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GALILEO
Feuriges Finale am Sonntagabend (2)

Zurück zum 1. Teil: Abschied von Galileo



Galileo.  Darstellung: JPL/NASA

Die Dramaturgie der Galileo-Mission ist einmalig in der Geschichte der unbemannten Raumfahrt. Nach großen Rückschlägen steht Galileo heute jedoch in einer fiktiven Liste erfolgreicher Missionen ganz weit oben. Schon 1974 wurden erste Überlegungen zu einem Projekt für einen oder möglicherweise sogar zwei Orbiter angestellt, die Jupiter und die vielgestaltigen Monde erforschen sollten. Am 1. Juli 1977 gab die NASA den Startschuss für eines ihrer kühnsten Satellitenprojekte: Mit Galileo, benannt nach dem großen italienischen Astronomen, der 1610 die vier großen Jupitermonde Io, Europa, Ganymed und Callisto entdeckte, wurde das bislang größte unbemannte Weltraumprojekt auf den Weg gebracht. Mit an Bord: eine Sonde, die Monate vor Erreichen des fernen Ziels abgesprengt und auf einer ballistischen Bahn in die Wolkenhülle des Planeten eintauchen sollte, um dort für ein bis zwei Stunden Daten aufzuzeichnen.

Doch vor und auf der Reise zum Jupiter musste die Mission zahlreiche kleinere und größere Probleme bewältigen. Wegen des ersten Space-Shuttle-Unglücks der Challenger 1986 musste der für das gleiche Jahr vorgesehene Start zunächst verschoben werden. Erst am 18. Oktober 1989 wurde die über zwei Tonnen schwere Raumsonde mit einem sanften Manöver aus der Ladebucht der Raumfähre Atlantis ins All und durch Starten der Triebwerke auf die Reise zum Jupiter gebracht. Um die nötige hohe Reisegeschwindigkeit zum fünften Planeten aufnehmen zu können, musste Galileo jedoch auf einer komplizierten Bahn durch das innere Sonnensystem zunächst durch einen Nahvorbeiflug an der Venus (Februar 1990) und zwei sehr nahen Passagen an der Erde (Dezember 1990 und Dezember 1992) Schwung aufnehmen: Bei jedem dieser Gravity Assists wurde Galileo mit Hilfe der Schwerkraft der Planeten erheblich beschleunigt. Die Flugbahn zum Jupiter verlängerte sich dadurch auf insgesamt mehr als vier Milliarden Kilometer, doch ergaben sich zusätzliche Möglichkeiten für eine Reihe bedeutender wissenschaftlicher Experimente, beispielsweise die ersten Multispektralaufnahmen der Mondrückseite oder erste Aufnahmen von Asteroiden aus nächster Nähe.

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Nach über sechs Jahren, am 7. Dezember 1995, erreichte Galileo endlich sein Ziel; zuvor war am 13. Juli programmgemäß die Atmosphären-Eintauchsonde abgetrennt und auf den Weg gebracht worden. Durch Zünden des Antriebssystems wurde der Orbiter abgebremst, hinter Jupiter vorbeigelenkt und exakt wie geplant in seine elliptische Umlaufbahn eingeschossen. Die detaillierte Erkundung des Jupitersystems konnte beginnen – allerdings mit Einschränkungen: Denn die Hauptantenne von Galileo ließ sich nach dem Nahvorbeiflug an der Venus nicht öffnen. Die Jahre bis zur Ankunft am Jupiter nutzten die Wissenschaftler, um das Betriebssystem der Bordcomputer so zu programmieren, dass ein Großteil der Experimente und die Datenübertragung zur Erde trotz dieser Beeinträchtigung noch durchgeführt werden konnten.

Schon während der langen Reise zum Jupiter deutete sich allerdings an, dass die wissenschaftliche Ausbeute trotz reduzierter Datenübertragung enorm sein würde. Erstmals wurde durch Multispektralaufnahmen die mineralogische Zusammensetzung der von der Erde nicht sichtbaren Rückseite des Erdmondes erfasst. Während der zweiten Phase des Schwungholens tangierte Galileo den Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter und fotografierte zum ersten Mal einen Kleinplaneten, Gaspra, aus nächster Nähe. Bei der zweiten Passage durch den Asteroidengürtel präsentierte das Kamerateam von Galileo eine wissenschaftliche Sensation: Auf den Bildern des etwa 60 Kilometer großen Asteroiden Ida wurde ein nur ein Kilometer kleiner Mond entdeckt, der auf den Namen Dactyl getauft wurde – für die Interpretation der Geschichte des inneren Sonnensystems eine Neuigkeit von großer Bedeutung. Galileo war auch der einzige "Beobachter", der den von Astronomen für Juli 1994 prognostizierten Einschlag des Kometen Shoemaker-Levy 9 in den Jupiter direkt beobachten konnte: Das Raumschiff war zu diesem Zeitpunkt schon nahe genug an seinem Ziel, von der Erde aus betrachtet lag die Einschlagstelle hinter dem Jupiterhorizont.

