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Die Entstehung einer Riesengalaxie
von Stefan Deiters astronews.com
28. August 2014
Astronomen ist es gelungen, erstmals die frühste Phase der
Entstehung einer massereichen Galaxie im jungen Universum zu beobachten.
Mithilfe von Hubble und anderen Teleskopen untersuchten sie ein
kompaktes System, in dem eine große Anzahl neuer Sterne entsteht. Es ist
erheblich kleiner als unsere Milchstraße, hat aber bereits die doppelte Masse.

Winziger Punkt: der entstehende Galaxienkern
GOODS-N-774 in einer Hubble-Aufnahme.
Bild: NASA, ESA und E. Nelson (Yale
University, USA) [Großansicht] |
Elliptische Galaxien sind große, gasarme Gebilde, in denen sich vor allem
ältere Sterne finden und kaum noch neue Sonnen entstehen. Zusammen mit
linsenförmigen Galaxien und Spiralgalaxien gehören sie zu den drei Haupttypen
von Galaxien, die man heute im Universum beobachtet. Einige elliptische Galaxien
sind wahre Giganten und dominieren als sogenannte elliptische Riesengalaxien
ganze Galaxienhaufen.
Aktuelle Theorien über die Entstehung von solchen Systemen gehen davon aus,
dass sich in einer frühen Phase ihrer Entwicklung zunächst kompakte
Kerne gebildet haben. In einem späteren Stadium wuchsen diese Galaxien dann vor
allem durch Verschmelzungen mit anderen Systemen. Bislang war es den Astronomen
allerdings nicht gelungen, einen direkten Beweis für diese vermutete erste
Phase der Galaxienentwicklung zu finden.
Jetzt aber haben Forscher mit GOODS-N-774 ein Objekt entdeckt, bei dem es
sich um einen gerade entstehenden Kern einer Galaxie handeln könnte, aus dem
sich im Verlauf der Zeit eine elliptische Riesengalaxie entwickeln wird. Das
Objekt ist so weit von der Erde entfernt, dass wir es zu einer Zeit sehen, in
der das Universum gerade einmal rund drei Milliarden Jahre alt war.
"Diese Kernentstehung ist ein Phänomen, das es nur im jungen Universum gibt",
erläutert Erica Nelson von der Yale University. "Heute findet man diese
Art von Galaxienentstehung nicht mehr. Das Universum muss damals irgendwie die
Entstehung von Galaxien auf diese Weise ermöglicht haben. In der Gegenwart
gelingt das nicht mehr. Wir vermuten, dass das Universum damals kompaktere
Objekte erzeugen konnte, weil es kurz nach dem Urknall selbst noch kompakter
war. Jetzt ist seine Dichte viel geringer, so dass dies nicht mehr möglich ist."
Kompakt ist der entfernte Galaxienkern in der Tat: Obwohl er mit einem
Durchmesser von etwa 6.000 Lichtjahren erheblich kleiner ist als die
Milchstraße, hat er schon etwa die doppelte Masse unserer Heimatgalaxie.
Diese hat einen Durchmesser von rund 100.000 Lichtjahren. GOODS-N-774 könnte
zudem nur einer von sehr vielen solchen Kernen sein, die sich im jungen Universum
finden und von denen viele zu lichtschwach sind, um entdeckt zu werden.
Nachdem das Team die Größe der Galaxie mithilfe von Beobachtungen mit dem
Weltraumteleskop Hubble bestimmt hatte, suchten sie in den Archiven der
Infrarot-Weltraumteleskope Spitzer und Herschel nach weiteren
Beobachtungen von GOODS-N-774, um die Sternentstehungsrate in dem System
abschätzen zu können. Mit Erfolg: Offenbar entstehen in dem fernen Kern etwa 300
neue Sterne in jedem Jahr. "Zum Vergleich: In der Milchstraße entstehen pro Jahr
etwa dreißig Mal weniger Sterne, nämlich nur etwa zehn Sterne pro Jahr", so Marijn Franx von der Universität in Leiden. "Dies ist wirklich eine sehr hohe
Sternentstehungsrate."
Für diese extrem hohe Sternentstehungsaktivität machen Astronomen Dunkle
Materie verantwortlich, die durch ihre Massenwirkung Gas ins Zentrum der Galaxie
leitet. Das Universum ist, so die aktuellen kosmologischen Modelle, von einem
Netz aus Dunkler Materie durchzogen. In den Knotenpunkten, also an Orten mit
sehr viel Materie, kann sich bevorzugt normale Materie sammeln und es können so
Strukturen wie Galaxien entstehen.
"Es gibt dort extreme Umweltbedingungen", erläutert Nelson. "Es ist wie
ein mittelalterlicher Kessel, in dem Sterne geschmiedet werden. Es gibt viele
Turbulenzen und es blubbert. Wenn man sich dort aufhalten würde, wäre der
Nachthimmel von jungen Sternen hell erleuchtet und es gäbe sehr viel Staub, Gas
und Überreste von explodierenden Sternen. Das hier vor sich zu haben, ist
schon sehr faszinierend."
Der durch die extreme Sternentstehung entstandene Staub könnte auch erklären,
warum solche entstehenden Galaxienkerne den Astronomen bislang nicht aufgefallen
waren: Der Staub verschluckt einen Teil des Lichts der Sterne. Auch GOODS-N-774
war trotz Infrarotbeobachtungen mit der modernen Wide Field Camera 3 an
Bord von Hubble nur gerade eben zu sehen.
"In dieser Galaxie scheinen schon seit über einer Milliarde Jahren mit einer
enormen Rate neue Sterne zu entstehen", so Franx. "Wir haben sie sehr früh in
ihrem Leben entdeckt. In Kürze dürfte die Sternentstehung im Kern zum Erliegen
kommen und kleinere Galaxien werden mit dem System im Laufe der folgenden zehn
Milliarden Jahre verschmelzen. Es wird dadurch immer weiter anwachsen.
Schließlich wird es den gewaltigen alten elliptischen Galaxien ähneln, die wir
heute beobachten können."
"Wir haben nach dieser Galaxie viele Jahre gesucht und sind begeistert, dass
wir sie nun endlich gefunden haben", ergänzt Peiter van Dokkum von der Yale
University. "Die große Herausforderung ist nun, die physikalischen Prozesse
zu verstehen, die die Entstehung solcher Objekte ermöglichen. Das James Webb
Space Telescope, der Nachfolger von Hubble, wird uns helfen,
darauf eine Antwort zu finden."
Über ihre Beobachtungen berichten die Astronomen in der aktuellen Ausgabe der
Wissenschaftszeitschrift Nature.
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