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Spiralstrukturen auch im Kleinen
Redaktion
/ Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Radioastronomie astronews.com
4. Oktober 2016
Astronomen haben mithilfe des Radioteleskopverbunds ALMA
eine auffällige Spiralarm-Struktur in der Gas- und Staubscheibe um den jungen
Stern Elias 2-27 entdeckt. Die Beobachtungen könnten für das Verständnis der
Planetenentstehung von Bedeutung sein, da solche Spiralstrukturen die Bildung
von Planeten eventuell erst ermöglichen.

Blick von ALMA auf den Stern Elias 2-27.
Bild: B. Saxton (NRAO / AUI / NSF); ALMA
(ESO / NAOJ / NRAO) [Großansicht] |
Eine internationale Gruppe von Astronomen hat das erste Bild einer
Spiralstruktur in einer protoplanetaren Scheibe aufgenommen, das Wärmestrahlung
des in der Scheibe enthaltenen Staubs zeigt. Solche Scheiben sind die
Geburtsstätten neuer Planetensysteme, und Strukturen darin dürften eine wichtige
Rolle für die Entstehung von Planeten um junge Sterne spielen.
Die Forscher nutzten den Radioteleskopverbund Atacama Large Millimeter/submillimeter
Array (ALMA), um die Scheibe rund um den jungen Stern Elias 2-27 im
Sternbild Schlangenträger zu untersuchen, der rund 450 Lichtjahre von der Erde
entfernt ist. Geleitet wird die Gruppe von der Humboldt-Stipendiatin Laura Pérez
vom Max-Planck-Institut für Radioastronomie (MPIfR).
Planeten entstehen im Inneren von Scheiben aus Gas und Staub rund um neugeborene
Sterne. Diese Grundidee hat eine lange Geschichte, aber die Astronomen sind erst
seit kurzem in der Lage, derartige Scheiben direkt zu beobachten. Ein frühes
Beispiel ist die Entdeckung der Silhouetten solcher Scheiben in den 1990er
Jahren mit dem Weltraumteleskop Hubble. Bilder von Unterstrukturen
solcher Scheiben sind den Astronomen erst sehr viel später gelungen. Lücken in
protoplanetaren Scheiben konnten erst im Jahre 2014 mit ALMA nachgewiesen
werden.
Die neuen Beobachtungen sind von besonderem Interesse für alle, die sich mit der
Entstehung von Planeten beschäftigen. Ohne solche Unterstrukturen könnten
Planeten möglicherweise gar nicht erst entstehen. Der Grund dafür ist wie folgt:
Ist die Materie in einer Scheibe weitgehend gleichmäßig verteilt, können
Planeten nur Schritt für Schritt entstehen. Staubteilchen in der Scheibe
kollidieren und haften aneinander, und im Laufe der Zeit entstehen so immer
größere Objekte.
Problematisch wird es freilich, sobald die Objekte größer als einige Meter
werden. Dann erfahren sie auf ihrer Bahn um den Stern so viel Reibung durch das
umgebende Gas, dass diese Objekte auf Zeitskalen von tausend Jahren oder weniger
nach innen wandern und in den Zentralstern fallen. Das ist viel kürzer als die
Zeit, die solche Objekte benötigen würden, um durch aufeinanderfolgende Stöße
bis zur Größe von Planeten anzuwachsen und bei solcher Größe dann gegen die
Gasreibung vergleichsweise unempfindlich zu sein.
Wie also können sich überhaupt größere Objekte bilden? Ohne eine gute Antwort
auf diese Frage können wir die Entstehung unseres Sonnensystem und anderer
Planetensysteme nicht verstehen. Es gibt verschiedene Lösungsansätze für
Mechanismen, die urtümlichen Felsbrocken helfen können, zu wachsen und
schließlich die Größe zu erreichen, wo sie sich mithilfe der Schwerkraft zu
ausgewachsenen Planeten zusammenfügen.
"Die Spiralstruktur, die wir in Elias 2-27 beobachtet haben, ist der erste
direkte Hinweis auf spiralförmige Dichtewellen in einer protoplanetaren
Scheibe" sagt Pérez. "Sie zeigt, dass sich innerhalb der Scheibe Instabilitäten
bilden können, die zu Teilgebieten deutlich größerer Dichte führen und damit zur
Bildung weiterer Planeten."
Solche Instabilitäten treten nicht nur auf den Größenskalen der
Planetenentstehung auf: Das wohl bekannteste Beispiel sind Dichtewellen in
Spiralgalaxien, die für die markanten Spiralarme solcher Galaxien verantwortlich
sind. In Regionen erhöhter Dichte, wie sie entlang der jetzt beobachteten
Dichtewellen auftreten, könnte die Planetenentstehung dagegen ungleich rascher
fortschreiten, sowohl aufgrund der erhöhten Schwereanziehung in dem betreffenden
Gebiet als auch aufgrund der höheren Wahrscheinlichkeit von Zusammenstößen.
