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Letzter ESA-Raumfrachter zur ISS gestartet
Redaktion
/ Pressemitteilung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt astronews.com
30. Juli 2014
In der vergangenen Nacht ist zum letzten Mal ein europäischer Raumfrachter,
ein Automated Transfer Vehicle (ATV), zur Internationalen Raumstation
ISS gestartet. Mit an Bord des Georges Lemaître
getauften Transporters befinden sich 6,6 Tonnen an neuen Experimenten und
Versorgungsgütern - darunter auch Spezialitäten aus der schwäbischen Küche.

Start des ATV-5
an Bord einer Ariane-5-Rakete in der vergangenen
Nacht.
Foto: ESA [Großansicht] |
Bisher versorgten bereits vier europäische Transporter die Internationale
Raumstation ISS mit Fracht, jetzt startete am 30. Juli 2014 um 1.47 Uhr MESZ mit
Georges Lemaître das fünfte und letzte Automated Transfer Vehicle
(kurz ATV) der europäischen Weltraumagentur ESA vom Weltraumbahnhof Kourou in
Französisch-Guayana aus ins All. Mit an Bord sind insgesamt 6,6 Tonnen an
Versorgungsgütern und Experimente für die ISS und ihre Besatzung.
Voraussichtlich am 12. August 2014 wird der Transporter an der Raumstation
andocken.
Für Volker Schmid, DLR-Programm-Manager für das ATV, geht mit der Mission von
Georges Lemaître eine Ära zu Ende: "Alle bisherigen ATV-Missionen sind
gut gelaufen, die komplexen Transporter haben ihre Funktion erfüllt, die Station
im All zu versorgen."
Das erste europäische Raumfahrzeug Jules Verne flog 2008 zur ISS,
seitdem folgten 2011 Johannes Kepler, 2012 Edoardo Amaldi und
2013 Albert Einstein. Das Programm endet nun mit dem 20-Tonner ATV-5
Georges Lemaître. Statt eines ATV-6 werden die Europäer zukünftig als
Anteil an der Internationalen Raumstation ISS das Antriebs- und Ressourcenmodul
ESM (European Service Module) entwickeln, das die amerikanische
NASA-Raumfahrzeugs Orion mit vier Astronauten an Bord ins Weltall
befördern soll.
"Mit dem Ende des europäischen ATV-Programms werden die internationalen
Partner mit den amerikanischen Dragon- und Cygnus-Transportern,
der russischen Progress und dem japanischen HTV den europäischen Anteil
der ISS-Versorgung ausgleichen müssen", sagt Schmid. "Die Weiterentwicklung der
ATV-Technik für das Multi-Purpose-Crew-Vehicle (MPCV) Orion
wird es den Europäern aber ermöglichen, auch bei bemannten Missionen zum
Beispiel zum Mond eine wichtige Rolle zu übernehmen."
Doch zuvor transportiert das letzte europäische ATV eine Nutzlast von 6.555
Kilogramm zu den Bewohnern der überirdischen Forschungsstation. Das schwerste
Gesamtpaket ist dabei mit rund 400 Kilogramm der elektromagnetische Levitator,
in dem ohne Kontakt zu einem Gefäß verschiedene metallische Legierungen
geschmolzen und analysiert werden können. Ein materialphysikalisches Experiment,
auf das sich der deutsche Astronaut Alexander Gerst besonders freut: Er wird die
Anlage im europäischen Forschungslabor Columbus einbauen und den ersten
Testbetrieb durchführen.
Insgesamt 18 Proben, mit denen auch Wissenschaftler des DLR forschen und
arbeiten werden, reisen mit der Anlage zur Raumstation und sollen nach der
erfolgreichen Installation den Materialphysikern am Boden die ersten Daten aus
der Schwerelosigkeit liefern. Bei Versuchen auf der Erde, zum Beispiel mit dem
EML-Bodenmodell des DLR-Instituts für Materialphysik im Weltraum, stören die
Auswirkungen der Erdanziehungskraft.
Diese sind aber an Bord der ISS ausgeschaltet, so dass Materialeigenschaften
wie Dichte, Viskosität, elektrische Leitfähigkeit und thermische Ausdehnung dort
exakt vermessen werden können und als Datenbasis in Computermodelle einfließen.
