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Der Jupiter
als Teilchenbeschleuniger
Redaktion
astronews.com
1. März 2002
Als Ende 2000 die Saturnsonde Cassini am Jupiter vorüberflog
waren die Messgeräte des Raumschiffs aktiviert, um so etwas über die
Umgebung des Gasriesen zu erfahren. Ein Glücksfall: Ein Forscherteam
entdeckte dadurch einen Nebel aus neutralem Gas um den Riesenplaneten,
dessen Partikel Geschwindigkeiten von bis zu 4000 Kilometer pro Sekunde
erreichen. Und sie spürten "Killer-Elektronen" auf, die sogar Satelliten
im Erdorbit gefährlich werden könnten.

Intensität der ENA-Emission am 30. Dezember 2000. Zusätzlich ist
in dieser Abbildung das Magnetfeld von Jupiter und der Io-Torus
zu sehen. Dieser Torus ist ein schlauchförmiger Ring aus
Neutralgas und Plasma, der sich entlang der Bahn des Mondes Io
um den Jupiter erstreckt. Dieser Torus wird von zahlreichen
Vulkaneruptionen auf Io gespeist, der dabei jede Sekunde etwa
eine Tonne an Substanz in Form von Schwefeldioxid, atomarem
Sauerstoff und Schwefel verliert. Bild:
Max-Planck-Institut für Aeronomie / MPG |
Das Magnetfeld ist ein sehr wichtiges "Schutzschild" für das Leben auf der
Erde. Um zu verstehen, wie es funktioniert, sich verändert oder gar verschwinden
kann, muss das Magnetfeld anderer Planeten - zum Beispiel von Jupiter und Saturn
- mit Raumsonden erforscht und mit den Ergebnissen von der Erde verglichen
werden. Bereits in der Vergangenheit hatten Messungen der Sonden Pioneer,
Voyager und Ulysses in der Umgebung von Jupiter gezeigt, dass von
ihm eine große Anzahl von Ionen und Elektronen ausgehen und sich noch in einem
Abstand von mehr als zehn Millionen Kilometer nachweisen lassen.
Mit ihren neu entwickelten Sensoren an Bord der Raumsonde Cassini
konnten jetzt amerikanische und europäische Wissenschaftler, darunter eine
Gruppe um Norbert Krupp vom Max-Planck-Institut für Aeronomie in
Katlenburg-Lindau, zeigen, dass vom Jupiter energiereiche Neutralteilchen, so
genannte Energetic Neutral Atoms (ENAs) ins All emittiert werden. Diese
Daten erlauben es, die Magnetosphäre des Riesenplaneten besser zu modellieren.
Zugleich bestätigen die Messergebnisse die Existenz von "Killer-Elektronen", die
vom Jupiter quasi mit Lichtgeschwindigkeit kommend tief in die Erdatmosphäre
eindringen und die Elektronik von Satelliten zerstören können.
Die Raumsonde Cassini wurde im Oktober 1997 von Cape Canaveral gestartet.
Ihr Ziel ist der Ringplanet Saturn. Unter Ausnutzung der Gravitation von Venus
und Erde näherte sich der Kundschafter im Dezember 2000 dem Jupiter bis auf
knapp zehn Millionen Kilometer. Dieser Vorbeiflug wurde für umfassende Messungen
in der Umgebung des Gasriesen genutzt - dazu waren zwischen Oktober 2000 und
April 2001 alle Instrumente eingeschaltet.
Unter den Detektoren ist auch das Magnetospheric Imaging Instrument
(MIMI), das von dem Johns Hopkins University Applied Physics Laboratory,
der University of Maryland und dem Max-Planck-Institut für Aeronomie
entwickelt wurde. Es besteht aus drei Sensoren: der Ion Neutral Camera (INCA),
dem Charge-Energy-Mass Spectrometer (CHEMS) und dem Low Energy
Magnetospheric Measurement System (LEMMS). Diese Instrumente sollen sowohl
neutrale als auch geladene Teilchen einschließlich ihrer Ladungszustände und
Energien aus unterschiedlichen Richtungen im Raum messen.
Bereits in den Daten der Raumsonde Voyager 1 fanden die Forscher erste
indirekte Hinweise auf neutrale Teilchen, die ihren Ursprung im Jupitersystem
haben - die so genannten Energetic Neutral Atoms (ENAs). Anders als
geladene Partikel bewegen sich die neutralen Teilchen unabhängig von
magnetischen oder elektrischen Feldern. Sie lassen sich mit Cassinis
Ion Neutral Camera in der Quellregion nachweisen. INCA registrierte bereits
im Oktober 2000 - noch in einem Abstand von mehr als 75 Millionen Kilometer -
die ersten ENAs vom Jupiter. Je mehr sich die Raumsonde dem Planeten näherte,
desto stärker wurde die Intensität dieser Teilchen.
Die von den Sensoren an Bord von Cassini erfassten Emissionen stammen
von Neutralteilchen mit Geschwindigkeiten zwischen 3000 und 4000 Kilometern pro
Sekunde. Deutlich war zu erkennen, dass die stärksten Emissionen aus der Region
um den Äquator und aus der inneren Jupiter-Magnetosphäre in der Umgebung des so
genannten Io-Torus kommen. Neutralteilchen können das Jupitersystem ungehindert
verlassen und verlieren irgendwann im interplanetaren Raum durch Photoionisation
ein Elektron. Die dann einfach geladenen Ionen spüren das elektrische Feld im
Sonnenwind und durchlaufen bei dem so genannten Pickup-Prozess ihre Bahn mit
einer Energie, die maximal der doppelten Sonnenwindgeschwindigkeit entspricht.
Der LEMMS-Sensor wiederum, der im Wesentlichen am Max-Planck-Institut für
Aeronomie entwickelt wurde, hat die energiereichen Ionen und Elektronen aus dem
Jupitersystem direkt gemessen. Völlig überraschend entdeckten die Forscher noch
in einem Abstand von 35 Millionen Kilometer Entfernung vom Jupiter extrem
schnelle Elektronen in einer Dichte, die jener innerhalb der Magnetosphäre
entspricht. Norbert Krupp, der für diese Messungen verantwortliche
Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Aeronomie, meint deshalb: "Noch ist
es nicht eindeutig geklärt, aber es gibt einige Anzeichen, dass sich die
Magnetosphäre auf der Abendseite des Riesenplaneten wahrscheinlich viel weiter
ausdehnt, als man bislang angenommen hat."
Die nächste und letzte Station von Cassini ist Saturn, der im Jahr 2004
erreicht wird. "Die Messungen beim Jupiter waren eigentlich ein Test, Mittel zum
Zweck. Wir sind sehr froh, dass dieser Test so erfolgreich verlaufen ist und
sofort neue Ergebnisse über die Magnetosphäre des Jupiter geliefert hat. Dank
dieser Ergebnisse können wir nun die Empfindlichkeit unserer Instrumente genauer
einstellen und für die Messungen im Umfeld von Saturn vorbereiten," sagt Krupp.
"Unsere Messdaten werden helfen, das Gesamtbild über die Entstehung der Planeten
und insbesondere ihre Magnetosphäre zu vervollständigen."
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