Das könnte die Antwort auf die Frage sein, wie in einer Scheibe Objekte mit
Durchmessern größer als einige Meter entstehen können. Planeten, die bereits in
der Scheibe entstanden sind, können aber auch ihrerseits spiralförmige
Dichtewellen auslösen, während sie um den Zentralstern umlaufen. Diese zwei
Rollen auseinanderzuhalten - Spiralarme einerseits als Auslöser für die
Planetenentstehung oder andererseits selbst durch Planeten erzeugt - verlangt
nach einem tieferen Verständnis, zu dem Beobachtungen wie das jetzt
veröffentlichte ALMA-Bild beitragen können.
"Nachdem wir über Jahre nur die integrierte Wärmestrahlung von Scheiben um junge
Sterne messen konnten, sehen wir sie jetzt in ihrer ganzen Schönheit und
Vielfalt, inzwischen auch mit einer Spiralstruktur. Dies hilft uns, die
Entstehung von Planeten besser zu verstehen," so Thomas Henning, Direktor am
Max-Planck-Institut für Astronomie (MPIA), einer der beteiligten
Wissenschaftler.
"In den letzten Jahrzehnten haben Astronomen eine beachtliche Vielfalt an
Exoplaneten gefunden. Erklären können wir diese Vielfalt nur, wenn wir die
frühen Phasen der Planetenentstehung verstehen - und dazu leisten die
beeindruckend detaillierten ALMA-Bilder einen wichtigen Beitrag", ergänzt
Hendrik Linz, ebenfalls vom MPIA.
So erstrecken sich die beiden weit ausladenden Spiralarme um Elias 2-27 bis in
eine Entfernung von mehr als zehn Milliarden Kilometern von dem jungen Stern,
weiter in den Weltraum hinaus als der Kuipergürtel in unserem eigenen
Sonnensystems. "Das Vorhandensein von spiralartigen Dichtewellen bei derart
extremen Entfernungen vom Stern könnte die Existenz von Exoplaneten erklären,
die ihre Zentralsterne in ähnlich großer Entfernung umkreisen", so Pérez: "In
den herkömmlichen Modellen der Planetenentstehung sollten derartige Planeten gar
nicht vor Ort entstehen können."
Der junge Stern Elias 2-27, den ALMA für diese Aufnahmen angepeilt hat, ist Teil
einer weit größeren Sternentstehungsregion mit der Bezeichnung Rho Ophiuchi im
Sternbild Schlangenträger. Elias 2-27 hat sich erst vor rund einer Million
Jahren gebildet - ein kurzer Zeitraum im Vergleich mit dem Alter unserer Sonne
von rund 4,6 Milliarden Jahren.
Von diesem Stern war bereits bekannt, dass er von einer Scheibe umgeben ist;
nach den bisherigen Beobachtungen mit einem geringeren Auflösungsvermögen hätte
es sich allerdings ebenso gut um eine strukturlose, zylindersymmetrische Scheibe
handeln können. Die neuen ALMA-Beobachtungen zeigen Strahlung mit einer
Wellenlänge von 1,3 Millimetern. Diese Strahlung geht auf das Vorhandensein von
Staubpartikeln zurück, die zwischen einem und zehn Prozent der Gesamtmasse der
Scheibe beitragen. Mithilfe dieser Strahlung konnten die Astronomen das erwähnte
Spiralmuster von einem Abstand von rund hundert Astronomischen Einheiten (also
100 Mal dem mittleren Abstand der Erde von der Sonne) zum Zentralstern bis
hinaus zu einer Entfernung von 300 Astronomischen Einheiten verfolgen.
Eine Erklärung für die Entstehung dieser Spiralstruktur ist, dass sich in der
Scheibe bereits ein Planet gebildet hat. ALMA hat auch in der Tat ein schmales
Band in der Scheibe mit deutlich weniger Staub entdeckt, das freilich nicht groß
genug ist, einen Planeten zu beherbergen, der wiederum groß genug wäre, das
beobachtete Spiralmuster zu erzeugen. Andererseits kann auch die Gravitation
der Scheibe selbst Instabilitäten hervorrufen, die ein solches Spiralmuster
erzeugen können.
Eingedenk der Gesamtmasse der Scheibe und der Form und Symmetrie des
Spiralmusters wird auch diese Möglichkeit von den Autoren für durchaus
wahrscheinlich gehalten. "ALMA-Beobachtungen dieser Art werden zunehmend
häufiger und sollten uns mehr und mehr Bilder von inhomogenen Substrukturen in
protoplanetaren Scheiben liefern", schließt Karl Menten, Direktor am MPIfR und
an der Untersuchung beteiligt. "Damit sollten wir Astronomen zunehmend in der
Lage sein, die Eigenschaften solcher Strukturen genauer zu beschreiben und ihre
Rolle für die Planetenentstehung aufzuklären."
Über ihre Beobachtungen berichten die Wissenschaftler in einem Fachartikel, der
in der Zeitschrift Science erschienen ist.
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