PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ist die Sonne Teil eines Doppelsternsystems?



Conz
23.09.2007, 14:08
Hallo Forum,

verfolge schon länger die astronews als RSS Feed und lese als Gast ab und zu einige Threads mit. Vor einigen Tage bin ich auf die im Titel genannte Hypothese gestoßen und diese lässt mich seit dem nicht mehr los.
Das ist auch der Grund meiner Anmeldung hier, da mich mal eure Meinung dazu interessieren würde, und wie wahrscheinlich das denn mit Nemesis eigentlich ist.

- Wikipedia (dt.) zu Nemesis (http://de.wikipedia.org/wiki/Nemesis_%28Stern%29)

Da ich vorher von dieser Hypothese noch nichts gehört hatte, vll. noch der Weg zur Quelle.
Über die letzten Tage hatte ich den Kurs "Physics 10: Physics for Future Presidents" (http://video.google.de/videosearch?q=label%3A%22Physics+10%3A+Physics+for +Future+Presidents%22) von Professor Richard A. Muller gesehen.
Dort kommt er in Lecture 25: Universe II (http://video.google.de/videoplay?docid=454509298366027887&q=muller%20universe#0h40m30s) ab 40m:30s auf seine eigene Forschung zu sprechen, welche sich mit diesem Nemesis Stern beschäftigt.

Ist das ein anerkanntes und diskutiertes Thema? (mit Forumssuche nicht gefunden)
Ich dachte immer, in Doppelsternsystemen ist theoretisch keine Planetenentstehung möglich, oder wäre der Einfluss von Nemesis einfach zu gering (wird in wikipedia ja als "schwach gekoppeltes Doppelsternsystem" beschrieben)?

Orbit
23.09.2007, 14:47
Hallo Conz
Höre auch zum ersten Mal davon.

Ist das ein anerkanntes und diskutiertes Thema?
Offenbar schon. Immerhin werden teure Beobachtungszeiten auf Hawaii und in Cile dafür gekauft und WISE soll ab übernächstem Jahr auch ein Auge auf Nemesis werfen.

Ich dachte immer, in Doppelsternsystemen ist theoretisch keine Planetenentstehung möglich..
Offenbar doch. Kürzlich wurde hier in einem andern Thread darüber diskutiert, kann ihn nur gerade nicht finden. Aber da haben wir ja zum Glück noch mac.^^

Herzliche Grüsse
Orbit

mac
23.09.2007, 16:59
Hallo Conz,

herzlich willkommen hier im Forum.


Ich dachte immer, in Doppelsternsystemen ist theoretisch keine Planetenentstehung möglichDiese Meinung gab es in der Vergangenheit wohl auch mal. Ob etabliert oder außenseiter kann ich Dir nicht sagen, da ich mich auch erst seit kurzer Zeit (2 Jahre) etwas intensiver mit Astrophysik befasse.

Der Artikel auf den Orbit verweist ist glaube ich dieser hier: http://www.astronews.com/news/artikel/2007/07/0707-037.shtml

Die Bezeichnung Nemesis ist mir zuerst vor gut 20 Jahren begegnet, wie in dem Wiki-Artikel beschrieben. War aber als Einzelereignis auch schon sehr viel früher im Gespräch. Unter anderem gab es mal eine Hypothese, daß unser Planetensystem durch eine sehr dichte Begegnung mit einer anderen Sonne entstanden sei. Es wäre damit ein fast einmaliges Naturphänomen gewesen, was mich damals (als begeisterten jugendlichen SF Leser, natürlich sofort in heftige emotionale Opposition brachte ;) ).

Denkbar wäre ja z.B. auch eine Oszillation unserer Sonne durch die galaktische Ebene hindurch und gegenläufig dazu, die Oszillation eines kleineren braunen Zwerges, was zwar das Argument der zu geringen Wahrscheinlichkeit eines direkten Treffers durch extrasolare Objekte entkräften könnte, dafür aber diese synchrone Oszillation bräuchte, was im Endeffekt auch nicht unbedingt zu einer stabilen Periodizität führen würde.

Die nächste Chance ein solches Objekt im Bereich unseres Sonnensystems zu entdecken, ist ja möglicherweise durch die geplante Forschungssonde Gaja gegeben. Kann man halt nur abwarten.

Herzliche Grüße

MAC

PS: Der dazugehörige Diskussionsthread ist hier: http://www.astronews.com/forum/showthread.php?t=1662

Bynaus
23.09.2007, 18:51
Ich denke, Planetenbildung in sehr weiten Doppelstern-Systemen hat noch nie jemand bestritten. Ob der Begleitstern jetzt 1000 AU entfernt oder überhaupt nicht existent ist, spielt nun wirklich keine Rolle. Auch bei ganz engen Doppelsternen, wo die Sterne sich im Abstand von wenigen Bruchteilen eines AU umkreisen, ist wohl unbestritten, dass es da in genügend grossem Abstand Planeten geben könnte. Die Frage stellt sich, ob es auch in Doppelsternsystemen mit mittlerem Abstand Planetenbildung gibt und wenn ja, bis zu welchem mittleren Abstand (oder aber, "ab" welchem Abstand) sich Planeten bilden. Und da gibt es einige interessante Entdeckungen (z.B. Gamma Cephei).

Im Fall von Nemesis, die ja allenfalls einige 1000 AU entfernt wäre, spielt das alles keine Rolle, weil eben der Abstand so gross ist, dass er kein Problem darstellt.

Die ursprüngliche "Begründung" für Nemesis war eine Periodizität von 26-30 Millionen Jahren, die man in den Aussterbensereignissen der Erde zu erkennen glaubte. Das gilt heute weitgehend als wiederlegt. Die Frage, ob die Sonne einen weit entfernten Begleitstern hat, ist trotzdem interessant.

