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Die Thorium-Uhr beginnt zu ticken
Redaktion
/ idw / Pressemitteilung der PTB und der TU Wien astronews.com
13. Oktober 2026
Ab jetzt kann man von einer wirklichen Atomkernuhr sprechen:
In Wien ist der weltweit erste Prototyp einer neuen Zeitmesstechnologie in
Betrieb genommen worden, die wichtige Rekorde aufstellen soll. Die Kernuhren
könnten in Zukunft noch präzisere Zeitmessungen ermöglichen und sogar helfen,
hinter so manches Geheimnis der Physik zu kommen.

Der Kristall in der Vakuumanlage mit
Laserstrahl, der die Thorium-Kerne anregt.
Foto: T. Schumm, TU Wien [Großansicht] |
Nach der Sensation von 2024, als es nach jahrzehntelanger Forschung erstmals
gelang, den Kern von Thorium mit einem Laser anzuregen (astronews.com
berichtete), hat ein Team um Ekkehard Peik von der Physikalisch-Technischen
Bundesanstalt (PTB) und Thorsten Schumm von der Technischen Universität Wien
jetzt ein viel präziseres und zudem kompakteres Lasersystem entwickelt, das
einen echten Uhrenbetrieb ermöglicht. Mit dem an der PTB aufgebauten Lasersystem
und den an der TU Wien hergestellten Thorium-dotierten Kalziumfluorid-Kristallen
konnte jetzt in Wien erstmals ein Uhrenbetrieb gezeigt werden, bei dem das
System über mehr als 24 Stunden ohne Nutzereingriff stabil läuft. Die neue
Kernuhr könnte noch genauer werden als die optischen Atomuhren. Zudem wird damit
die Atom- mit der Kernphysik für Experimente höchster Präzision direkt
verknüpft.
Es war der Durchbruch zu einer neuen Art von Atomuhr: Vor etwa zweieinhalb
Jahren gelang es Peik und Schumm zum ersten Mal weltweit, einen Atomkern mit
einem Laser anzuregen. Es ist das grundsätzliche Prinzip jeder Atomuhr, mit
Lasern Atombestandteile anzuregen. Doch sind dies bislang immer Elektronen. In
Atomkernen sind die Teilchen viel dichter gepackt, sodass die Energie eines
Lasers normalerweise nicht ausreicht. Aber das Element Thorium-229 bot eine
Chance: "Er weist zwei sehr eng benachbarte Energiezustände auf, sodass ein
Laser ausreicht, um den Zustand des Atomkerns zu verändern", erklärt Peik. Dies
wusste der PTB-Physiker, als er 2003 das Prinzip einer Kernuhr mit Thorium
vorschlug. Aber es sollte rund 20 Jahre dauern, bis er in der Kooperation mit
Schumm genau die passende Frequenz fand.
Es war die Suche nach der Nadel im Heuhaufen: "Um den Kern gezielt anzuregen,
muss die nur ungenau bekannte Energie des Übergangs mit einem Laser auf ein
Millionstel Elektronenvolt genau getroffen werden", erläutert Peik. Möglich
wurde der Erfolg, weil Schumm mit seiner Gruppe in Wien spezielle
Thorium-dotierte Kalziumfluorid-Kristalle gezüchtet hatte, in denen viele
Thoriumkerne auf einmal getroffen werden konnten. So erhöhte sich die Chance
massiv, die passende Laserfrequenz zu finden. Doch bis zur echten Uhr fehlte
noch ein entscheidender Schritt.
"Unser zunächst genutztes Lasersystem benötigte eine Fläche von mehreren
Quadratmetern auf optischen Tischen und lief nur im gepulsten Betrieb",
erläutert Peik. In einer Kooperation mit dem Max-Born-Institut in Berlin
arbeitete das Team an der PTB mit Hochdruck an diesem Problem. Im Dezember 2025
konnten sie das Ergebnis vorstellen: einen kompakten, kontinuierlich
emittierenden Festkörperlaser mit sehr hoher Frequenzauflösung.
Jetzt gelang der genügend empfindliche Nachweis der Kernanregung. "In den
ersten Experimenten hatten wir den Kristall jeweils für zwei Minuten mit dem
Laser bestrahlt, daraufhin den Laserstrahl geblockt und das von den angeregten
Kernen abgestrahlte Fluoreszenzlicht beobachtet und gemessen", erläutert Peik.
"Dieser Vorgang erfolgt nur langsam, mit einer Zeitkonstante von etwa zehn
Minuten. Dies ist zu langsam, um damit die Frequenz des Lasers auf die
Kernresonanz stabilisieren zu können, wie es für den Betrieb als optische Uhr
notwendig ist."
