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Detaillierter Blick auf Strahlungsausbrüche und Sonnentornados
Redaktion
/ Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung astronews.com
9. Juli 2026
Zwei Jahre nach dem Stratosphärenflug des
Sonnenobservatoriums Sunrise III wurden nun die ersten Ergebnisse
vorgestellt: Das Ballonteleskop hat Messdaten bisher unerreichter Qualität von
der sichtbaren Oberfläche und aus den unteren Atmosphärenschichten der Sonne
geliefert. Darin finden sich Hinweise auf Tornados im Sonnenplasma und zu den
Vorgängen während eines Strahlungsausbruchs.

Start des ballongetragenen
Sonnenobservatoriums Sunrise III am 10. Juli
2024.
Bild: SSC (Mattias Forsberg) [Großansicht] |
Sechseinhalb Tage lang richtete das ballongetragene Sonnenobservatorium
Sunrise III im Juli 2024 seinen Blick fest auf die Sonne. Beim
Stratosphärenflug vom nördlichsten Zipfel Schwedens bis in die kanadischen
Nordwestterritorien entstand ein mehr als 200 Terabyte großer Datenschatz. Diese
Messdaten sind einzigartig. Sie ermöglichen bisher unerreicht detaillierte
Einblicke in eine etwa 2000 Kilometer dicke Schicht der Sonne und können deren
enorme Dynamik über mehrere Stunden ununterbrochen verfolgen. Diese Region
umfasst die sichtbare Oberfläche der Sonne, die sogenannte Photosphäre, sowie
die darüberliegende Chromosphäre. Das komplexe Wechselspiel aus heißem Plasma,
veränderlichen Magnetfeldern und Wellen dort ist unter anderem verantwortlich
für die heftigen Teilchen- und Strahlungsausbrüche unseres Sterns.
Die Sonne selbst bot während des Fluges eine umfassende Kostprobe ihres
Könnens: Zu sehen waren neben ruhigen Regionen, die ihren gemäßigten
Normalzustand repräsentieren, auch zahlreiche Beweise für ihr Temperament: etwa
Sonnenflecke, kleine und große Strahlungsausbrüche sowie Regionen besonders
hoher Magnetfeldstärke. "Sunrise III hat schon jetzt unseren Blick auf
die Sonne nachhaltig verändert. Die Daten zeigen, wie kleinste Strukturen und
schnelle Prozesse in der Photosphäre und Chromosphäre das ungestüme Wesen
unseres Sterns bestimmen", unterstreicht Sami K. Solanki, Direktor am
Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung (MPS) und Leiter der
Sunrise-III-Mission. "Die Ergebnisse, die schon jetzt vorliegen, sind so
vielfältig wie die Sonne selbst", so MPS-Wissenschaftlerin Smitha Narayanamurthy,
Leiterin der Arbeitsgruppe Wissenschaft von Sunrise III. "Sie enthüllen
Neues über den Ruhezustand der Sonne und helfen ihr temperamentvolle Seite zu
verstehen."
Turbulente Plasmaströme im Innern der Sonne erzeugen Wellen, die sich durch
die gesamte Sonne ausbreiten – bis in ihre untere Atmosphäre. Akustische Wellen
mit Schwingungsdauern von etwa fünf Minuten ließen sich bisher hauptsächlich in
einer Schicht etwa 100 bis 200 Kilometer über der sichtbaren Oberfläche der
Sonne beobachten. Sunrise III gelang ein deutlich genauerer Blick.
Forschende konnten erstmals die Ausbreitung dieser Wellen innerhalb der
Photosphäre und Chromosphäre, einer insgesamt 2000 Kilometer dicken Schicht,
verfolgen und dabei den Einfluss des dort herrschenden Magnetfeldes studieren.
Während des Fluges von Sunrise III ereignete sich auf der Sonne ein
Strahlungsausbruch der zweitstärksten Kategorie. Ein solcher Ausbruch kann auf
der Erde zu moderaten Störungen etwa in Stromnetzten oder Satellitensystemen
führen. Sunrise III konnte den Ausbruch bis ins kleinste Detail
verfolgen. In der Chromosphäre zeigten sich im Zuge eines Strahlungsausbruchs
längliche, hell aufblitzende Strukturen. Sie entstehen, wenn sich magnetische
Feldlinien dort neu anordnen und dadurch Energie freisetzen. Die Sunrise
III-Daten ermöglichen nun genaue Einblicke in die Feinstruktur und Veränderungen
des Magnetfeldes an diesen Stellen. Dies kann helfen zu verstehen, wie
kleinskalige Prozesse in der Chromosphäre die Entwicklung von großen
Strahlungsausbrüchen steuern.
