|
Galaxienhaufen hinter Galaxienhaufen entdeckt
von Stefan Deiters astronews.com
17. Dezember 2007
Mit Hilfe des europäischen Röntgenteleskops XMM-Newton haben
Astronomen einen gewaltigen Galaxienhaufen entdeckt, der sich bislang geschickt
hinter einem anderen, bereits bekannten Galaxienhaufen verborgen hat. Das Gas
des neuen
Galaxienhaufen erscheint genauso hell wie das in der schon bekannte Ansammlung von
Galaxien, ist aber sechs Mal weiter entfernt.

XMM-Newtons
Blick auf den Galaxienhaufen Abell 3128. Nur die
rechte Wolke aus heißem Gas befindet sich in dem
Galaxienhaufen, die linke ist sechs Mal weiter
entfernt. Bild:
ESA / XMM / EPIC / SRON (N. Werner et al.) |
Der Galaxienhaufen Abell 3128 hat die Astronomen recht lange zum
Narren gehalten: Jahrelang rätselten die Wissenschaftler über die Natur von zwei
offenbar gleich hellen und ähnlich großen Röntgenstrukturen in dem Galaxienhaufen.
Nun stellte sich heraus, dass sie es offensichtlich nicht nur mit
einem Galaxienhaufen, sondern mit zwei Haufen zu tun haben. "Das ist ja der
Charme der Wissenschaft", meint Norbert Werner, der am Institute for Space
Research der Space Research Organization of the Netherlands (SRON)
gerade seine Doktorarbeit anfertigt. "Man findet immer Dinge, die man nicht
erwartet."
Galaxienhaufen sind die größten Strukturen, die Astronomen im Universum
kennen und können aus Hunderten von Galaxien bestehen. Sie alle werden durch
ihre gegenseitige Anziehungskraft zusammengehalten. Zwischen den Galaxien findet
sich heißes Gas, das Temperaturen von mehreren Millionen Grad Celsius erreichen
kann. Es leuchtet im Röntgenbereich und ist daher für Teleskope wie XMM-Newton
zu beobachten. Die Analyse des Röntgenlichts des Gases verrät den Astronomen
dann mehr über seine Zusammensetzung, woraus sie wiederum auf seine Herkunft
schließen können.
Und genau diese Analysen des heißen Gases machten den Fall von Abell 3128 so
sonderbar: Beide in dem Haufen beobachteten Röntgenflecken erscheinen gleich hell und
fast gleich groß, doch unterscheidet sich ihre Zusammensetzung dramatisch: "Einer
der beiden bestand ganz eindeutig aus heißem, metallreichen Gas, das durch
Supernova-Explosionen in den Galaxien erzeugt wurde. Der andere Fleck war
wesentlich metallärmer und hatte weniger schwere Elemente als alles, was wir
bislang beobachtet hatte. Er widersprach damit vollkommen den aktuellen Theorien
über die Entstehung der großen Strukturen im Universum," macht Werner das
Problem deutlich.
Die Beobachtungen mit XMM-Newton lieferten dann eine weitere Überraschung und
halfen gleichzeitig bei der Aufklärung des Rätsel um die ungleichen Gaswolken: Eine der beiden
Gaswolken war 4,6 Milliarden Lichtjahre von uns entfernt und damit sechs Mal
weiter als Abell 3128. "Wir sehen hier somit zwei vollkommen unterschiedliche
Objekte, die nur zufällig von uns aus gesehen auf einer Linie hintereinander
liegen", erklärt Werner.
"Wenn man solche großen Galaxienhaufen untersucht, interessiert man sich vor
allem für die Frage, wie die großen Strukturen im Universum entstanden sind",
erläutert Projektleiter Jelle Kaastra vom SRON. Das Universum besteht nach der
gegenwärtigen Ansicht der Kosmologen aus einem Netz aus dünnem heißem Gas. Wo
sich die Gasfäden schneiden ist die Materialdichte am größten und genau dort
entstehen Galaxienhaufen. Die Galaxienhaufen führen wegen ihrer großen Masse ein
Eigenleben: "Sie ziehen sich gegenseitig an, kollidieren oder durchfliegen
sich", so Kaastra. "Es passiert also eine ganze Menge, was wir mit Röntgenteleskopen
wie XMM-Newton beobachten könnten."
|