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Langsamere Expansion in unserer kosmischen Nachbarschaft
Redaktion
/ Pressemitteilung des Leibniz-Instituts für Astrophysik Potsdam astronews.com
16. März 2026
Ein internationales Forschungsteam hat die Expansion des
Universums in unserer unmittelbaren kosmischen Nachbarschaft mit einer
neuartigen Methode gemessen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich das
lokale Universum langsamer ausdehnt als bisher angenommen. Außerdem dürfte
weniger Dunkle Materie erforderlich sein, um die Dynamik der Galaxien zu
erklären.

Die Verteilung von Galaxiengruppen um unsere lokale
kosmische Nachbarschaft. Fokus der Untersuchungen waren die
Gruppen Centaurus A und M 81.
Bild: AIP / D. Benisty / J.
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Die Hubble-Konstante beschreibt, wie schnell sich das Universum ausdehnt,
ausgedrückt als Verhältnis der Fluchtgeschwindigkeit zur Entfernung einer
Galaxie von uns. Die Hubble-Konstante wird in km/s pro Megaparsec gemessen,
wobei 1 Megaparsec 3,3 Millionen Lichtjahren entspricht. Aus dem ersten Licht im
frühen Universum, der sogenannten kosmischen Mikrowellen-Hintergrundstrahlung,
konnte ein präziser Wert für die Hubble-Konstante von 68 km/s/Mpc abgeleitet
werden. Anhand der Distanz von explodierenden Sternen in sich entfernenden
Galaxien, gelang eine weitere sehr genaue Messung der Hubble-Konstante aus
unserem späten, lokalen Universum. Dieser Wert beträgt jedoch 73 km/s/Mpc. Der
Unterschied zwischen den gemessenen Expansionsraten des frühen und des späten
Universums ist als Hubble-Diskrepanz oder "Hubble-Spannung" bekannt.
In den letzten Jahrzehnten entwickelte sich diese Kontroverse zu einer der
zentralen Herausforderungen in der Kosmologie, die unser Verständnis der
Kosmologie und der grundlegenden Physik infrage stellt. Die jetzt vorgestellten
Studien beleuchten diese Fragestellung aus einer umfassenderen Perspektive als
der Ansatz, der auf Sternexplosionen basiert. Während die Sternexplosionsmethode
darauf abzielt, die kosmische Expansion direkt zu verfolgen, analysieren die
neuen Studien die Bewegung von Galaxien in Gruppen, die in das expandierende
Universum eingebettet sind. Die Anziehungskräfte der Schwerkraft bündeln die
Gruppen, während die kosmische Expansion die Galaxien auseinanderreißt.
Dieser Balanceakt hängt von der Masse der gravitativ gebundenen Gruppe und
der Hubble-Konstante als expandierendem Zug ab. Überraschenderweise erhielten
David Benisty vom Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP) und sein Team
eine Hubble-Konstante von etwa 64 km/s/Mpc. Das Ergebnis legt nahe, dass
zumindest ein Teil der Hubble-Kontroverse auf die Beobachtungen und Methoden
zurückzuführen ist, die wir zur Ableitung der Hubble-Konstante verwenden.
Die Forschenden konzentrierten sich auf zwei Galaxiengruppen: Die Centaurus-A-Gruppe
ist eine der nächstgelegenen Galaxiengruppen jenseits der eigenen Lokalen Gruppe
der Milchstraße. Man nahm an, dass sie von der riesigen elliptischen Galaxie
Centaurus A dominiert wird und Dutzende kleinerer Satellitengalaxien enthält.
Die neue Analyse zeigt, dass die Centaurus-A-Gruppe nicht um Centaurus A
zentriert ist, sondern zusammen mit der Galaxie M 83 ein Binärsystem bildet. Das
Team bestimmte daher erstmals einen Wert für die Hubble-Konstante auf dieser
Grundlage sowie eine genauere Massenabschätzung.
Von der M-81-Gruppe war bereits bekannt, dass sich in ihrem Zentrum zwei
Galaxien, M 81 und M 82, befinden. Dank des erweiterten Datensatzes zeigte sich,
dass die Mitgliedsgalaxien um dieses Binärsystem wie bereits bekannt eine ebene
Struktur bilden. Die Untersuchung der turbulenten Dynamik zeigt jedoch, dass
diese dennoch bemerkenswert geordnet ist: Die innere ebene Region mit Abständen
von weniger als einer Million Lichtjahren ist gegenüber der großräumigen
Umgebung um etwa 34 Grad geneigt. In einer Entfernung von zehn Millionen
Lichtjahren dreht sich die Orientierung so, dass sie mit der großräumigen,
schichtartigen Struktur übereinstimmt, die sich bis zur Centaurus-A-Gruppe
erstreckt.
Bemerkenswert ist, dass die beiden Galaxiengruppen nicht nur eine ähnliche
Umgebung teilen. Sie haben auch gemeinsam, dass die Massen der leuchtkräftigsten
Mitgliedsgalaxien nahezu die gesamte Masse der Gruppe ausmachen und dass die
Bewegungen aller Galaxien in ihrer Umgebung durch das Zusammenspiel der
gravitativen Anziehung der Galaxien und den kosmischen Zug beschrieben werden
können. Im Gegensatz zu Simulationen von Galaxiengruppen, die stets in einen
übergeordneten Halo aus Dunkler Materie eingebettet sind, lassen sich die
Beobachtungen beider Galaxiengruppen somit auch ohne diese zusätzliche Dunkle
Materie gut erklären.
Das Team wird diese Methode, die ein umfassendes Verständnis der Strukturen
in unserer kosmischen Nachbarschaft ermöglicht, auf ein größeres kosmisches
Volumen übertragen. Neue Beobachtungen in größeren Entfernungen, wie
beispielsweise vom 4-Meter-Multi-Object-Spectroscopic-Telescope (4MOST), könnten
mit den nächsten Datenveröffentlichungen nicht nur zu einer Lösung der
Hubble-Kontroverse beitragen, sondern auch eine genauere Bestandsaufnahme
liefern, wie viel von der rätselhaften Dunklen Materie in unserem Universum
vorhanden ist.
Die Studien wurden jetzt in Fachartikeln veröffentlicht, die in der
Zeitschrift Astronomy & Astrophysics erschienen sind.
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Faucher, A.,
Benisty, D. & Mota, D. F. (2026): Hubble-constant and -mass
determination of Centaurus A and M 83 from tip-of-red-giant-branch
distances, A&A, 705, A112
Wagner, J.,
Benisty, D. & Karachentsev, I. D. (2026): The binary ballet: Mapping
local expansion around M 81 and M 82, A&A, 706, A92
Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam
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