Anzeige
Seite 1 von 4 123 ... LetzteLetzte
Ergebnis 1 bis 10 von 32

Thema: Was ist eine physikalische Theorie - und was nicht?

  1. #1
    Registriert seit
    05.07.2011
    Beiträge
    1.365

    Standard Was ist eine physikalische Theorie - und was nicht?

    Anzeige
    Hallo zusammen,

    mir sind hier immer wieder Diskussionen über "neue" bzw. "eigene" "Theorien" aufgefallen, die ein paar allgemeinen Ansprüchen nicht gerecht werden. Dabei handelt es sich nicht um "Wahrheit" oder dass sie "unorthodox" wären, sondern dass es im eigtl. Sinne gar keine Theorien gemäß der allgemeinen Verständnisses sind. Daher ein paar Gedanken dazu

    Eine physikalische Theorie zeichnet sich generell dadurch aus, dass sie quantitative (d.h. mathematisch berechenbare) und experimentell überprüfbare (verifizierbare bzw. falsifizierbare) Vorhersagen macht. Eine neue Theorie zeichnet sich dadurch aus, dass sie bekannte Phänomene mindestens gleich gut oder besser oder zumindest sparsamer (Ockham's razor) erklärt, und dass sie darüber hinaus neue (unbekannte, unerwartete) Phänomene (wiederum quantitativ und experimentell überprüfbar) vorhersagt. Im englischen verwendet man gerne neben prediction das Kunstwort post-diction, wobei letzteres alleine für eine neue Theorie nicht ausreichend ist.

    Leider sind moderne physikalische Theorien alles andere als anschaulich. Spätestens seit der Quantenmechanik entziehen sich ihre Begriffskategorien fast vollständig der Anschauung (Hilbertraum, Operatoralgebra, Pfadintegrale, ...). Selbst bei scheinbar anschaulicheren mathematischen Objekten aus der ART (Mannigfaltigkeiten, Diffeomorphismen, ...) führt gerade diese Anschauung leicht in die Irre. Daher entsteht das Bedürfnis, Theorien (im obigen Sinne) zu interpretieren und sozusagen näher an die Anschauung heranzurücken. Dies gelingt in vielen bekannten populärwissenschaftlichen Büchern und Fernsehsendungen mal besser, mal schlecher.

    Generell fällt mir auf, dass sehr häufig Theorie und Interpretation verwechselt werden!

    Man erkennt dies explizit dann, wenn "warum" Fragen sich auf eine Interpretation beziehen, nicht auf die Theorie selbst: "warum krümmt eine Masse die Raumzeit? gemeint ist dabei häufig die Gummituch-Geometrie. Antwort meinerseits: "keine Ahnung!" Derartige Fragen sind unphysikalisch und ergeben keinen Sinn. Schuld daran ist zumeist nicht der Fragesteller, sondern derjenige der es versäumt hat, ihm den Unterschied zwischen der Formulierung einer physikalischen Theorie und ihrer (ihren) Interpretation(en) nahezubringen. Noch deutlicher wird dies, wenn "neue" Theorien präsentiert werden, die den obigen Anforderungen nicht genügen, und die eben nicht als Theorie formuliert sind sondern nur als alltagstaugliche Interpretation. Aber eine Interpretation einer Theorie ohne die Theorie selbst ist so wie die Interpretation eines Bildes ohne das Bild - sie hängt in der Luft, hat kein Fundament, keinen festen Grund. Insbs. versucht sie qualitative "warum-Fragen" zu beantworten, ohne zuvor die quantitativen Fragestellungen befriedigend zu lösen. Wie kann ich denn eine "neue Theorie" konstruieren, die erklärt, wie und warum das Universum so beschaffen ist, ohne quantitative und vorhersagbare Aussagen ableiten zu können? Warum solle eine "neue Theorie" besser sein, wenn sie eine geringere Vorhersagekraft hat als eine etablierte?

    Ich will nun hier nicht dogmatisch irgendwelche Diskussionen unterbinden, sondern eher dazu anregen, genau diese o.g. formalen Aspekte naturwissenschaftlicher Theorien auch mal zu diskutieren. Das ist nun nicht Physik, sondern eher Metaphysik oder Wissenschaftstheorie, aber möglicherweise trotzdem von Interesse.
    Gruß
    Tom

    «Niels Bohr brainwashed a whole generation of theorists into thinking that the job (interpreting quantum theory) was done 50 years ago.»