Schauen wir uns die Nachbarsterne der Sonne an, so habt zwar Alpha Centauri mit Proxima Centauri einen weit entfernten (ca. 22000 AU = 0.3 LJ) Begleiter, aber sonst kennen wir kein solches System. Epsilon Indi wird in 1500 AU Entfernung von einem doppelten Braunen Zwerg umkreist, und damit hat sichs. Mag sein, dass dies mit der Leuchtschwäche solcher weit entfernter Begleiter zusammenhängt (vielleicht haben noch viele Sterne solche Begleiter, aber wir sehen sie nicht), aber rein statistisch gesehen, basierend auf dem, was wir heute wissen, sind Sternbegleiter in einigen 10000 AU Entfernung sehr selten. Wir würden also, rein statistisch gesehen, nicht erwarten, dass die Sonne von einem weiteren Stern umkreist wird, was nichts heissen muss. Zudem besteht bei so grossen Entfernungen die Gefahr, dass der Begleitstern irgendwann im Verlaufe der Jahrmilliarden "abgestreift" wird.

Wir hätten auf jeden Fall die Technologie, einen solchen Begleitstern zu finden - er wäre hell genug. Das Problem ist das Finden an sich, denn wo soll man schon danach suchen? Er könnte überall sein, denn Begleitersterne müssen sich nicht an die Ekliptik (in der alle Planeten kreisen) halten.

Es gibt Arbeiten, mit denen sich bestimmte Entfernung/Masse-Kombinationen ausschliessen lassen. Etwa mit der Messung von Pulsarsignalen, mit denen sich feststellen lässt, ob die Sonne (und mit ihr die Erde) zur Zeit gerade bevorzugt in die eine Richtung beschleunigt wird, wie man das bei einem umkreisenden Begleitstern erwarten würde. Damit ist man allerdings nicht viel schlauer, werden doch lediglich Braune Zwerge und grosse Planeten innerhalb von 200 bis 1000 AU ausgeschlossen (ein weiterer "Neptun" bei, sagen wir, 500 AU würde hingegen noch drin liegen).

Ich denke nicht, dass die Sonne einen Begleitstern hat. Aber der eine oder andere Oortwolke-Planet könnte durchaus noch drin liegen...

mac
24.09.2007, 15:07
Hallo Bynaus,


Damit ist man allerdings nicht viel schlauer, werden doch lediglich Braune Zwerge und grosse Planeten innerhalb von 200 bis 1000 AU ausgeschlossen das hab' ich nicht verstanden. Wie kann man denn damit, bei Umlaufzeiten von 3000 bis 30000 Jahren jetzt schon irgendetwas ausschließen?

Herzliche Grüße

MAC

Bynaus
24.09.2007, 16:22
Man schaut sich die absolute, gegenwärtige Beschleunigung an. Bei Millisekundenpulsaren ist das offenbar machbar.

Wo hab ich nur das Paper... Hier ist was ähnliches, älteres aber nicht "the real thing"... Ich such mal weiter.

http://adsabs.harvard.edu/abs/1983MNRAS.204.1237C

Nicht direkt zusammenhängend, aber im Rahmen des Themas sehr interessant (zumindest ab "Ok, some theory speculations:"):
http://scienceblogs.com/catdynamics/2007/06/extreme_solar_systems_v_the_sa.php

mac
24.09.2007, 17:45
Hallo Bynaus,

ich bin gespannt ob Du die Arbeit findest. Ich selbst kann es mir bisher, mit meinen eigenen Kenntnissen und Ideen, nicht erklären.

In der ersten von Dir verlinkten Arbeit wurde vorgeschlagen diese Bewegung durch statistische Verfahren aus den (damals noch nicht vorhandenen) Hipparchosdaten zu ermitteln.

Mit der Ermittlung der Beschleunigung könnte man zwar auch winzigste Beschleunigungen, viel kleiner als durch einen solchen Trabanten messen, über die Ankunftszeiten der Einzelpulse, aber nur, wenn man die genaue Bewegung der Pulsare incl. Ihrer Beschleunigungen kennt. Die kann man aber noch weniger gut kennen, als die genaue Beschleunigung unseres Sonnensystems. Damit läuft es aber wieder auf eine statistische Abweichung hinaus und für die braucht man Zeit.

immer noch ratlose Grüße

MAC

Conz
24.09.2007, 18:31
Danke euch allen für die Antworten.

Waren ja paar interessante Links bei. Bezüglich Nemesis finde ich den Link von Bynaus schon zusammenhängend.

Nicht direkt zusammenhängend, aber im Rahmen des Themas sehr interessant (zumindest ab "Ok, some theory speculations:"):
http://scienceblogs.com/catdynamics/2007/06/extreme_solar_systems_v_the_sa.php

Interessanter wird es dann in seinem Forum, wo er etwas ausführlicher auf seine Berechnungen eingeht.
Another Neptune in the Oort Cloud (http://physicsforums.com/showthread.php?t=175508)
Besonders die Artikel 3 und 4 wo er nochmal auf Muller und Nemesis verweist.
So wie ich es verstanden habe, geht er von einem Braunen Zwerg mit ca. 15 Jupitermassen als Sonnenbegleiter aus.
Er kommt allerdings nicht auf die Periode von 26-32 Millionen Jahren.

MfG
Conz

Kibo
06.08.2011, 17:36
Sommerzeit, Thread-Ausgrabe-Zeit!

Nemesis gibts wohl doch nicht, zumindest wäre sie nicht mehr nötig.
Siehe hier (http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2011/08/nix-mit-nemesis-asteroideneinschlage-sind-nicht-periodisch.php)

mfg