Mit dem neuen, in Frequenz und Leistung viel stabileren Laser war es jetzt
möglich, anstelle der abgestrahlten Fluoreszenz die von den Kernen absorbierte
Laserleistung zu messen. Der Laser muss zum Nachweis nicht mehr geblockt werden,
und das Signal erfährt keine Zeitverzögerung. Es kann daher verwendet werden, um
die Laserfrequenz über kurze und lange Zeiten an die Kernresonanzfrequenz
anzubinden.
Damit waren die wichtigsten technischen Voraussetzungen erfüllt: Mit dem an
der PTB aufgebauten Lasersystem und den an der TU Wien hergestellten
Thorium-dotierten Kalziumfluorid-Kristallen konnte in Wien erstmals Uhrenbetrieb
gezeigt werden, bei dem das System über mehr als 24 Stunden ohne Nutzereingriff
stabil läuft. Verglichen wurde die Uhr dabei mit einer optischen Uhr des
österreichischen Metrologieinstituts BEV–PTP in Wien.
Betrachtet man die lang andauernden Entwicklungsarbeiten an anderen optischen
Uhren, stellt dies einen enorm schnellen Fortschritt für ein noch junges
Arbeitsgebiet dar. In mehrfacher Hinsicht wird mit dieser Kernuhr Neuland
betreten: Es handelt sich um die erste Uhr, die auf einer Kernresonanz beruht
und die als Taktgeber einen Festkörper verwendet, keine im Vakuum gespeicherten
Atome oder Ionen wie in allen anderen aktuell entwickelten optischen Uhren.
"Der große Vorteil der neuen Atomkernuhr in Wien ist: Wenn man nicht Atome,
sondern Atomkerne verwendet, lässt sich im Prinzip eine viel höhere Präzision
erreichen", erklärt Schumm. Atomkerne sind über zehntausendmal kleiner als
Atome, sie reagieren viel schwächer auf äußere Störungen und sind dadurch viel
zuverlässigere Taktgeber. Die Präzision der neuartigen Atomkernuhr wurde über
einen Tag hinweg untersucht und liegt bei ungefähr 10-15
– das entspricht ungefähr einem Fehler von einer Sekunde pro 30 Millionen
Jahren. "Das ist noch nicht auf dem Niveau der weltbesten optischen Atomuhren,
für einen ersten Prototyp ist es aber ein fantastisches Ergebnis", so Schumm.
Nun soll die Präzision noch durch mehrere Maßnahmen drastisch verbessert werden:
Etwa durch stärkere Laser und bessere Thorium-Kristalle.
Die neuen Messmöglichkeiten mit der Kernuhr wurden bereits für verschiedene
physikalische Untersuchungen eingesetzt: Der Thorium-Kern kann im Kristallgitter
des Kalziumfluorids verschiedene Positionen einnehmen. Aus dem daraus
resultierenden Spektrum der Kernresonanz erhält man Information über den
mikroskopischen Aufbau des Systems und kann diese zu einer Optimierung der Uhr
einsetzen. Des Weiteren wurde ein erster Test über mögliche Kopplungen des
Th-229-Kerns an bestimmte Formen Dunkler Materie durchgeführt, eine noch
vorläufige Anwendung der Kernuhr für eine grundlegende, offene Fragestellung der
Physik.
Die Forschungen in Wien und Braunschweig erfahren schon seit Längerem starke
Aufmerksamkeit auf wissenschaftlichen Konferenzen - auch deshalb, da wenige
Wochen nach Bekanntwerden der Resultate aus Wien ähnliche Experimente von einer
Kooperation chinesischer Institute unter Leitung der Tsinghua Universität
berichtet wurden. Die in Braunschweig und Wien initiierte Forschung an der
Thorium-229-Kernuhr ist somit innerhalb weniger Jahre zu einer weltweit
beachteten Aktivität geworden.
"Die jetzt erzielte Stabilität der Kernuhr stellt im Vergleich zu den besten
optischen Uhren mit gespeicherten Atomen oder Ionen noch keinen Weltrekord auf,
aber es ist klar absehbar, wo die derzeitigen technischen Grenzen liegen und
welche Eigenschaften der Lasersysteme und Thorium-Kristalle weiter verbessert
werden müssen, um voll konkurrenzfähig zu werden", blickt Peik auf die nahe
Zukunft.
Über die Fortschritte und Ergebnisse berichtete das Team in zwei
Fachartikeln, die in der
Zeitschrift Nature erschienen sind.
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