  2. #2
    Registriert seit
    12.11.2005
    Beiträge
    5.337

    Standard

    Zitat Zitat von TomS Beitrag anzeigen
    Generell fällt mir auf, dass sehr häufig Theorie und Interpretation verwechselt werden!
    Hallo Tom,

    ich denke, dass in den von Dir angesprochenen Fällen die zugrundeliegende mathematische Theorie normalerweise nicht oder nur schlecht bekannt ist.
    Gruß

  3. #3
    Registriert seit
    05.07.2011
    Beiträge
    1.365

    Standard

    Da stimme ich dir zu, aber das ist auch nicht schlimm. Ich muss ja nicht die Theorie im Detail kennen, um sie von ihrer Interpretation unterscheiden zu können. Es reicht aus, wenn ich weiß, dass es da einen gravierenden Unterschied gibt. Wenn ich einen Kinofilm anschaue, dann weiß ich, dass es ein Bild der Wirklichkeit ist, nicht die Wirklichkeit selbst. Und es gibt möglicherweise Probleme bei der Interpretation des Films, die genau daraus resultieren. Im Falle eines Kinofilms muss ich z.B. wissen, dass insbs. die Zeit zumeist nicht die Realzeit ist, sondern dass sozusagen Zeitraffung, besser eigtl. Zeitsprünge stattfinden. Das weiß man und das beachtet man. Bei einer physikalischen Theorie ist es sogar noch schlimmer, denn es findet ja eine mehrfache Abstraktion statt:

    Realität -> Messungen -> Theorie=Modell -> Interpretation


    Was ich befremdlich finde ist, wenn über letzteres geredet wird, man aber guten Gewissens annimmt, über ersteres zu sprechen. Sehr häufig diskutiert man Interpretationsproblemne, keine Sachprobleme.
    Gruß
    Tom

    «Niels Bohr brainwashed a whole generation of theorists into thinking that the job (interpreting quantum theory) was done 50 years ago.»

  4. #4
    Registriert seit
    06.07.2006
    Ort
    Mintraching
    Beiträge
    2.599

    Standard

    Zitat Zitat von TomS
    Dabei handelt es sich nicht um "Wahrheit" oder dass sie "unorthodox" wären, sondern dass es im eigtl. Sinne gar keine Theorien gemäß der allgemeinen Verständnisses sind.
    Da wär' ich vorsichtig mit allgemeinem Verständnis. Ich denke, dass im allgemeinen, nichtwissenschaftlichen Sprachgebrauch das Wort "Theorie" eher synonym steht für "Hypothese". Wenn man das so liest, wird es verständlicher: Jemand stellt die Hypothese auf "könnte es nicht soundso sein" und versucht, Vorhersagen abzuleiten. Der Anforderung
    Eine neue Theorie zeichnet sich dadurch aus, dass sie bekannte Phänomene mindestens gleich gut oder besser oder zumindest sparsamer (Ockham's razor) erklärt
    wird dadurch Rechnung getragen, dass man alle möglichen bekannten Phänomene aus dieser Hypothese abzuleiten versucht.
    Der Punkt mit "Interpretation" statt "Theorie" kommt da mehr zufällig hinein: die Leute, die Hypothese mit Theorie verwechseln, sind auch ausreichend "wissenschaftsfern", um populärwissenschaftliche Erläuterungen (das mögen auch Analogien sein, nicht nur Interpretationen) für die Theorie selbst zu halten. Aus demselben Grund ist den Leuten auch die Faktenlage nicht wirklich bekannt, geschweige denn das Prinzip, die eigene Hypothese auf Teufel komm raus selbst widerlegen zu wollen, statt nach anekdotischen Bestätigungen zu suchen. Wobei die fehlende Faktenbindung es erlaubt, mit der Einordnung von Überlegungsresultaten als "Bestätigung der Hypothese" recht liberal umzugehen.
    So kommt es, dass sie mit einer Theorie (lies: Hypothese) in einem Forum aufschlagen, die sie für recht gut passend und vielversprechend halten. Dann wird nicht selten das Fachpublikum gefragt, aus dieser vielversprechenden Hypothese eine Theorie zu machen - im aktuellen Fall liest sich das so: "ich bin dabei, sie mit Physik Formeln zu formulieren und brauche jemanden dazu, der mir übersetzt, was ich meine".

    Der vorliegende Fall ist von der liebenswerteren Art und mag auch aufrichtig gemeint sein. Häufiger ist leider die Variante, in der der Hypothesenerfinder ein Crank ist. Dann ist die anekdotische Bestätigung der Hypothese gedanklich bereits zum unanfechtbaren Beweis mutiert, das anwesende - intellektuell hochgradig unterlegene, natürlich, weil es so schöne "Theorien" weder erfinden kann noch zu würdigen weiß - Fachpublikum wird bestenfalls noch ruppig aufgefordert, den kühnen Entwurf so zu Papier zu bringen, dass der Rest des Wissenschaftlerpacks ihn auch versteht und darauf dem Meister huldigen kann (sprich: eine Theorie daraus zu machen). Eine Konfrontation solcher Allüren mit der Realität endet eher vorhersagbar, weswegen hier auch der GdM-Bereich eingeführt wurde.

  5. #5
    Registriert seit
    05.07.2011
    Beiträge
    1.365

    Standard

    Auf den Crank wollte ich natürlich nicht hinaus, da ist jede Diskussion Zeitverschwendung.

