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Majestätische Bögen mit turbulentem Geheimnis
Redaktion
/ Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung astronews.com
28. April 2015
Betrachtet man unsere Sonne im ultravioletten Licht, werden
oft spektakuläre Plasmabögen sichtbar, die sich von der Sonnenoberfläche bis
weit in die Korona der Sonne erstrecken. Sie galten bislang als Indikator für
eine bogenförmige Magnetfeldlinie. Umfangreiche Rechnungen zeigen jetzt aber,
dass das Magnetfeld hier deutlich turbulenter ist.

Ein spektakuläres Beispiel für koronale Bögen
auf der Sonne in einer Aufnahme des Solar
Dynamics Observatory der NASA.
Bild: NASA / Solar Dynamics Observatory [Großansicht] |
Für das menschliche Auge ist die äußere Atmosphäre der Sonne, die so genannte
Korona, nur bei einer Sonnenfinsternis zu sehen. Zu sehr überstrahlt die
gleißend helle Sonnenscheibe das schwache Leuchten dieses Randbereichs. Erst das
ultraviolette Licht, das die Korona ins All abstrahlt, offenbart ihr wahres
Wesen: In Zeiten hoher Aktivität entweicht dort heißes Plasma in heftigen
Eruptionen oder strömt in beeindruckenden Bögen zurück zur Oberfläche des
Sterns.
Diese sogenannten koronalen Bögen können mehrere Stunden bestehen und galten
lange Zeit als sichtbare Anzeichen des solaren Magnetfeldes. Forscher unter
Leitung des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung (MPS) in Göttingen
zeichnen nun ein dynamischeres Bild der Sonnenatmosphäre: Auch dort, wo stabile
koronale Bögen auftreten, ist das Magnetfeld offenbar in Bewegung.
Die Atmosphäre der Sonne ist ein rätselhafter Ort. Mit Temperaturen von mehr
als einer Million Grad ist diese Schicht mehr als hundert mal heißer als die
darunter liegende Photosphäre, die sichtbare Oberfläche der Sonne. "Die
Photosphäre liegt viel näher am Hitze spendenden Kern der Sonne. Eine solche
Temperaturverteilung erscheint deshalb auf den ersten Blick völlig unmöglich",
erklärt Hardi Peter vom MPS. Es ist, als nähere man sich einem glühenden Ofen
und erlebe plötzlich eine deutliche Abkühlung. Seit Jahrzehnten suchen Forscher
nach einem Prozess, der Energie in die Korona transportiert und dort in Wärme
umwandelt. Sicher ist, dass die Magnetfelder der Sonne eine entscheidende Rolle
spielen.
Diese zeigen sich nun veränderlicher als bisher gedacht. Als Anzeichen
zumindest zeitweise stabiler magnetischer Strukturen galten bisher die koronalen
Bögen, die sich hell leuchtend in Sonnenaufnahmen im ultravioletten Licht
zeigen. Sie können bis zu 100.000 Kilometer in die Sonnenatmosphäre hineinragen.
Eingefangenes, heißes Plasma fließt dort entlang einer bogenförmigen
Magnetfeldlinie, so die Vorstellung.
"Die koronalen Bögen wären somit die solare Entsprechung des klassischen
Schulexperiments mit Eisenspänen", vergleicht Peter. Ebenso wie sich dort die
Eisenspäne entlang der Magnetfeldlinien ausrichten, zeigt das strömende Plasma
die Richtung des solaren Magnetfeldes auf.
Doch diese Vorstellung ist, so die neue Studie, offenbar nicht zu halten.
Erstmals konnten die Göttinger Forscher in ihren Rechnungen nun mitverfolgen,
wie sich eine einzelne Feldlinie mit der Zeit entwickelt. Selbst wenn sie
zunächst mit einem koronalen Bogen zusammenfällt, gehen Magnetfeldlinie und
Bogen einige Sekunden später getrennte Wege: Der sichtbare Bogen bleibt nahezu
stabil, die Feldlinie jedoch wächst und wölbt sich weiter nach außen.
"Betrachtet man das komplette magnetische Feld, so findet sich zwar stets eine
Feldlinie, die mit dem Bogen übereinstimmt", so Feng Chen vom MPS. "Doch es ist
nicht lange dieselbe."
Die Ursache findet sich am Ausgangspunkt der Feldlinien: der
Sonnenoberfläche. Koronale Bögen nehmen ihren Ursprung in der Regel in der Nähe
von Sonnenflecken. Diese Bereiche besonders hoher magnetischer Feldstärke
überziehen die sichtbare Oberfläche der Sonne mal mehr, mal weniger zahlreich.
Am äußeren Rand eines solchen Fleckes fließt magnetische Energie besonders
effizient nach oben in die Korona.
Erreicht eine Feldlinie diesen Bereich, erhält sie dort mehr Energie, das
Plasma heizt sich auf - und wird schließlich so heiß, dass im ultravioletten
Licht ein Leuchten erkennbar ist. "Koronale Bögen, wie wir sie aus UV-Aufnahmen
der Sonne kennen, zeigen sich nur in einem begrenzten Temperaturbereich, etwa
von 1,3 bis 1,7 Millionen Grad", so Chen. Die sich erwärmende und gleichzeitig
nach außen wandernde Feldlinie blitzt somit nur für 50 bis 100 Sekunden auf.
Danach bietet eine andere weiter innen die richtigen Temperaturbedingungen. "Das
Leuchten des koronalen Bogens tritt deshalb zwar immer an derselben Stelle auf.
Verantwortlich sind aber immer neue Feldlinien und Plasmaströme", so Chen.
Entscheidend für diesen neuen Blick in die Atmosphäre der Sonne waren
Rechnungen, in denen die Forscher den Wärmehaushalt und die elektromagnetischen
Eigenschaften des dünnen Plasmas in dieser Region in allen drei Dimensionen
betrachteten. "Leider lässt sich das Magnetfeld der Korona nicht direkt messen",
so Peter. "Dafür ist ihr Licht einfach zu schwach".
Stattdessen nutzen Forscher Beobachtungen des Magnetfeldes an der
Sonnenoberfläche und setzen dieses rechnerisch in die Atmosphäre der Sonne fort.
"Dabei alle Dimensionen zu berücksichtigen, ist numerisch ausgesprochen
aufwändig und anspruchsvoll", so Peter. 20 Millionen CPU-Stunden auf dem
Super-Computer am Leibnitz-Rechenzentrum in München waren hierfür notwendig; ein
normaler PC hätte mehr als 1.000 Jahre benötigt.
Ältere Ansätze hatten deshalb nur ein Teil der Dimensionen im Detail
beschrieben. "Die ganze Bandbreite der dynamischen Vorgänge in der
Sonnenatmosphäre erschließt sich so jedoch nicht", erklärt Peter. Die
Wissenschaftler hoffen nun, dass das tiefere Verständnis des solaren
Magnetfeldes auch helfen könnte, das Rätsel der Heizung der Korona zu lösen.
Über ihre Studie berichten die Wissenschaftler in einem Fachartikel, der
jetzt in
der Zeitschrift Nature Physics erschienen ist.
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