zudem sind die Messungen mit GIRAFFE ein Vorgeschmack darauf, was mit der nächsten Generation
von Teleskopen möglich sein wird.
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ESO,
Europäische Südsternwarte |
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