Mit diesen werden dann unter anderem Gießprozesse in der Industrie optimiert.
Ein weiteres Experiment, das sich nun auf dem Weg zu seinem Bestimmungsort im
All befindet, ist das Instrument MFX (Magnetic Field Experiment) des DLR: "Damit
wollen wir die Wechselwirkung zwischen dem Magnetfeld der Erde und einem
elektrischen Leiter, der sich an Bord der ISS durch dieses Feld bewegt,
untersuchen - und simulieren so auch, wie das interplanetare Magnetfeld und die
Körper im Sonnensystem miteinander wechselwirken", erläutert Schmid.
Auch einige besondere Kleidungsstücke für das Sporttraining von Astronaut
Alexander Gerst sind an Bord: Das Experiment Spacetex erforscht neue Textilien,
die nach der Nutzung im All auf der Erde auf mikrobiellen Befall und
Geruchsentwicklung untersucht werden sollen. So wollen die Wissenschaftler das
Grundwissen über den Wärmeaustausch des Körpers unter extremen Umweltbedingungen
erweitern. Andere Experimente, die gut verstaut im ATV-5 unterwegs sind, sollen
Aufschluss über den Energiebedarf der Astronauten (ENERGY) geben oder mit einem
"Wireless Sensor Network" (WiSeNet) Umweltbedingungen messen und an eine
Basisstation senden.
Doch der europäische Raumfrachter ATV wird nicht nur für den Transport von
Experimenten eingesetzt. Auch fast 3.000 Kilogramm Treibstoff fliegen mit ins
All - zum einen um die russischen Treibstofftanks der ISS wieder aufzufüllen,
zum anderen für Bahnkorrekturen der ISS, die das ATV regelmäßig in den Monaten
ausführt, an denen es an der Raumstation angedockt ist. Dazu kommen 855
Kilogramm Trinkwasser - frisch aus einer Quelle in der Nähe des italienischen
Turin. Zu den Ersatzteilen im Laderaum des ATV-5 Georges Lemaître
gehört unter anderem eine Pumpe, die auf der ISS zur Aufbereitung von
Trinkwasser aus Urin eingesetzt wird.
"Jedes ATV bringt sehr unterschiedliche Fracht zur Raumstation - immer nach
dem aktuellen Bedarf", betont Schmid. Als erstes wird Alexander Gerst, der im
August 2014 auch für die Überwachung des automatischen Andockens des ATV
verantwortlich ist, den elektromagnetischen Levitator aus dem Frachtraum ins
Columbus-Forschungsmodul transportieren. Erst dann ist der Zugang zur weiteren
Fracht möglich.
Für Gerst und seine Kollegen dürfte darunter auch einiges sein, dass ihnen
eine willkommene Abwechslung auf ihrem Speiseplan ist: Mit Georges Lemaître
fliegt das so genannte "Bonus Food" - das Wunschessen der Astronauten - zur ISS.
Für den deutschen Astronauten sind in diesem Paket Konserven mit Kässpätzle,
Linsen, Saitenwürstchen und Grießflammeri verstaut. Auch die Kaffee-Vorräte der
ISS werden mit der Ankunft des ATV wieder aufgefüllt.
Schließlich gehört auch noch ein kleines, gerade einmal golfballgroßes
"Orbit-Herzchen" der Stiftung Kinderherz zum Gepäck. Die Stiftung fördert die
Behandlung von Herzfehlern bei Kindern und setzt dabei auch auf Technologien aus
der Raumfahrt wie beispielsweise auf winzige Schirmchen aus NiTinol-Legierungen,
ein Material, das erstmals für Satellitenbauteile verwendet wurde und nun Löcher
in Kinderherzen präzise verschließt.
Etwa sechs Monate wird der Raumtransporter an der Raumstation angedockt
bleiben. Ende 2014 wird er mit mehreren Tonnen Abfall gefüllt und auf seine
letzte Reise in Richtung Erdatmosphäre geschickt. Dabei wird das ATV-5 beim
kontrollierten Wiedereintritt über dem Südpazifik auseinanderbrechen und
verglühen - und zeitgleich noch wichtige Daten zur Erde senden, mit denen die
Ingenieure auch Erkenntnisse für das Ende der Internationalen Raumstation und
deren gezielten Rückkehr in die Erdatmosphäre sammeln.
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