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Die Chemie nach dem Urknall und die Entstehung der ersten
Sterne
Redaktion
/ idw / Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Kernphysik astronews.com
30. Juli 2025
Das Heliumhydrid-Ion war das erste Molekül, das sich im
frühen Universum gebildet hat, bevor die ersten Sterne entstanden. Nun wurden
dessen Reaktionen mit Wasserstoff-Atomen erstmals unter Bedingungen des frühen
Universums untersucht und dabei signifikante Abweichungen zu bisherigen Theorien
festgestellt. Die Ergebnisse sind wichtig, um die Entstehung der ersten Sterne
zu verstehen.

Reaktionsschema der Reaktion des
Helium-Hydrid-Ions mit Deuterium. Es handelt sich um eine
schnelle und barrierefreie Reaktion, anders als bisherige
Theorien vermuteten. Hintergrund: Der planetarischen Nebel NGC
7027, in rot molekularer Wasserstoff.
Bild: MPIK (Schema), W. B. Latter
(SIRTF Science Center / Caltech) und NASA (Hintergrund) [Großansicht] |
Unmittelbar nach dem Urknall vor etwa 13,8 Milliarden Jahren herrschten im
Universum unvorstellbar hohe Temperaturen und Dichten. Doch bereits nach wenigen
Sekunden war das Universum so weit abgekühlt, dass sich die ersten Elemente
zusammensetzen konnten – zum weitaus größten Teil Wasserstoff und Helium. Diese
lagen zunächst noch vollständig ionisiert vor, denn erst nach knapp 380.000
Jahren war die Temperatur im Universum so weit abgesunken, dass sich durch die
Rekombination mit freien Elektronen neutrale Atome bildeten, und so den Weg für
die ersten chemischen Reaktionen frei machten.
Das älteste Molekül der Welt ist das Heliumhydrid-Ion HeH+, das
sich aus einem neutralen Heliumatom und einem ionisierten Wasserstoffkern
bildete. Es markiert den Beginn einer Reaktionskette hin zur Bildung von
molekularem Wasserstoff H2 , dem mit Abstand häufigsten Molekül im
Universum. Nach der Rekombination folgte das "Dunkle Zeitalter" der Kosmologie –
das Universum war nach der Bindung der freien Elektronen nun zwar
lichtdurchlässig, lichtstarke Objekte wie Sterne gab es aber noch nicht. Bis zur
Entstehung der ersten Sterne vergingen noch mehrere 100 Millionen Jahre. Doch
gerade in dieser Frühphase des Universums waren einfache Moleküle wie HeH+
und H2 für die Bildung der ersten Sterne unabdingbar: um die sich
zusammenziehende Gaswolke eines Protosterns soweit kollabieren zu lassen, dass
eine Kernfusion einsetzen kann, muss Wärme abgeführt werden. Dies geschieht über
Kollisionen, die Atome und Moleküle anregen, welche diese Energie im Anschluss
durch Photonen abstrahlen.
Unterhalb von etwa 10.000 Grad Celsius wird dieser Prozess aber sehr
ineffektiv für die zahlenmäßig dominanten Wasserstoff-Atome. Eine weitere
Kühlung kann nur über Moleküle stattfinden, die über Rotationen und Schwingungen
zusätzlich Energie abstrahlen können. Das HeH+-Ion erweist sich hier
aufgrund seines ausgeprägten Dipolmoments als besonders effektiv bei diesen
kühleren Temperaturen und wird daher schon lange als potentiell wichtiger
Kandidat für die Kühlphase bei der Entstehung der ersten Sterne gehandelt.
Die Konzentration des Helium-Hydrid-Ions im Universum hat damit
möglicherweise signifikanten Einfluss auf die Effektivität der frühen
Sternentstehung. In dieser Zeitspanne stellte die Kollision mit freien
Wasserstoffatomen einen Hauptabbauweg für HeH+ dar, wobei sich ein
neutrales Heliumatom sowie ein H+-Ion
bildeten, das sich im nachfolgenden mit einem weiteren H-Atom zu einem neutralen
H2-Molekül und einem Proton umwandelte, und so zur Entstehung von
molekularem Wasserstoff führte.
Am Max-Planck-Institut für Kernphysik (MPIK) in Heidelberg haben Forschende
nun erstmals diese Reaktion unter ähnlichen Bedingungen wie im frühen Universum
rekonstruiert. Sie untersuchten dazu die Reaktion von HeH+ mit
Deuterium, einem Isotop von Wasserstoff, welches im Atomkern neben einem Proton
ein zusätzliches Neutron beinhaltet. Bei der Reaktion von HeH+ mit
Deuterium bildet sich neben einem neutralen Helium-Atom statt H2+
ein HD+-Ion. Durchgeführt wurde das Experiment am kryogenen
Speicherring CSR am MPIK in Heidelberg, einem weltweit einmaligen Instrument zur
Untersuchung molekularer und atomarer Reaktionen unter Weltraum-Bedingungen.
Dazu wurden HeH+-Ionen in dem 35-Meter durchmessenden
Ionenspeicherring für bis zu 60 Sekunden bei wenigen Kelvin (-267 °C)
gespeichert, und mit einem Strahl aus neutralen Deuterium-Atomen überlagert.
Durch eine Anpassung der relativen Geschwindigkeiten der beiden Teilchenstrahlen
zueinander konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Rate der
Kollisionen in Abhängigkeit der Kollisionsenergie untersuchen - diese steht in
direktem Zusammenhang zur Temperatur. Dabei stellten sie fest, dass die Rate,
mit der diese Reaktion abläuft, nicht wie bis vor Kurzem vorhergesagt, mit
abnehmender Temperatur verlangsamt abläuft, sondern nahezu konstant bleibt.
"Bisherige Theorien sagten einen signifikanten Abfall der
Reaktionswahrscheinlichkeit bei niedrigen Temperaturen voraus, diesen konnten
wir aber weder im Experiment noch in neuen theoretischen Rechnungen unserer
Kolleginnen und Kollegen nachweisen", erläutert Dr. Holger Kreckel vom MPIK.
"Die Reaktionen von HeH+ mit neutralem Wasserstoff und Deuterium
scheinen daher für die Chemie im frühen Universum weitaus wichtiger gewesen zu
sein als bisher angenommen", führt er weiter aus.
Die experimentelle Beobachtung deckt sich mit den Erkenntnissen einer Gruppe
von theoretischen Physikerinnen und Physikern um Yohann Scribano, die einen
Fehler in der Berechnung der Potentialfläche identifizieren konnten, welche
allen früheren Rechnungen für diese Reaktion zugrunde lag. Die neuen
Berechnungen mit der verbesserten Potentialfläche stimmen nun sehr gut mit dem
CSR-Experiment überein. Da die Konzentrationen der frühesten Moleküle wie HeH+
oder molekularem Wasserstoff (H2 oder HD) aber eine wichtige Rolle
bei der Entstehungsgeschichte der ersten Sterne spielen, ist dieses Ergebnis ein
weiterer Puzzlestein, um dem Geheimnis der Bildung der ersten Sterne im
Universum näherzukommen.
Über ihre Ergebnisse berichtet das Team in einem Fachartikel, der in der
Zeitschrift Astronomy & Astrophysics erschienen ist.
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