@hampelhorst, der Gedanke, zwei konkurrierende Modelle einfach zu kombinieren („Beides stimmt“), wirkt auf den ersten Blick wie ein pragmatischer Kompromiss. In der Astrophysik führt diese schlichte Addition jedoch zu fundamentalen Problemen:
1. Das Problem der doppelten Gravitationswirkung
Wenn man sowohl die volle Menge an Dunkler Materie (aus dem
-Standardmodell) als auch die Modifikation der Beschleunigung nach MOND anwendet, erzeugt man auf galaktischen Skalen
viel zu viel effektive Anziehungskraft.
- MOND wurde entwickelt, um die flachen Rotationskurven von Galaxien ohne Dunkle Materie zu erklären.
- Fügt man nun doch Dunkle Materie hinzu und verstärkt gleichzeitig die Gravitationswirkung bei kleinen Beschleunigungen via MOND, würden die Sterne in Galaxien viel zu schnell rotieren. Das Modell würde völlig an den Messdaten vorbeifliegen.
2. Feintuning und fehlender Umschaltmechanismus
Damit eine Kombination physikalisch funktionieren könnte, müsste das Modell extrem feingetunt werden:
- Auf kosmologischer Skala (CMB, Galaxienhaufen): Hier müsste Dunkle Materie zu fast 100 % dominieren und MOND vernachlässigbar sein.
- Auf Galaxienskala: Hier müsste MOND die Steuerung übernehmen und der Einfluss Dunkler Materie verschwinden.
Es gibt jedoch in den Grundgleichungen der Physik keinerlei natürlichen Mechanismus, der erklärt, warum oder wie MOND sich je nach Skala stufenlos „ein- oder ausschalten“ sollte, um sich mit der Dunklen Materie abzuwechseln.
3. Wissenschaftstheorie (Ockhams Rasiermesser)
Die Stärke von MOND lag ursprünglich darin, die Physik
sparsamer zu machen (keine unentdeckten Teilchen notwendig). Die Stärke der Dunklen Materie liegt darin, Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie unangetastet zu lassen.
Addiert man beide Ansätze uneingeschränkt, verliert man die Vorteile beider Welten: Man führt eine neue Teilchenform ein
und modifiziert gleichzeitig Einsteins Feldgleichungen. Ein solches Hybridsystem leidet unter enormer theoretischer Überkomplexität.
Wo eine Kombination wissenschaftlich diskutiert wird
Es gibt in der Fachwelt durchaus ernsthafte Spezialansätze (wie z. B. MOND kombiniert mit leichten, sterilen Neutrinos), um das Versagen von MOND in großen Galaxienhaufen zu reparieren. Das ist jedoch kein naives „Beides stimmt“, sondern der Versuch, sehr spezifische, bisher unentdeckte baryonisierte oder neutrinonische Massenanteile einzubinden.
Das von TomS angesprochene Problem deutet daher eher darauf hin, dass weder MOND noch das klassische WIMP-Modell in ihrer jetzigen Form die
ganze Wahrheit sind – und nicht, dass man zwei unvollständige Theorien einfach zusammenrechnen kann.