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Der erste Knochen der Milchstraße?
von Stefan Deiters astronews.com
14. Januar 2013
Amerikanische Astronomen glauben, ein neues Strukturelement
der Milchstraße entdeckt zu haben. Dabei handelt es sich um eine mehr als 300
Lichtjahre lange, nur ein bis zwei Lichtjahre breite Wolke aus Gas und Staub mit der
etwa 100.000-fachen Masse unserer Sonne. Die Forscher halten sie für einen "Knochen" des
Skeletts der Milchstraße.

Die "Nessie"
genannte Struktur aus Gas und Staub ist auf
dieser Infrarotaufnahme des Teleskops Spitzer als
dunkler Schatten zu erkennen.
Bild: NASA/JPL/SSC [Gesamtansicht] |
Die Struktur der Milchstraße, unserer Heimatgalaxie, ist nicht so leicht zu
ermitteln. Das Problem ist nämlich, dass wir uns selbst mitten in der Milchstraße
befinden und nicht einfach "von oben" auf sie hinunterschauen können, wie im
Falle von entfernteren Galaxien. Ihr genaues Aussehen lässt sich daher nur
durch eine mühsamen Vermessung von Sternenpositionen erschließen. Man ist sich
heute aber sicher, dass es sich bei der Milchstraße um eine Balkenspiralgalaxie
handelt, in derem Zentrum sich eine balkenförmige Konzentration von Sternen
befindet, von der zwei Hauptspiralarme ausgehen.
Jetzt glauben Astronomen, auf ein weiteres, deutlich feineres Element der
galaktischen Struktur gestoßen zu sein: ein langes Filament aus Gas und Staub,
das sie als "Knochen"
bezeichnen. "Das erste Mal sehen wir hier ein so feingliedriges Element des
galaktischen Skeletts", freut sich Alyssa Goodman vom Harvard-Smithsonian
Center for Astrophysics, die die Ergebnisse in der vergangenen Woche auf der
Tagung der American Astronomical Society im kalifornischen Long Beach
vorstellte.
Auch andere Galaxien besitzen solche inneren Knochen, die eine Art Endoskelett
der Galaxie bilden. So hat man bei Infrarotbeobachtungen von Galaxien lange
dünne Strukturen entdeckt, die zwischen den Spiralarmen herausragen. Sie
beinhalten deutlich weniger Masse als die auffälligen gewundenen Arme. Auch bei Computersimulationen über die Entstehung von
Galaxien sah man ein Netz aus Filamenten innerhalb der galaktischen Scheibe der
Spiralgalaxien. Von daher halten es die Astronomen für sehr wahrscheinlich, dass
es sich bei der von ihnen entdeckten Struktur um eines dieser Knochen-artigen
Filamente handelt.
Die Entdeckung gelang Goodman und ihren Kollegen bei Beobachtungen einer
Gaswolke, deren zentraler Bereich bereits 2010 mit dem Infrarot-Weltraumteleskop
Spitzer entdeckt worden war und die damals den Spitznamen "Nessie" bekommen hat,
nach dem schottischen Seeungeheuer.
Jetzt fiel den Astronomen auf, dass Nessie mindestens doppelt so lang ist, wie
ursprünglich angenommen, eventuell sogar bis zu achtmal länger.
Radioemissionen des molekularen Gases haben inzwischen gezeigt, dass die
ausgedehnte Struktur tatsächlich existiert und es sich nicht etwa nur um einen
Projektionseffekt am Himmel handelt. "Nessie" befindet sich offenbar in
der galaktischen Ebene und ist mit einer Länge von mehr als 300 Lichtjahren
deutlich ausgedehnter als man das zuvor erwartet hatte. Gleichzeitig ist die
Struktur nur ein bis zwei Lichtjahre breit. Sie enthält etwa die 100.000-fache
Masse unserer Sonne und ähnelt nicht mehr einem Seeungeheuer, sondern einer
langen Schlange.
"Dieser Knochen gleicht mehr dem Wadenbein, also dem dünnen Knochen im
Unterschenkel, als dem Schienbein, dem dickeren Unterschenkelknochen",
vergleicht Goodman. "Es ist möglich, dass sich der 'Nessie'-Knochen innerhalb
eines Spiralarms befindet oder Teil des Netzes ist, dass größere
Spiralstrukturen verbindet. Unsere Hoffnung ist, dass wir und andere Astronomen
weitere dieser Strukturen finden und mit deren Hilfe dann das Skelett der
Milchstraße in 3-D kartieren können."
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