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Kleinsatellit seit zehn Jahren im All
Redaktion
/ Pressemitteilung des Deutschen GeoForschungsZentrums astronews.com
15. Juli 2010
Am heutigen 15. Juli 2010 um 14.32 Uhr MESZ umrundet der Geoforschungssatellit
CHAMP zum 57.217. Mal die Erde und begeht damit sein zehnjähriges
Dienstjubiläum. Vor genau einer Dekade war der Satellit mit einem
Bilderbuchstart an der Spitze einer russischen COSMOS-Rakete vom Startplatz
Plesetsk in eine nahezu polare Umlaufbahn gebracht worden. Doch ein Ende der
Mission ist abzusehen.

Der Geoforschungssatellit CHAMP.
Bild: GFZ Potsdam / NASA Bildarchiv / T.
Althaus |
"CHAMP gilt heute unbestritten als eine der erfolgreichsten Missionen
zur Erkundung des Systems Erde", sagt Professor Reinhard Hüttl,
Vorstandsvorsitzender des Deutschen GeoForschungsZentrums GFZ zum
heutigen Jubiläum von CHAMP. "Unsere Wissenschaftler waren zwar vor zehn
Jahren vom wissenschaftlichen Wert dieser Mission überzeugt. Welch einen
Schatz an Daten und neuen Einsichten diese Mission aber erbrachte, das
hat uns alle überrascht. CHAMP hat auf seinen drei Missionsfeldern
bahnbrechend neue Kenntnisse ermöglicht."
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung initiierte 1995 eine
Satellitenmission als Leitprojekt für die ostdeutsche
Raumfahrtindustrie, um das im Osten Deutschlands existierende
Raumfahrt-Know-how zu fördern. Das vom GFZ vorgeschlagene Konzept CHAMP
(CHAllenging Mini satellite Payload) wurde ausgewählt, um
dieses Vorhaben umzusetzen. Als Resultat entstand ein 522 Kilogramm
schwerer Satellit mit einer Gesamtlänge von 8,33 Metern, der zur Messung
des Erdschwerefeldes, des irdischen Magnetfeldes und zur
Atmosphärensondierung eingesetzt wurde (astronews.com berichtete
wiederholt).
Wie alle erdnahen Satelliten fliegt auch CHAMP nicht auf einer exakten
Ellipsenbahn um die Erde, sondern auf einer unregelmäßigen Bahn:
aufgrund der ungleichmäßigen Massenverteilung auf und in der Erde wird
der Satellit mal stärker, mal schwächer angezogen. Aus der Messung der
Flugbahn kann man daher auf die zugrunde liegende, veränderliche
Erdanziehung schließen. Mit CHAMP wurde durch GPS erstmals die
kontinuierliche Bahnverfolgung eines Satelliten mit
Zentimetergenauigkeit und im Sekundentakt möglich.
Durch den solaren Strahlungsdruck und durch die Restatmosphäre in der
CHAMP-Flughöhe Kilometern ergeben sich zwar Störbeschleunigungen; diese
können bei CHAMP aber erstmals mit einem 3D-Beschleunigungsmesser, der
sich exakt im Schwerpunkt des Satelliten befindet, direkt und sehr genau
gemessen werden. Die Lage des Satelliten im Raum wird zudem mittels
Sternensensoren kontrolliert. Mit dieser einzigartigen und innovativen
Instrumentenkonfiguration gelang es mit CHAMP zum ersten Mal, das
Erdschwerefeld allein aus den Bahnstörungen eines einzigen Satelliten
abzuleiten. Als Ergebnis konnte die räumliche Auflösung von 1500 km auf
300 km gesteigert werden.
Die Erfassung der Beulen und Dellen im Erdkörper wurden mit dem
CHAMP-Satelliten radikal besser erfasst, das daraus entstandene Bild der
irdischen Schwerkraft ist mittlerweile weltweit als "Potsdamer
Schwerekartoffel" bekannt. Die Anwendung dieser Daten ist äußerst
vielfältig und reicht von der Geophysik über die Ozeanographie bis hin
zur präzisen Satellitennavigation auf der Erde. Mit CHAMP konnten
darüber hinaus erstmals zeitliche und großräumige Veränderungen des
Schwerefeldes nachgewiesen werden. Damit wurde der Satellit Stammvater
der deutsch/amerikanischen Mission GRACE (Gravity Recovery And
Climate Experiment), die aus zwei baugleichen Zwillingssatelliten
mit CHAMP-ähnlicher Instrumentierung sowie einem Mikrowellenmesssystem
zur hochgenauen Intersatelliten-Abstandsmessung besteht.
CHAMP hat auch bei der Erfassung des Erdmagnetfeldes neue Einsichten
ermöglicht. Die Veränderung des Erdmagnetfeldes über die vergangenen
zehn Jahre zeigt als wichtiges Ergebnis die gegenwärtige Abnahme der
magnetischen Feldstärke, die besonders im Bereich des südlichen
Atlantiks ausgeprägt ist. In dieser Schwächezone des Erdfeldes wird eine
Abnahme von zwölf Prozent über die vergangenen 30 Jahre registriert.
Bereits jetzt beobachtet man eine Häufung von Störungen im
Satellitenbetrieb durch Strahlungseinflüsse in diesem Gebiet.
Sehr große Fortschritte ermöglichte die CHAMP-Mission bei der Vermessung
der Magnetisierung des Krustengesteins. Globale Karten der magnetischen
Signale mit vorher unerreichter Auflösung konnten erstellt werden, auf
denen Lager von wichtigen Mineralien und Erzen sichtbar werden.
Besonders herausragend ist das russische Eisenerzlager in Kursk, aber
auch die diamanthaltigen Schichten in Westafrika sind zu erkennen.