Die Magnetfeldlinien, die von ruhigen Gebieten der Sonnenoberfläche in die
Chromosphäre ragen, galten bisher als vergleichsweise "ordentlich" strukturiert.
Sunrise-III-Daten zusammen mit Computersimulationen zeigten nun ein anderes
Bild: Eingebettet in geordnete Magnetfeldstränge finden sich fein verdrillte
Magnetfeldlinien. Sie steuern die Ströme des heißen Plasmas in der Chromosphäre
und dürften somit Schauplätze kleiner "Sonnentornados" sein.
Bisher ist nur ein kleiner Teil der Sunrise-III-Daten ausgewertet. "Wir
stehen noch ganz am Anfang", so Sunrise-III-Projektmanager Andreas Korpi-Lagg.
"Die Daten der Sunrise-III-Mission werden uns noch viele Jahre beschäftigen –
und enthalten bestimmt noch die ein oder andere Überraschung", fügt er hinzu.
Verantwortlich für die hohe Qualität der Daten – und damit für den Erfolg der
Mission – war vor allem der abenteuerliche "Arbeitsplatz" von Sunrise III:
In der Stratosphäre, etwa 35 Kilometer oberhalb des Erdbodens, ließ das
Observatorium den Großteil der Erdatmosphäre unter sich. Diese wabernde
Lufthülle schränkt die Sicht erdgebundener Sonnenteleskope maßgeblich ein.
Selbst mit modernsten Techniken, welche die Effekte der Luftunruhen
kompensieren, lässt sich die Sonne äußerst selten länger als einige Minuten am
Stück ohne Unterbrechung und bei konstant hoher Bildqualität beobachten.
Sunrise III hingegen gelangen Beobachtungsserien von mehreren
Stunden Dauer. Selbst der Einbruch der Nacht störte kaum: Entlang der
sommerlichen, polarkreisnahen Flugroute von Sunrise III sank die Sonne
täglich nur für kurze Zeit so tief, dass der Blick durch dickere Luftschichten
die Beobachtungen beeinträchtigte. Ebenso entscheidend war die wissenschaftliche
Ausrüstung des Observatoriums: Das Teleskop mit einem Hauptspiegeldurchmesser
von einem Meter fing das Sonnenlicht ein; die drei Instrumente SUSI
(Ultraviolett-Spektropolarimeter), TuMag (Magnetograph) und SCIP (Infrarot-Spektropolarimeter)
verarbeiteten es weiter; ein ausgeklügeltes Bildstabilisierungssystem sorgte für
scharfe Aufnahmen. So ausgerüstet entstanden Bildabfolgen etwa im
Viertel-Sekunden-Takt, die Strukturen von zum Teil nur 50 Kilometern Größe
sichtbar machen – und das aus einem Abstand von fast 150 Millionen Kilometern.
Zudem untersuchte Sunrise III auf diese Weise einen breiten
Wellenlängenbereich des Sonnenlichtes – vom ultravioletten bis hin zum
infraroten Licht – und kann selbst eng benachbarte Wellenlängen voneinander
trennen. Ultraviolettes Licht von der Sonne ist erdgebundenen Teleskopen nicht
zugänglich. Der Großteil dieser Strahlung wird von der Ozonschicht der
Erdatmosphäre verschluckt.
Ein Übersichtsartikel, der die ersten wissenschaftlichen Ergebnisse der
Mission zusammenfasst, ist jetzt in der Fachzeitschrift The Astrophysical
Journal Letters erschienen und bildet den Auftakt für eine umfangreiche
Sonderveröffentlichung. Sie ist ausschließlich den Ergebnissen der
Sunrise-III-Mission gewidmet. Die einzelnen Studien, die auf Sunrise-III-Daten
beruhen, ergänzen die Sonderveröffentlichung nach und nach.
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