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Wie sich der Anfang des Universums beobachten lassen
könnte
Redaktion
/ idw / Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Physik astronews.com
16. Oktober 2025
Seit jeher beschäftigen sich die Menschen mit der Frage, wie
die Welt entstanden ist. Da sich das frühe Universum nicht direkt beobachten
lässt, gibt es bisher lediglich Theorien über die ersten Momente des Urknalls
und die Zeit unmittelbar danach. Zwei Forscher schlagen nun neue Möglichkeiten
vor, wie sich die Anfänge des Kosmos künftig erforschen lassen könnten.

Der kosmische Mikrowellenhintergrund zeigt
das älteste Licht im Kosmos vor 380.000 Jahren. Das Bild
basiert auf Daten der Planck-Mission. In diesen Daten könnten
sich Informationen verbergen, die auf Energieausbrüche kurz
nach dem Urknall hindeuten.
Bild: ESA / Planck Collaboration [Großansicht] |
Was geschah in den ersten Augenblicken nach dem Urknall? Wann entstanden die
ersten Materieteilchen, wann die fundamentalen Kräfte? Dies sind Fragen, zu
denen es viele Überlegungen gibt, aber keine direkten Beobachtungen. Der Grund:
Die ersten 380.000 Jahre des 13,8 Milliarden alten Universums liegen hinter
einem undurchdringlichen Vorhang aus Strahlung und Materie, der uns den Blick in
diese Vergangenheit verwehrt. Die ersten direkt beobachtbaren Signale stammen
aus der kosmischen Mikrowellenhintergrundstrahlung (CMB), die 1964 entdeckt
wurde. Signale aus früheren Zeiten, wie sichtbares Licht, Mikro- oder
Radiowellen, werden blockiert.
Leo Stodolsky vom Max-Planck-Institut für Physik (MPP) und Joseph Silk vom
Institut d’Astrophysique de Paris vermuten jedoch, dass es einen Weg
gibt, hinter diesen Vorhang zu blicken. In Analogie zu den vielen Supernovae,
die heute beobachtet werden, muss es auch in den Anfängen des Kosmos heftige
Energieausbrüche gegeben haben: Sei es durch die Entstehung sogenannter
"Babyuniversen" oder durch andere explosionsartige Ereignisse ähnlich dem
Urknall, wie zum Beispiel die Entstehung supermassiver primordialer Schwarzer
Löcher. Diese Explosionen könnten hochgradig durchdringende Teilchen aussenden
und diese wiederum beobachtbare Signale. Die beiden Forscher schlagen drei
mögliche Signalwege vor. Neutrinos spielen in zwei davon eine Schlüsselrolle.
Diese Teilchen werden bei allen astrophysikalischen Ereignissen freigesetzt, die
bei sehr hohen Energien stattfinden. Darüber hinaus durchdringen sie Raum und
Materie – und könnten bis zu uns gelangen.
Da energiereiche Neutrinos bei allen explosiven astrophysikalischen Szenarien
eine Rolle spielen, ist es plausibel, dass sie auch bei Ausbrüchen im frühen
Universum entstehen. Wegen ihrer Eigenschaften könnten sie durch den kosmischen
Vorhang schlüpfen, würden aber auf ihrem Weg zur Erde einen Großteil ihrer
Energie verlieren. Während dieses Prozesses könnten Positronen, also
Antimaterie, entstehen. Das Positron ist das Antiteilchen des Elektrons. Wenn
beide aufeinandertreffen, vernichten sie sich gegenseitig und es wird Energie in
Form von Photonen freigesetzt. Dies könnte als schwache Röntgenstrahlung
nachgewiesen werden. Sie ist rotverschoben, das heißt sie entfernt sich von uns,
verliert an Energie und kommt als weiche extragalaktische Röntgenstrahlung an.
Daraus entsteht ein potenziell nachweisbares Signal mit einem
charakteristischen Peak bei einer definierten niedrigen Energie. Möglicherweise
wurde dieser bisher bei Beobachtungen im Röntgenbereich übersehen, da das sehr
schwache Signal im Rauschen untergeht. Um es zu erkennen, bräuchten
Wissenschaftler sehr lange Beobachtungszeiten, die große Datenmengen erzeugen.
Die beiden Wissenschaftler gehen noch einer zweiten kosmischen
Neutrinos-Signatur nach: Ein unerwartet hoher niedrigenergetischer
Neutrino-Hintergrund im heutigen Universum. Im Falle der frühen Ausbrüche könnte
man auch mit der direkten Erzeugung stark rotverschobener Neutrinos mit
niedriger Energie rechnen. Ihr Ursprung würde sich mit nahezu
Lichtgeschwindigkeit entfernen. Das bedeutet, dass die Neutrinos nicht mit ihrer
Umgebung interagieren und einfach mit sehr geringer Energie in der Gegenwart
ankommen. Im Gegensatz zur weichen Röntgenstrahlung ist die Technologie für
ihren Nachweis Detektion noch eine offene Frage.
Eine dritte Nachweismöglichkeit wäre die Existenz von sehr energiereichen "hot
spots" im kosmischen Mikrowellenhintergrund, insbesondere kleine Regionen mit
einem Spektrum außerhalb des Gleichgewichts. Der CMB wird seit Jahrzehnten
intensiv beforscht, unter anderem mit der europäischen Planck-Mission. Die große
Herausforderung dabei ist, diese sehr kleinen Stellen zu identifizieren und ihr
Spektrum zu bestimmen. Hier sind eine exzellente Winkelauflösung und
fortgeschrittene statistische Methoden gefragt.
Die beiden Forscher hoffen, mit ihren theoretischen Arbeiten Entwicklungen
anstoßen, die diese Signale in Zukunft beobachtbar machen – als Boten direkt aus
dem frühen Universum. Ihr Nachweis würde den Weg ebnen, um in den Urknall
hineinzublicken. Es würde Licht auf den Beginn des Universums werfen und neue
Wege in der beobachtenden Kosmologie eröffnen.
Über ihre Überlegungen berichten Stodolsky und Silk in zwei Fachartikeln, die
in den Zeitschriften The Astrophysical Journal und Physical Review
D erschienen sind.
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Stodolsky, L. &
Silk, J. (2025): Signals of Bursts from the Very Early Universe, ApJ,
992, 197
Stodolsky, L. & Silk, J. (2025): Positron signal from the early
Universe, Phys. Rev. D, 111, L121304 Max-Planck-Institut
für Physik
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