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Präzisere Einblicke in die Materie
Redaktion
/ Pressemitteilung der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) astronews.com
7. Februar 2013
Wissenschaftler haben die sogenannte
Quantenlogik-Spektroskopie so erweitert, dass damit nun noch genauere Messungen
an Atomen und Molekülen möglich werden. Die Forscher können damit beispielsweise
auch Molekül- und Metall-Ionen präzise untersuchen, die im Weltraum
vorkommen und Astronomen häufig als Referenz dienen. Neue Daten erhoffen sie
sich auch zur Feinstrukturkonstante.

Schema des experimentellen Aufbaus der
Photonen-Rückstoß-Spektroskopie.
Bild: PTB [Großansicht] |
Die Quantenlogik-Spektroskopie, eng verbunden mit dem Namen des
Physik-Nobelpreisträgers von 2012, David J. Wineland, ist entscheidend erweitert
worden: Photonen-Rückstoß-Spektroskopie heißt die neue Methode. Welch Potenzial
darin steckt, hat die Forschergruppe um Piet Schmidt vom QUEST-Institut in der
Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) zusammen mit Kollegen an der
Leibniz Universität Hannover nun demonstriert. So können jetzt auch sehr
schnelle Energie-Übergänge in Atomen oder Molekülen präzise untersucht werden.
Die Ergebnisse wurden jetzt in der Fachzeitschrift Nature Communications
veröffentlicht.
Mit der neuen Methode werden spektroskopische Untersuchungen an beinahe
beliebigen Teilchen möglich. Diese müssen dazu nur wenige Photonen aus einem
Laserstrahl absorbieren. Damit sind nicht nur extrem genaue Frequenzmessungen
möglich, sondern die Chancen steigen auch, Diskrepanzen in Beobachtungen einer
möglichen Änderung der Feinstrukturkonstante zu finden. Darüber hinaus
erschließen sich viele weitere Anwendungen etwa in der Astronomie oder Chemie.
Schmidt ist ein Weggefährte von Wineland. Er hat eine Zeitlang in der Gruppe
des späteren Nobelpreisträgers am National Institute of Standards and
Technology (NIST), der amerikanischen Schwesterorganisation der PTB,
geforscht und war dort an der Entwicklung der Quantenlogik-Spektroskopie
beteiligt. Damals gab es aus einem Vergleich von astronomischen mit
Laborspektren erste Hinweise, dass sich die Feinstrukturkonstante geändert haben
könnte.
Die Aussagekraft der Messungen war jedoch eingeschränkt, da die Laborspektren
der Metallionen nicht genau genug bekannt waren. "Da es keine ausreichend genaue
Spektroskopiemethode für diese Ionen gab, kam mir die Idee der
Photonen-Rückstoß-Spektroskopie als Erweiterung der Quantenlogik-Spektroskopie.
Damit können diese Ionen präzise untersucht werden", so Schmidt.
"Wie bei der Quantenlogik-Spektroskopie fangen wir das zu untersuchende Ion
zusammen mit einem Hilfs-Ion in einer Falle ein" erläutert Yong Wan, Erstautor
der Studie. Das Experiment wurde in einem ausgeklügelten Versuchsaufbau an einem
Paar von zwei eng aneinandergekoppelten Ionen, einem Kalzium- und einem
Magnesium-Ion, durchgeführt. Die beiden stoßen sich aufgrund der elektrischen
Ladung gegenseitig ab, werden aber von einer Ionenfalle zusammengehalten und
bilden so gewissermaßen ein Zwillingspaar, das alles gemeinsam machen muss.
Das nutzen die Forscher aus, um Informationen über das zu untersuchende Ion
(Spektroskopie-Ion, in ihrem Experiment Kalzium) aus dem Verhalten des gut
kontrollierbaren zweiten Ions (Hilfs- oder Logik-Ion, in ihrem Fall das
Magnesium), zu gewinnen.
