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Langzeitmission mit Zwilling
Redaktion
/ Pressemitteilung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt astronews.com
26. März 2015
Am Freitagabend wird der NASA-Astronaut Scott Kelly zu einer
ganz besonderen Mission zur Internationalen Raumstation starten: Er soll ein
Jahr lang an Bord der ISS bleiben. Auf der Erde zurück bleibt sein Bruder Mark. Der
eineiige Zwilling ist auch Astronaut und dient Raumfahrtmedizinern als eine Art
Referenzmodell für ihre Untersuchungen.

Astronaut Mark Kelly (links) bleibt auf der
Erde, sein Zwillingsbruder Scott Kelly soll ab
dem 27. März 2015 für ein Jahr auf der
Internationalen Raumstation ISS leben und
arbeiten.
Foto: NASA [Großansicht] |
Wenn Lander wie Philae ins All fliegen oder Instrumente wie der
"Maulwurf" HP3 für die Reise zum Mars vorbereitet werden, gibt es immer ein
Bodenreferenzmodell - ein Modell, mit dem die Wissenschaftler auf der Erde Tests
durchführen können oder Vergleichsmessungen. Mit Mark und Scott Kelly gibt es
nun zum ersten Mal ein menschliches Bodenreferenzmodell: Die beiden sind
eineiige Zwillinge und während Scott am 27. März 2015 um 20.42 Uhr MEZ für ein
Jahr zur Internationalen Raumstation ISS reist, bleibt sein Bruder Mark auf dem
Boden und dient als Vergleichsobjekt.
"Zum ersten Mal kann so auch untersucht werden, ob sich durch den langen
Aufenthalt im All auch die Gene eines Menschen ändern", sagt Prof. Rupert Gerzer
vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Und auch die Auswirkungen
unter anderem auf Kreislauf, Knochen, Muskeln und Augen sind bei
Langzeitmissionen noch nicht ausreichend erforscht. "Die Ein-Jahres-Mission ist
natürlich auch eine Vorbereitung für einen bemannten Flug zum Mars."
Scott Kelly ist kein Neuling im All: Der 51-Jährige ist bereits drei Mal und
für insgesamt mehr als 180 Tage ins All geflogen. Er installierte neue
Instrumente am Hubble-Weltraumteleskop, flog mit dem Space Shuttle
Endeavour und verbrachte ab Oktober 2010 als Kommandant 159 Tage in der
Internationalen Raumstation ISS. Jetzt verabschiedet er sich allerdings für ein
ganzes Jahr von der Erde.
Vor ihm taten dies bereits mehrere russische Astronauten: Waleri Poljakow
blieb 437 Tage in der Schwerelosigkeit, Sergei Awdejew verbrachte 379 Tage in
der MIR-Raumstation. Doch nun stehen mehrere Premieren an – zum ersten Mal lebt
und arbeitet ein Astronaut für solch einen langen Zeitraum auf der
Internationalen Raumstation, zum ersten Mal verbringt ein amerikanischer
NASA-Astronaut ein Jahr im All und zum ersten Mal gibt es einen Zwilling, der
genetisch nahezu identisch ausgestattet ist.
Mark Kelly ist selbst Astronaut, flog bereits vier Mal ins All und brachte
unter anderem mit dem letzten Shuttle-Flug das Alpha Magnetic Spectrometer
(AMS) zur ISS. Auch ein russischer Kosmonaut, Mikhail Kornienko, wird gemeinsam
mit Scott Kelly ein komplettes Jahr in der Internationalen Raumstation leben und
forschen.
"Aber mit Scott und Mark Kelly beginnt der Einstieg in die Forschung an
genetischen Merkmalen", erklärt Gerzer, der das DLR-Instituts für Luft- und
Raumfahrtmedizin leitet. "Die Wissenschaft sucht hier sozusagen nach dem
genetischen Fingerabdruck der Raumfahrt."
Zusätzlich zu den mehreren hundert ISS-Experimenten hat die NASA insgesamt
zehn Experimente ausgewählt, die sich ausschließlich mit dem Vergleich der
beiden Zwillingsbrüder beschäftigen. Veränderungen in verschiedenen Organen und
in den Genomen der Zellen durch Faktoren wie Strahlung, Isolation und
Schwerelosigkeit sowie Auswirkungen auf die Wahrnehmung oder das Treffen von
Entscheidungen sollen unter anderem an den Astronauten-Zwillingen erforscht
werden.
"Der Aufenthalt im All hat insgesamt Auswirkungen auf das
Herz-Kreislauf-System, das Immunsystem wird geschwächt, Muskeln und Knochen
bauen ab", zählt DLR-Raumfahrtmediziner Gerzer auf. Das DLR-Institut für Luft-
und Raumfahrtmedizin erforscht unter anderem diese Auswirkungen. "Fast
Zweidrittel der Astronauten entwickeln in der Schwerelosigkeit Sehstörungen."
Die Ursache könnte eine Erhöhung des Hirndrucks sein, "doch das ist noch nicht
erforscht."
Die Internationale Raumstation befindet sich in rund 400 Kilometern Höhe,
jederzeit kann ein erkrankter Astronaut im Notfall zur Erde zurückkehren, bei
einem mehr als 200 Tage langen Flug zum Mars ist die schnelle Rückkehr
ausgeschlossen: "Bei Langzeitmissionen dürfen Probleme beispielsweise mit dem
Augen- und Hirndruck gar nicht erst auftreten."
Bisher weiß man: Nach den mittlerweile üblichen sechs Monaten Aufenthalt in
der Schwerelosigkeit regeneriert sich der menschliche Körper nach der Rückkehr
zur Erde wieder, entsprechende Gegenmaßnahmen wie Lauftraining in der ISS können
größere Schäden vermeiden. "Das Trainingsprogramm ist mittlerweile sehr gut, die
Astronauten kehren recht fit zurück und erholen sich innerhalb von wenigen
Tagen."
Auch die Schädigung durch die kosmische Strahlung – pro Tag sind die
Astronauten im All etwa einer irdischen Jahres-Dosis ausgesetzt – repariert der
Körper mit der Zeit. Wie es bei einem Aufenthalt von einem Jahr aussieht und wie
die Gene auf die Umweltbedingungen im All reagieren, ist kaum bekannt.
"Eine der Herausforderungen in den nächsten Jahren wird es sein,
Fitnessgeräte so zu konstruieren, dass sie bei kleinerem Umfang in Raumschiffe
passen und dennoch denselben Trainingseffekt haben." Die Gegenmaßnahmen müssen
aber nicht nur bei kürzeren Trainingszeiten gut funktionieren, sondern auch Spaß
machen, ist sich Gerzer sicher. "Sonst ist die Motivation zum Training zu
gering."
Mit Scott und Mark Kelly wird zwar die Datenbasis für detaillierte
Erkenntnisse sehr gering sein, dennoch wird die Mission es ermöglichen, Hinweise
zu erhalten und Tendenzen festzustellen. Für Astronaut Scott Kelly kommt aber
neben den wissenschaftlichen Experimenten noch eine weitere Aufgabe zu: "Egal
wie spannend alles ist und wie schön die Erde aussieht, man ist für ein ganzes
Jahr in der Raumstation - da geht es dann auch darum, über einen so langen
Zeitraum engagiert und interessiert zu bleiben", sagt er.
Update (28. März 2015): Die Sojus-Kapsel ist
gestern wie vorgesehen gestartet und hat rund sechs Stunden später, am frühen
Sonnabendmorgen, die Internationale Raumstation ISS erreicht.
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