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Solare Eruptionen und Flares im Computer
Redaktion
/ idw / Pressemitteilung der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich astronews.com
9. Oktober 2014
Starke Eruptionen auf der Sonne haben unter Umständen auch
Einfluss auf die Erde. Hier können sie im ungünstigsten Fall Kommunikations- und
Stromnetze lahmlegen. Schweizer Physiker haben nun mithilfe eines
Computermodells neuen Einblicke in den Entstehungsprozess dieser gigantischen
Ausbrüche gewonnen, deren Vorhersage bislang noch in den Kinderschuhen steckt.

Die Sonne im August 2014. Links ist ein
solarer Flare zu sehen.
Bild: NASA / SDO [Großansicht] |
Je weniger Zeit zwischen zwei Explosionen in der Sonnenatmosphäre
verstreicht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der zweite Ausbruch
stärker ist als der erste. Dies haben Professor Hans Jürgen Herrmann der
Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich) und sein Team mit
Hilfe von Modellrechnungen gezeigt. Bei Sonneneruptionen werden ungeheure
Energiemengen freigesetzt, die millionenfach grösser sind als bei
Vulkanexplosionen.
Bei starken Explosionen kommt es oft zu einem Masseausstoß aus dem äußersten
Teil der Sonnenatmosphäre, der Korona. Trifft ein solcher koronaler
Massenauswurf auf die Erde, kann er einen geomagnetischen Sturm auslösen.
Schwere Stürme können Satelliten, den Funkverkehr und elektrische Anlagen
stören. Als im Herbst 2003 einige der bisher stärksten Eruptionen auf der Sonne
registriert wurden, fiel in Südschweden der Strom aus, und Flugrouten mussten
umgeleitet werden, weil Kommunikationsverbindungen über den Polregionen
zusammenbrachen.
Die ETH-Forscher haben untersucht, was bei den Explosionen auf der Sonne
geschieht. In einem Computermodell konnten sie die statistische Größenverteilung
und zeitliche Abfolge der Eruptionen korrekt nachbilden. "Die Übereinstimmung
mit Satellitenmessungen ist beeindruckend", so die Wissenschaftler in der
Fachzeitschrift Nature Communications.
Die Sonne sei eigentlich gar nicht sein Thema, sagt Herrmann, Professor am
Institut für Baustoffe. Der theoretische Physiker ist Fachmann für
Computerphysik und hat eine Methode entwickelt, mit der sich Phänomene aus
verschiedensten Gebieten untersuchen lassen. Ähnliche Muster wie bei
Sonneneruptionen findet man bei Erdbeben, Lawinen oder dem Börsenmarkt.
"Natürlich haben die Sonnenexplosionen keinen Zusammenhang mit den
Börsenkursen", sagt Herrmann. Doch im Kern zeigen diese Systeme alle ein
ähnliches Verhalten: Sie können sich verhaken, bis ein bestimmter Schwellenwert
erreicht ist. Dann entladen sie sich. Die Masse oder Energie, die man in ein
System stecke, werde also nicht kontinuierlich wieder abgegeben, sondern
stoßweise, erklärt Herrmann. Die Fachleute sprechen von selbstorganisierter
Kritizität.
Ein Beispiel dafür ist ein Sandhaufen, auf den Körner herabrieseln. Der
Haufen wächst, bis sich ab und zu eine Lawine löst. Kleinere Rutschungen sind
häufiger, große seltener. Über lange Zeiten betrachtet bleibt der Haufen gleich
hoch, er organisiert sich selbst um einen kritischen Zustand.
Bei Sonneneruptionen wird magnetische Energie, die sich aufgestaut hat,
plötzlich frei gesetzt. Die Sonne besteht aus einem heißem Plasma aus Elektronen
und Ionen. Aus der Sonnenoberfläche, Photosphäre genannt, wachsen
Magnetfeldlinien bis in die Sonnenkorona heraus. Es bilden sich Bündel aus
Feldlinien, sogenannte Magnetfeldschläuche, die sich bewegen und verdrehen.
Überkreuzen sich zwei Schläuche, so vereinigen sie sich (Physiker sprechen
von einer Rekombination), und es kommt zu einer Explosion, bei der große Mengen
elektromagnetischer Strahlung entweichen. Das betreffende Gebiet auf der Sonne
leuchtet hell auf als sogenannter Solar Flare. Die Strahlung erstreckt
sich über das gesamte elektromagnetische Spektrum von Radiowellen über
sichtbares Licht bis zu Röntgen- und Gammastrahlen.
Aus Beobachtungen weiß man, dass die Größenverteilung der Solar Flares
statistisch einer bestimmten Gesetzmäßigkeit folgen: "Es gibt beliebig große
Ereignisse, diese sind aber beliebig selten", erklärt Herrmann. Mathematisch
ausgedrückt handelt es sich um eine skalenfreie Energieverteilung, die einem
Potenzgesetz folgt.
Bisherige Computermodelle konnten diese statistische Größenverteilung zwar
qualitativ nachbilden, sie erlaubten aber keine quantitativen Aussagen. Ein
Modell, das auf der Kreuzung der Magnetschläuche und damit auf der
selbstorganisierten Kritizität basierte, vernachlässigte eine wichtige Tatsache,
sagt Herrmann: "Das System ist turbulent." Die Magnetfeldlinien bewegen sich in
der Sonnenkorona nicht zufällig, sondern sind im turbulenten Plasma der
Photosphäre verankert, dessen Verhalten sich mit der Fluiddynamik, der
Wissenschaft von der Bewegung von Flüssigkeiten und Gasen, beschreiben lässt.
Berechnungen, die sich ausschließlich auf die Turbulenz des Plasmas
stützten, konnten die beobachteten Muster beim Auftreten der Solar Flares
allerdings auch nicht vollständig reproduzieren. Herrmann und sein Team
kombinierten deshalb selbstorganisierte Kritizität und Fluiddynamik und
schafften damit den Durchbruch. "Uns ist es gelungen, das gesamte Bild, wie die
Solar Flares auftreten, wiederzugeben", so der Forscher.
Mit wochenlangen Rechnungen auf einem Supercomputer konnte das Team zeigen,
dass sein Modell immer korrekte Resultate lieferte, auch wenn Details wie
beispielsweise die Zahl der Magnetschläuche oder die Energie des Plasmas
geändert wurden. Im Gegensatz zu den früheren Versuchen anderer Forscher
stimmten die Resultate auch quantitativ mit den Beobachtungen überein. Aus ihren
Berechnungen schließen die Wissenschaftler: "Die Turbulenz und die
Wechselwirkung zwischen den Magnetschläuchen sind die wesentlichen
physikalischen Bestandteile, die das Auftreten der Solar Flares
kontrollieren."
Dieser Nachweis von zeitlich-energetischen Zusammenhängen sei der erste
Schritt für ein Vorhersagemodell. Doch Herrmann warnt: "Unsere Aussagen sind
statistisch." Man könne deshalb nur Wahrscheinlichkeiten voraussagen. Prognosen
einzelner Ereignisse seien nicht möglich.
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