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Wie die Ionosphäre auf ausbleibende Sonnenstrahlung
reagiert
Redaktion
/ Pressemitteilung des DLR astronews.com
5. August 2026
Die totale Sonnenfinsternis in der kommenden Woche wollen
Forschende nutzen, um die Reaktion der Ionosphäre, einer für Navigation und
Kommunikation entscheidenden Schicht der oberen Atmosphäre, zu untersuchen.
Geplant sind internationale Messkampagnen mit Radarsystemen,
Satellitennavigations-Empfängern und Niedrigfrequenz-Signalbeobachtungen.

Künstlerische Darstellung einer Sonnenfinsternis.
Bild: ESA / Acknowledgements: ATG
Europe, Daten für das Bild der Sonne: ESA & NASA
/ Solar Orbiter / EUI Team [Großansicht] |
Am 12. August 2026 richtet sich der Blick vieler Menschen gen Himmel: Eine
spektakuläre totale Sonnenfinsternis zieht an diesem Tag über Teile der
Nordhalbkugel hinweg. Der Pfad der Totalität beginnt über der Arktis, verläuft
über Grönland, Island, den Norden Spaniens sowie die Balearen und bietet
Millionen Menschen die seltene Gelegenheit, den Mond vollständig vor der Sonne
vorbeiziehen zu sehen. Was vom Boden aus ein beeindruckendes Himmelsschauspiel
ist, stellt für Forschende gleichzeitig ein außergewöhnliches natürliches
Experiment dar – insbesondere für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt
(DLR). Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen, wie die Ionosphäre
auf den plötzlichen Wegfall der Sonneneinstrahlung reagiert.
Die Ionosphäre erstreckt sich in etwa zwischen 60 und 1000 Kilometer Höhe und
ist ein in die obere Atmosphäre eingebettetes Plasma aus Ionen und Elektronen.
Sie entsteht durch die Strahlung der Sonne im extrem-ultravioletten Spektrum und
im Röntgenbereich, die dazu führt, dass die Atmosphäre teilweise ionisiert.
Diese Schicht spielt eine zentrale Rolle für zahlreiche technische Anwendungen.
Besonders bekannt ist der Einfluss von Strahlung auf satellitengestützte
Navigationssysteme wie etwa GPS oder das europäische Galileo-System. Deren
Signale durchqueren die Ionosphäre und können dabei verzögert oder gestört
werden. Gleichzeitig ermöglicht die Ionosphäre die Reflexion bestimmter
Radiowellen und ist damit entscheidend für Kurzwellenkommunikation über große
Distanzen. Selbst Very-Low-Frequency-Signale (VLF), die beispielsweise zur
Kommunikation mit U-Booten genutzt werden, werden durch Veränderungen in der
unteren Ionosphäre beeinflusst.
Da die Ionosphäre direkt durch Sonneneinstrahlung erzeugt wird, reagiert sie
nahezu unmittelbar auf deren plötzlichen Wegfall. Während einer Sonnenfinsternis
verändert sich die Elektronendichte lokal sehr schnell – vergleichbar mit einem
abrupten Sonnenuntergang mitten am Tag. Solche Ereignisse sind für die Forschung
besonders wertvoll. Zum einen können Veränderungen der Ionosphäre kurzfristig
Auswirkungen auf Navigation und Funkkommunikation haben. Zum anderen erlaubt die
Sonnenfinsternis als klar definierter "Störfall", grundlegende Prozesse der
Dynamik und Kopplung in der oberen Atmosphäre zu untersuchen und besser zu
verstehen. Die gewonnenen Erkenntnisse helfen dabei, Modelle der Ionosphäre
langfristig zu verbessern und technologische Systeme robuster gegenüber
natürlichen Einflüssen zu machen.
Um diese Prozesse detailliert zu untersuchen, plant das DLR-Institut für
Solar-Terrestrische Physik in Neustrelitz mehrere koordinierte Messkampagnen
entlang des Pfades der Sonnenfinsternis. Gemeinsam mit der gemeinnützigen
wissenschaftlichen Organisation EISCAT, die Radaranlagen in Nordeuropa betreibt,
sollen in Tromsø und auf Spitzbergen Messkampagnen mit inkohärenten
Streu-Radaren durchgeführt werden. Diese Systeme ermöglichen hochpräzise
Messungen von Elektronendichte, Temperatur und Bewegungen des ionosphärischen
Plasmas in Echtzeit. Zusätzlich werden in Finnland installierte Empfänger des
"Globalen Ionosphärischen Flare-Detektionssystems" (GIFDS) des DLR zum Empfang
von Signalen verschiedener VLF-Sender genutzt, zum Beispiel des VLF-Senders in
Cutler, Maine (USA).
Besonders interessant dabei ist unter anderem der sogenannte Midpoint – der
zentrale Bereich entlang des Signalpfads zwischen Sender und Empfänger –, der
sich im Bereich der Sonnenfinsternis befindet. Dadurch lassen sich Veränderungen
der unteren Ionosphäre entlang der Ausbreitungsstrecke besonders präzise
analysieren. Die so gewonnenen Informationen können im Rahmen des Projekts AIR-MoPSy
zur Verbesserung des Systems "Baltic R-Mode" genutzt werden. Dessen Ziel: die
Schifffahrtsnavigation im Ostseeraum sicherer zu gestalten. Ergänzend werden
Daten mehrerer Empfänger von Satellitennavigationssignalen auf Grönland und
Island ausgewertet. Diese Messungen sollen zeigen, wie sich die veränderte
Elektronendichte während der Sonnenfinsternis auf satellitengestützte
Navigationssignale auswirkt.
Neben den direkten Beobachtungen führen die DLR-Forschenden begleitende
Computersimulationen durch, um das Verhalten der Ionosphäre während der
Sonnenfinsternis physikalisch nachzubilden. Der Abgleich zwischen Messdaten und
Modellsimulationen ermöglicht es, bestehende Vorhersagemodelle weiter zu
verbessern und bisher unzureichend verstandene Prozesse genauer zu
charakterisieren. Die Sonnenfinsternis vom 12. August 2026 wird damit nicht nur
ein beeindruckendes Naturschauspiel liefern, sondern auch eine seltene
Gelegenheit, die komplexen Wechselwirkungen zwischen Sonne, Atmosphäre und
moderner Technologie besser zu verstehen – ein wichtiger Schritt für die
zukünftige Entwicklung zuverlässiger Navigations- und Kommunikationssysteme auf
der Erde.
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