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Erster
privater Flug ins All
von Rainer Kayser
21. Juni 2004
Vielleicht erinnern sich spätere Generationen an den 21. Juni 2004 als den
wahren Beginn des Raumfahrtzeitalters. Denn am heutigen Montag soll erstmalig
ein rein privat finanziertes, bemanntes Raumschiff ins All vorstoßen. Der
ballistische Flug des von dem renommierten Luftfahrtingenieur Burt Rutan
entwickelten und von Microsoft-Mitbegründer Paul Allan finanzierten
SpaceShipOne beschert dem 62-jährigen Piloten Mike Melvill vier Minuten der
Schwerelosigkeit und einen Blick aus über 100 Kilometern Höhe auf die
Kugelgestalt der Erde.

Das Raumschiff SpaceShipOne. Foto: Scaled Composites |
Für sich genommen nur ein kleiner Schritt ins All – den zudem schon vor über
vierzig Jahren amerikanische und russische Astronauten hinter sich gebracht
haben. Doch für Rutan der Beginn einer neuen Blütezeit der Raumfahrt,
"vergleichbar mit der wundervollen Zeit zwischen 1908 und 1912, als die Zahl der
Piloten weltweit von 10 auf über 1000 anstieg." Der Beweis, dass Raumfahrt nicht
nur für staatliche Organisationen, sondern für jedermann möglich ist.
Die staatlichen Raumfahrtbehörden haben es in den vergangenen Jahrzehnten
nicht geschafft, das Weltall für den normalen Bürger zu öffnen – ein Versäumnis,
das nun Privatunternehmer nachholen wollen. Neben Rutans SpaceShipOne
gibt es weltweit über zwei Dutzend weitere Projekte, die darum wetteifern, als
erstes mit einer privat entwickelten, wieder verwendbaren Rakete Menschen auf
einer ballistischen Bahn ins All zu schießen – zweimal innerhalb von zwei Wochen
mit ein und demselben Raumschiff. Denn das sind die Bedingungen des mit zehn
Millionen Dollar dotierten "Ansari-X-Preises", der sich an jene Trophäen
anlehnt, die Anfang des 20. Jahrhunderts die Luftfahrt auf Touren brachten.
Wenn heute der Flug ins All gelingt, will Rutan noch in diesen Sommer
versuchen, mit seinem SpaceShipOne den Preis einzuheimsen. Und seine
Chancen stehen gut, denn bislang ist das Unternehmen Scaled Composites
des Luftfahrtingenieurs der einzige Wettbewerbsteilnehmer, der ein
funktionstüchtiges Raumschiff präsentiert hat. SpaceShipOne hat bereits
eine Reihe von Testflügen hinter sich – und dabei als erstes privat finanziertes
Luftfahrzeug die Schallmauer durchbrochen und mit einer Flughöhe von 64
Kilometern auch einen Höhenrekord für Privatflieger aufgestellt
Vollständige Wiederverwendbarkeit und einfache, zuverlässige Technik, das ist
Rutans Konzept zur Verbilligung der Raumfahrt. Das SpaceShipOne wird
zunächst von einem – ebenfalls von Rutan entwickelten - zweistrahligen Turbojet
namens "White Knight" huckepack auf 15 Kilometer Höhe transportiert. Nach dem
Ausklinken zündet der Pilot den Raketenmotor. Die Brenndauer beträgt 80 Sekunden
– SpaceShipOne rast nun mit 3,5-facher Schallgeschwindigkeit senkrecht
nach oben. Nach Brennschluss steigt das Schiff weiter auf, bis es seine Zielhöhe
von 100 Kilometern erreicht. Hochgeklappte Flügel bremsen anschließend den
Rücksturz ab, bis das Raketenflugzeug wieder manövrierfähig wird – und wie ein
gewöhnliches Flugzeug auf einem Flugplatz in der Mojave-Wüste landet.
Bei einer Umfrage unter 450 reichen Amerikanern erklärten 19 Prozent der
Befragten, sie wären bei einem Preis von 100.000 Dollar an einem suborbitalen
Flug an die Grenzen des Alls interessiert. Dem amerikanischen
Touristik-Unternehmen Space Adventures, das unter anderem Parabelflüge
mit russischem MiGs anbietet und die 20-Millionen-Dollar-Trips von Dennis Tito
und Mark Shuttleworth zur Internationalen Raumstation ISS organisierte, liegen
bereits über 100 Reservierungen für ballistische Raumflüge vor.
Manche Experten glauben sogar, private Initiative und Abenteuerlust sei der
einzige Weg der Menschheit, das Weltall zu erobern. "Für wissenschaftliche und
industrielle Zwecke gibt es immer weniger Gründe, Menschen ins All zu schießen",
meint der britische Astrophysiker Sir Martin Rees – Roboter seien für diese
Aufgaben weit besser geeignet. Zudem führe das überbordende Sicherheitsdenken in
der staatlichen bemannten Raumfahrt zu einer Kostenexplosion: "Für die
amerikanischen Steuerzahler ist selbst ein Risiko von zwei Prozent für die
Shuttle-Flüge untragbar. Unter dem Druck der Öffentlichkeit muss die Raumfahrt
sehr sicher und damit sehr teuer gemacht werden." Mit der Bereitschaft, höhere
Risiken einzugehen, ließe sich nach Rees Ansicht die bemannte Raumfahrt
erheblich verbilligen. "Und wenn die Raumfahrt deutlich billiger wird, dann
werden private Flüge ins All möglich – und es werden sich Abenteurer und
Entdecker finden, die bereit sind, Risiken auf sich zu nehmen", so Rees.
So wie einst junge, wohlhabende britische Adlige auf der Suche nach
Abenteuern, Ruhm und unbekannten Schätzen in die Welt hinaus zogen, könnten also
in nicht allzu ferner Zukunft abenteuerlustige Millionäre durchs Sonnensystem
streifen. Und sich dabei daran erinnern, dass am 21. Juni 2004 Burt Rutan mit
seinem SpaceShipOne das Zeitalter der Weltraumabenteuer eröffnet hat.
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