Wie das funktioniert, erklärt Wan anhand eines Bildes: "Stellen Sie sich ein
Kind auf einer stillstehenden Schaukel vor. Sie werfen dem Kind einen Ball zu,
und danach noch viele weitere Bälle - jeden genau dann, wenn die Schaukel
besonders schnell ist. Die Schaukel wird so zu sehr starken Schwingungen
angeregt. Genauso ist es mit den Laserlichtpulsen, die wir auf unsere Ionenpaare
richten: Haben sie die geeignete Frequenz, werden die Photonen absorbiert und
bringen über den Rückstoß das Spektroskopie-Ion zum Schwingen. Durch die starke
Kopplung an das Hilfs-Ion schwingt dieses ebenfalls."
Nun sitzen aber, um bei diesem Bild zu bleiben, zwei Kinder auf zwei
Schaukeln nebeneinander, die sich festhalten und nicht loslassen können. "Über
das Hilfs-Ion weisen wir die Schwingung des Spektroskopie-Ions sehr effizient
nach, da wir dieses im Gegensatz zum Spektroskopie-Ion sehr genau kontrollieren
und beobachten können", so Wan. Das bei bisherigen Verfahren kleine Signal vom
Spektroskopie-Ion wird über das Hilfs-Ion verstärkt. "Das macht unsere Methode
viel empfindlicher, als wenn wir die Photonen selber detektieren würden, wie das
bei spektroskopischen Methoden bisher immer der Fall war."
Um ein aussagekräftiges Signal zu erhalten, mussten bislang Tausende von
Photonen vom Ion gestreut werden. "Unsere Methode benötigt hierfür lediglich
zehn Photonen", erläutert Florian Gebert, Koautor der Untersuchung. Nachdem vor
einigen Monaten Forscher aus Innsbruck in einem ähnlichen Experiment gezeigt
hatten, dass sich damit sogar einzelne Photonen detektieren lassen, hat Schmidts
Gruppe jetzt demonstriert, dass die Quanten-Rückstoß-Spektroskopie tatsächlich
sehr genau ist.
Dabei war die Zusammenarbeit mit der Gruppe um Klemens Hammerer von der
Leibniz-Universität Hannover von zentraler Bedeutung. "Durch deren analytisches
Modell konnten systematische Verschiebungen des beobachteten Signals präzise
vorhergesagt werden", so Schmidt. Wan und Kollegen haben auf diese Weise die
Frequenz eines bestimmten Überganges in Kalzium auf 88 kHz genau gemessen.
Bisherige Messungen waren mehr als eine Größenordnung schlechter gewesen.
Das besondere an dem Experiment ist die Flexibilität: "Wir müssen einfach das
Spektroskopie-Ion wechseln und den Spektroskopie-Laser neu abstimmen, dann
können wir die nächste Ionen-Spezies untersuchen. Das Hilfs-Ion und die dafür
erforderlichen aufwendigen Laseraufbauten bleiben unverändert", erläutert
Schmidt. Er will nun möglichst genaue Absolutfrequenz-Messungen von vielen
verschiedenen Ionen durchzuführen.
Im Gegensatz zur ursprünglichen Quantenlogik-Spektroskopie können mit der
neuen Methode auch Ionen untersucht werden, die nur wenige Mikro- oder sogar
Nanosekunden in einem angeregten Energieniveau verbleiben. Das erweitert den
Einsatzbereich beträchtlich. Zusammen mit der hohen Nachweisempfindlichkeit
eröffnen sich neue Möglichkeiten in der Präzisionsspektroskopie von Molekül- und
Metall-Ionen, die im Weltraum vorkommen und für Astronomen häufig als Referenz
dienen.
Das ist eine gute Nachricht beispielsweise für diejenigen Forscher, die
uraltes Quasar-Licht mit "neuem" Licht vergleichen, um möglichen Veränderungen
der Feinstrukturkonstante auf die Spur zu kommen. Genau genommen untersuchen
diese Forscher nicht das Licht selber, sondern die charakteristischen Spektren
derjenigen Elemente, durch die das Licht gewandert ist. Diese und weitere
astronomische Untersuchungen will Schmidt mit seinen Messungen präziser machen.
"Die Methode ist so vielseitig, dass sich viele weitere Anwendungen in der
Astronomie oder Chemie erschließen lassen", hofft Schmidt.
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