Mit Erreichen des Jupitersystems konnten mehrere hundert Wissenschaftler endlich die seit Jahren geplanten Experimente mit den zwölf auf dem Orbiter befindlichen Instrumenten durchführen. Auch die Eintauchsonde funktionierte wie gewünscht und übertrug über anderthalb Stunden wichtige physikalische und chemische Daten aus den Tiefen der Jupiterwolken, ehe sie vom enormen Atmosphärendruck zerfetzt wurde und verglühte. Bereits der erste nahe Vorbeiflug von Galileo am größten Jupitermond, Ganymed, ließ das wissenschaftliche Potenzial der Mission erkennen, gefolgt von dichten Passagen über Europa und Callisto - gegenüber den Voyager- und Pioneer-Missionen der siebziger Jahre ein Quantensprung an Datenqualität. Die NASA beschloss früh, die Mission zu verlängern, so dass Ende 1997 die "Galileo Europa Mission" mit zunächst 14 weiteren Nahvorbeiflügen (hauptsächlich an Europa) ihren Auftakt nahm: Der kleinste der Jupiter-Eismonde, so nahm man an, barg die interessantesten Geheimnisse.

Galileos Aufnahmen der Oberflächen Jupiters, seiner hauchdünnen Ringe, der kleinen Trabanten und schließlich aller vier "Galileischen Monde" waren von zum Teil bestechender Qualität und um das zehn- bis hundertfache schärfer als die Voyager-Bilder. Auf dem Jupitermond Io wurde der aktivste Vulkanismus im gesamten Sonnensystem bestätigt, permanent sind dort über 30 gigantische Vulkane tätig. Ganymeds Oberfläche wurde während vier Milliarden Jahren von gewaltigen tektonischen Kräften ein bizarres Furchenmuster aufgeprägt. Callisto hat die älteste Oberfläche und weist Spuren von gigantischen Einschlagbecken in seinem Eispanzer auf. Und Europa ist möglicherweise ein noch heute aktiver Eismond: Denn die Wissenschaftler glauben herausgefunden zu haben, dass sich unter der zweifelsfrei jungen Eiskruste des Jupitermondes möglicherweise noch heute in vielleicht 80 Kilometer Tiefe eine mächtige Wasserschicht verbirgt. Dieser "Ozean" könnte mehrere hundert Kilometer tief sein und infolge von Eigendruck und der auf Gezeitenwirkung Jupiters zurückzuführenden inneren Reibungswärme am Ausfrieren gehindert werden.

Seit man weiß, dass sich auf der Erde die Entwicklung von Organismen auch an Stellen in den Meeren vollziehen kann, zu denen kein Lichtstrahl vordringt, wurden Modelle entwickelt, die glaubhaft aufzeigen, dass auch in einem solchen warmen "Europa-Ozean" die Entstehung und Evolution von primitivsten Mikroorganismen unter der Eiskruste zumindest denkbar wären. Aus diesem Grunde wurde während der Galileo Europa-Mission die Oberfläche des Eisköpers auch von DLR-Wissenschaftlern genau unter die Lupe genommen, um Spuren von aktivem oder jüngst erloschenem "Kryovulkanismus", also aus dem Inneren Europas aufgedrungenem und dann an der Oberfläche gefrorenem Eis aufzuspüren. Zwar gelang dieses Unterfangen nicht, doch offenbarten sich den Wissenschaftlern eine Fülle phantastischer Eisstrukturen und die Entdeckung, dass das Europa-Wasser "Meersalze" enthält; die Interpretation dieser Befunde dauert noch heute an und wird noch Jahre in Anspruch nehmen. Ein eigens geplanter Europa-Orbiter steht ganz oben auf der Wunschliste der Forscher, wird aus Geldmangel von der NASA jedoch vorerst nicht realisiert.

Trotz reduzierter Geldmittel gestattete die NASA, die Mission bis zum buchstäblich letzten Tropfen Treibstoff weiterzuführen. Mit der "Galileo Millenium Mission" wurde die Naherkundung des Vulkanmondes Io nachgeholt, die ursprünglich nur für den allerersten Missionstag im Jupitersystem vorgesehen war, wegen des Antennenproblems aber storniert wurde. Auch wurde Io bis dahin gemieden, da sich der innerste der großen Trabanten in einer Zone heftigster elektromagnetischer Strahlung Jupiters befindet, welche die Instrumente Galileos schneller zerstört. Doch die Bordelektronik von Orbiter und Instrumenten funktionierte auch noch nach der vierfachen Strahlungsdosis, für die sie ausgelegt war, fast einwandfrei, so dass die Io-Überflüge in nur wenigen hundert Kilometern Höhe – einmal sogar durch die Teilchenwolke eines Vulkanausbruchs – gewagt werden konnten. Die Forscher sahen abstrakte, von Schwefel gelb und orange gefärbte, viele Kilometer hohe Vulkanlandschaften, bis 1.800 Grad Celsius heiße Vulkanausbrüche mit Gas- und Aschefontänen, die mehrere hundert Kilometer ins All reichen.

Schließlich wurde mit einem Nahvorbeiflug am winzigen Jupitermond Amalthea im November 2002 bereits das endgültige Ende der Mission eingeleitet (astronews.com berichtete) und Kurs auf Jupiter genommen.
 
Links im WWW
Galileo, Projektwebseite am JPL der NASA
siehe auch
Galileo: Die mysteriösen Ringe des Jupiter - 18. November 2002
Galileo: Feuriges Ende in der Jupiteratmosphäre - 16. März 2001
Galileo: Probleme mit der Kamera - 23. Februar 2001
Galileo: Fünf Jahre im Orbit um Jupiter
- 8. Dezember 2000
AstroLinks: Jupiter

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