Mit dem ersten von vier Riesenteleskopen des "Very Large Telescope"
der ESO betrachtete eine Gruppe Astronomen einen Kugelsternhaufen im Halo unserer
Milchstraße und fand deutliche Hinweise darauf, daß dem Haufen eine große Zahl von
Sternen verlorengegangen ist.

Die fünf Bereiche des Kugelsternhaufens NGC 6712, die das ESO-Team mit dem VLT
untersuchte. Jedes Feld ist etwa 10 Lichtjahre breit. Fotos: ESO
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Kugelsternhaufen sind die ältesten und hellsten Objekte im
Halo unserer Milchstraße
und gelten daher als ideale Studienobjekte, wenn man sich für die Entstehung unserer
Galaxis interessiert. Für die Entstehung solcher Kugelsternhaufen gibt es die
unterschiedlichsten Szenarien: Die spektakulärste Theorie ist sicherlich, daß unsere
Milchstraße im Laufe ihrer Existenz kleine Zwerg-Galaxien eingefangen und regelrecht
verschlungen hat. Manche Kugelsternhaufen könnten daher auch Reste der dichten Kerne
dieser Zwerg-Galaxien sein.
Das detaillierte Studium von Kugelsternhaufen läßt daher auch Rückschlüsse auf die
Geschichte der Milchstraße zu. Etwa 150 dieser Ansammlungen von 500.000 bis einer
Millionen Sternen sind in unserer Galaxis bekannt. Beim Testen des neuen VLT der ESO
(Europäische Südsternwarte) beobachtete nun eine Gruppe von Wissenschaftlern den
Kugelsternhaufen NGC 6712, der etwa 23.000 Lichtjahre von uns entfernt ist und rund eine
Millionen Sterne enthält.
Bei ihren Untersuchungen fanden die Astronomen verhältnismäßig wenig massearme
Sterne, was ungewöhnlich für Kugelsternhaufen ist. "In normalen Kugelsternhaufen
kommen Sterne, die etwa nur ein Drittel der Sonnenmasse haben, rund viermal häufiger vor
als sonnenähnliche Sterne", sagte Guido De Marchi, einer der Astronomen, der die
Beobachtungen machte. In NGC 6712 sahen die Wissenschaftler nun den genau
entgegengesetzten Effekt: Wo eigentlich viermal mehr Sterne erwartet wurden, fanden sich
nur etwa die Hälfte der sonnenähnlichen Sterne.

Der Weg von NGC 6712 um das galaktische Zentrum und durch die Scheibe unserer Galaxis. Bei
jedem Scheibendurchgang verliert der Kugelsternhaufen Sterne. Darstellung:
ESO |
Die ESO-Astronomen haben auch eine Erklärung für dieses Phänomen parat: Auf seiner
Bahn um das Zentrum der Milchstraße durchläuft der Kugelsternhaufen auch die galaktische
Scheibe, jenen Bereich unserer Galaxis, in dem die meisten Sterne zu finden sind. Beim
Durchlaufen dieser Scheibe könnte ein beträchtlicher Teil der massearmen Sterne aus dem
Haufen losgelöst worden sein - ein Effekt, der schon lange vorhergesagt wurde, für den
aber bisher die direkten Beweise fehlten. "NGC 6712 ist das erste wirklich
Beispiel für diesen Effekt", sagte ESO-Astronom Francesco Paresce.
Diese ersten Ergebnisse mit dem VLT lassen auf weitere spektakuläre Befunde hoffen,
wenn der reguläre Beobachtungsbetrieb am ESO-Teleskop beginnt. Noch müssen sich die
Astronomen einige Tage gedulden: Die ersten Gastwissenschaftler werden für den 1. April
erwartet.
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