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Signal der Verschmelzung der bisher massereichsten
Schwarzen Löcher entdeckt
Redaktion
/ idw / Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik astronews.com
14. Juli 2025
Die beiden LIGO-Gravitationswellenobservatorien in den USA
haben die Verschmelzung der bislang massereichsten Schwarzen Löcher entdeckt,
die man anhand ihrer Gravitationswellen beobachtet hat. Die Schwarzen Löcher
haben die 100- bzw. 140-fachen Masse unserer Sonne. Ihre Existenz lässt sich mit
den gängigen Modellen der Sternentwicklung nicht erklären.

Simulation der Verschmelzung zweier
massereicher Schwarzer Löcher, die mit der
Gravitationswellenbeobachtung GW231123 übereinstimmt. Die
Abbildung zeigt eine Momentaufnahme, auf der die Schwarzen
Löcher in der Bildmitte zu sehen sind. Sie sind von den
Gravitationswellen umgeben, die sie in ihren vorherigen
Umlaufbahnen ausgesandt haben.
Bild: I. Markin (Universität
Potsdam), H. Pfeiffer (Max-Planck-Institut für
Gravitationsphysik), T. Dietrich (Universität Potsdam und
Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik) [Großansicht] |
Die LIGO-Virgo-KAGRA (LVK)-Kollaboration hat heute auf der GR24- und
Amaldi16-Tagung in Glasgow die Entdeckung einer besonderen kosmischen Kollision
bekannt gegeben: Beide LIGO-Observatorien in den USA haben Gravitationswellen
von der Verschmelzung der massereichsten jemals beobachteten Schwarzen Löcher
beobachtet. Das Signal mit der Bezeichnung GW231123 wurde während des vierten
gemeinsamen Beobachtungslauf (engl. "fourth observing run", O4) der
LVK-Detektoren am 23. November 2023 empfangen.
Die beiden an der Verschmelzung beteiligten Schwarzen Löcher hatten etwa die
100- bzw. 140-fache Masse der Sonne. Schwarze Löcher dieser Massen sind nach
gängigen Modellen der Sternentwicklung "verboten". Eine mögliche Erklärung ist,
dass die beiden Schwarzen Löcher in diesem Binärsystem durch frühere
Verschmelzungen leichterer Schwarzer Löcher entstanden sind. Bei der nun
beobachteten Verschmelzung entstand ein Schwarzes Loch mit einer Masse, die mehr
als das 225-Fache der Masse unserer Sonne beträgt.
Die beiden Schwarzen Löcher sind nicht nur sehr schwer, sie rotieren auch
sehr schnell. Das macht die Interpretation des Signals zu einer besonderen
Herausforderung und deutet auf eine komplizierte Entstehungsgeschichte hin. Bis
heute wurden etwa 300 Verschmelzungen von Schwarzen Löchern durch
Gravitationswellen beobachtet, darunter auch die Signalkandidaten aus dem
derzeitigen Beobachtungslauf O4. Das bisher massereichste bestätigte
Doppelsystem Schwarzer Löcher war die Quelle von GW190521. Es hatte eine
Gesamtmasse von "nur" 140 Sonnenmassen.
Die hohe Masse und die extrem schnelle Rotation der Schwarzen Löcher von
GW231123 bringen die Technologie für den Nachweis von Gravitationswellen und die
derzeitigen theoretischen Modelle an ihre Grenzen. "Die Analyse dieses
außergewöhnlichen Ereignisses ist eine Herausforderung. Wir müssen unsere
Modelle verfeinern und zusätzliche physikalische Effekte einbeziehen, um ein
tieferes Verständnis des Signals und seiner Entstehung zu erlangen", sagt
Alessandra Buonanno, Direktorin am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik
(Albert-Einstein-Institut/AEI) im Potsdam Science Park. Lorenzo Pompili,
Doktorand am AEI Potsdam und Mitglied des Teams, das das Modell entwickelt hat,
fügt hinzu: "Um genaue Informationen aus dem Signal zu gewinnen, haben wir
Wellenformmodelle entwickelt, die die komplexe Dynamik schnell rotierender
Schwarzer Löcher berücksichtigen."
Das Signal bringt die Detektoren und und die Datenanalyse an die Grenzen des
derzeit Möglichen. "Obwohl GW231123 eines der stärksten Signale war, die wir
bislang im aktuellen Beobachtungslauf nachgewiesen haben, war es ungewöhnlich
schwierig, es genau zu messen, weil seine Quelle so komplex war", sagt Héctor
Estellés Estrella, Postdoktorand im Potsdamer AEI-Team, das das Wellenformmodell
entwickelt hat. "Nach jahrelanger Arbeit zählt unser Modell zu den genauesten
für Verschmelzungen sehr schnell rotierender Schwarzer Löcher. Dennoch
überraschte GW231123 unser Modell. Doch diese Überraschung ist viel wert, denn
sie zeigt uns, welche weiteren physikalischen Erkenntnisse wir hinzufügen und
welche Präzision wir für künftige Entdeckungen anstreben müssen."
Die Forschenden benötigen die genauen Modelle auch für zukünftige Messungen
mit den vorhandenen und zukünftigen Detektoren. "Dieses Ereignis erweitert die
Grenzen der Gravitationswellen-Astronomie und davon, was wir mit unseren
Instrumenten erreichen können. Deshalb wird es immer wichtiger, unsere
Detektoren noch empfindlicher zu machen", sagt Karsten Danzmann, Direktor am AEI
in Hannover. "Am GEO600-Detektor in der Nähe von Hannover haben wir viele der
Technologien entwickelt und getestet, die die derzeitigen Detektoren so präzise
messen lassen."
Die Gravitationswellen-Detektoren (LIGO in den Vereinigten Staaten, Virgo in
Italien und KAGRA in Japan) haben im Mai 2023 ihren vierten gemeinsamen
Beobachtungslauf begonnen und werden bis zum 18. November 2025 weiter
beobachten. "Im Rahmen der LVK-Kollaboration sind wir derzeit dabei, unsere
Analyse der Signale abzuschließen, die wir in der ersten Hälfte des
Beobachtungslauf gefunden haben, die im Januar 2024 endete", erklärt Frank Ohme,
der eine unabhängige Max-Planck-Forschungsgruppe am AEI Hannover leitet. "Wir
freuen uns darauf, die Ergebnisse im Laufe dieses Sommers zu veröffentlichen."
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