    Aber der Hinweis auf den Unterschied einer wissenschaftlichen Theorie und einer Hypothese finde ich sehr gut. Im normalen Sprachgebrauch ist man da sicher verwirrt, du hast recht. Du meinst also, dass die Leute, die hier eine Theorie vorlegen, eigtl. eine Hypothese vorlegen, OK.
    Gruß
    Tom

    «Niels Bohr brainwashed a whole generation of theorists into thinking that the job (interpreting quantum theory) was done 50 years ago.»

  6. #6
    Registriert seit
    27.12.2011
    Beiträge
    166

    Standard

    ALSO BITTE ! Die Naturwissenschaften sowie Mathematik beruhen auf Logik ! D.h. Keinerlei Interpretationen ! Definiert bitte Interpretationen richtig . ,,Wissenschaftliche Interpretationen" sind gar keine Interpretationen sondern ANNAHMEN. Da gibt es einen kleinen aber feinen Unterschied.
    Netten gruss
    Danial

  7. #7
    Registriert seit
    05.07.2011
    Beiträge
    1.365

    Standard

    Natürlich werden wissenschaftliche Theorien interpretiert, z.B. und insbs. die QM. Aber das ist im Sinne der Falsifizierbarkeit unabhängig vom Wahrheitsgehalt; verschiedene Interpretationen können mit der selben Theorie verträglich sein. Und es sind keine Annahmen, denn Annahmen gehen einer Theorie voraus, Interpretationen basieren auf einer Theorie.
    Gruß
    Tom

    «Niels Bohr brainwashed a whole generation of theorists into thinking that the job (interpreting quantum theory) was done 50 years ago.»

  8. #8
    Registriert seit
    27.12.2011
    Beiträge
    166

    Standard

    Interpretation = IRRATIONALE INTUITIVE AUS JUX UND DALLEREI UND BAUCHGEFUEHL Annahme, die als Tatsache dargestellt wird, ohne dass andere Optionen, die moeglich waeren, in Betracht gezogen werden
    Annahme = sachliche, analytische Moeglichkeit
    Netten Gruss
    Danial

  9. #9
    Registriert seit
    07.08.2009
    Ort
    Neubrandenburg, Deutschland
    Beiträge
    2.172

    Standard

    Ich glaube deine persönlichen Interpretation dieser beiden Wörter ist ein bisschen zu eng gefasst.
    Tatsächlich ist es ja so das viele Wörter je nach Kontext ganz unterschiedliche Bedeutung haben. In vielen wissenschaftlichen Bereichen werden Wörter auch gerne komplett neu definiert so dass es bei Personen, die sich normalerweise nicht in diesem Milieu aufhalten schnell zu Missverständnissen kommen kann.
    Ein schönes Beispiel ist das Wort Regime. Während meines Studiums in Politikwissenschaft war ich zuerst einigermaßen Verwirrt über die vielen Fremdwörter, da muss man sich als einzelner der eben anpassen und tolerant sein.

    mfg
    101010

  10. #10
    Registriert seit
    05.07.2011
    Beiträge
    1.365

    Standard

    Anzeige
    Zitat Zitat von Astrophysiker Danial Beitrag anzeigen
    Interpretation = IRRATIONALE INTUITIVE AUS JUX UND DALLEREI UND BAUCHGEFUEHL Annahme, die als Tatsache dargestellt wird, ohne dass andere Optionen, die moeglich waeren, in Betracht gezogen werden
    Annahme = sachliche, analytische Moeglichkeit
    Netten Gruss
    Danial
    sorry, aber das ist nur deine private Interpretation
    Gruß
    Tom

    «Niels Bohr brainwashed a whole generation of theorists into thinking that the job (interpreting quantum theory) was done 50 years ago.»

Ähnliche Themen

  1. Mal eine andere Theorie zum Universum
    Von eddihome im Forum Gegen den Mainstream
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 06.06.2012, 16:16
  2. Noch eine Rössler-Theorie
    Von pauli im Forum Smalltalk
    Antworten: 11
    Letzter Beitrag: 31.08.2008, 15:48
  3. Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 09.12.2007, 01:52
  4. Tunguska 1908 - eine vergessene Theorie?
    Von Toni im Forum Gegen den Mainstream
    Antworten: 8
    Letzter Beitrag: 08.01.2007, 20:53
  5. Physikalische Konstanten
    Von ryan im Forum Astronomie allgemein
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 19.01.2006, 00:06

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  
astronews.com 
Nachrichten Forschung | Raumfahrt | Sonnensystem | Teleskope | Amateurastronomie
Übersicht | Alle Schlagzeilen des Monats | Missionen | Archiv
Weitere Angebote Frag astronews.com | Forum | Bild des Tages | Newsletter
Kalender Sternenhimmel | Startrampe | Fernsehsendungen | Veranstaltungen
Nachschlagen AstroGlossar | AstroLinks
Info RSS-Feeds | Soziale Netzwerke | Flattr & freiwilliges Bezahlen | Werbung | Kontakt | Suche
Impressum | Nutzungsbedingungen | Datenschutzerklärung
Copyright Stefan Deiters und/oder Lieferanten 1999-2013. Alle Rechte vorbehalten.  W3C