Darüber hinaus lassen sich aus der Karte die Geschwindigkeiten ablesen,
mit denen sich die Ozeane in den verschiedenen Regionen ausdehnen, und
es zeigen sich die Zonen, in denen die Kruste in den Mantel abtaucht.
Eine ganz neue Anwendung ist die Detektierung von Irregularitäten in der
Ionosphäre. Diese stören empfindlich den Empfang von GPS-Signalen.
Basierend auf den CHAMP-Magnetfelddaten über zehn Jahre konnte eine Art
Klimatologie der Irregularitäten erstellt werden. Es ergibt sich ein
deutliches Muster der Verteilung dieser Irregularität, das stark von der
Jahreszeit, von der Tageszeit und von Länge und Breite des Standortes
abhängt. Diese Ergebnisse sind wegen der zunehmenden Bedeutung von
GPS-Anwendungen hochinteressant.
Ein sehr überraschendes Ergebnis der CHAMP-Mission ist die Detektierung
von magnetischen Signalen, die durch die Gezeiten der Ozeane erzeugt
werden. Bewegt man eine leitende Flüssigkeit senkrecht zum Magnetfeld,
entsteht ein elektrisches Feld, das wiederum ein sehr schwaches
Magnetfeld erzeugt. In der Flughöhe von CHAMP lag der Wert bei nur
1/50.000 des irdischen Hauptfeldes. Auch bei der Magnetfeldmessung setzt
CHAMP Maßstäbe: die für 2012 geplante ESA-Mission SWARM besteht aus drei
von CHAMP abgeleiteten Satelliten.
CHAMP ist die erste Satellitenmission, bei der die innovative GPS-Radiookkultationsmethode
zur globalen Sondierung der Erdatmosphäre und –ionosphäre operationell
eingesetzt wird. Wenn, von CHAMP aus gesehen, einer der GPS-Satelliten
hinter der Erde untergeht, werden die Signale des hinter der Erde
verschwindenden Satelliten beim Gang durch die Erdatmosphäre verändert.
Daraus lassen sich Vertikalprofile der Atmosphäre von Temperatur,
Wasserdampfgehalt oder auch Elektronendichte in der Ionosphäre ableiten.
CHAMP ermöglicht aufgrund seiner polaren Umlaufbahn die globale
Erfassung dieser Größen, die in die Wettervorhersage und Klimaforschung
eingehen. Es zeigte sich, dass schon die rund 160 täglichen
CHAMP-Messungen globale Vorhersagen nachweislich verbessern. 2006 wurden
die am GFZ erzeugten CHAMP-Messungen erstmals am britischen Met
Office operationell und kontinuierlich für globale
Wettervorhersagen genutzt. Andere Wetterzentren in Europa, Japan, Kanada
folgten dem Met Office sehr bald.
Die von CHAMP erstellte Zeitreihe von GPS-Radiookkultationsmessungen der
bisher einzige und längste GPS-RO Datensatz überhaupt. Erste
klimatologische Untersuchungen mit den sehr genauen CHAMP-Daten
bestätigen Ergebnisse, die mit anderen atmosphärischen Daten oder
Klimamodellen gewonnen wurden. So zeigen Trendanalysen der Temperatur im
Höhenbereich von 5 bis 25 km eindeutig eine leichte Erwärmung in der
Troposphäre, während in weiten Teilen der Stratosphäre eine Abkühlung
beobachtet wurde.
Als unerwartetes, aber hochwillkomenes Ergebnis zeigte sich, dass CHAMP
auch von Meeres- und Eisoberflächen reflektierte GPS-Signale aufzeichnen
konnte. Diese Signale enthalten Informationen über die reflektierenden
Wasser- und Eisoberflächen und besitzen ein hohes Potential zu deren
Fernerkundung. In Zukunft wird erwartet, dass mit GPS-Reflektometrie
beispielsweise auch Wellenhöhen über Meeresoberflächen bestimmt werden,
die mit Windgeschwindigkeit und Windrichtung in Zusammenhang gebracht
werden können.
Die kontinuierliche Überwachung ermöglicht auch die Erfassung des
sogenannten Weltraumwetters. Die Prozesse in der Ionosphäre als
Bestandteil des Weltraumwetters spielen eine wichtige Rolle in der
Telekommunikation, Satellitennavigation und den Funk-Radarsystemen.
Ionosphärenstürme können die Zuverlässigkeit dieser Systeme erheblich
reduzieren. Die mit CHAMP umgesetzte systematische Überwachung des
Weltraumwetters trägt dazu bei, potentielle Gefahren früh zu erkennen
und entsprechende Vorhersagen oder Warnungen herauszugeben.
CHAMP wurde vor zehn Jahren in rund 460 Kilometern Höhe ausgesetzt.
Seitdem ist er kontinuierlich abgesunken. Seine lange Lebensdauer
verdankt er auch der Tatsache, dass das zur Lagesteuerung dienende
Kaltgas benutzt wurde, um CHAMP dreimal anzuheben. Jetzt allerdings ist
CHAMP bei 265 Kilometern Höhe angekommen und die dort vorhandene, zur
Erde hin immer dichter werdende dünne Atmosphäre bremst ihn immer
stärker ab. Diese dichtere Atmosphäre führte dazu, dass sich der
Satellit aufgrund seiner aerodynamischen Form mehrmals leicht aufbäumte.
Daher drehten ihn Controller im Raumfahrtkontrollzentrum für die letzten
Monate um, CHAMP fliegt jetzt sozusagen rückwärts. Aber auch dieses
Manöver wird nicht auf lange Zeit helfen: vermutlich im September des
Jahres wird der CHAMP-Satellit nach erfüllter und äußerst erfolgreicher
Mission verglühen.
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