Gibt es für dich eigentlich ein Falsifikations-Kriterium? Also einen Punkt (oder einen Grad an Präzision), an dem du sagen würdest, dass der Versuch, die ‚neue Physik‘ über die bekannten Teilchenwechselwirkungen zu finden, methodisch gescheitert ist? Oder ist dieser Weg für dich prinzipiell unendlich offen, egal wie leer die experimentellen Befunde bleiben?
Hallo Astrofreund,
das ist eine sehr gute Frage. Ich denke, nur der
experimentelle Beweis kann ein Falsifikations-Kriterium liefern, und nicht die Statistik.
Doch: historisch betrachtet wurden meines Wissens
alle Theorien erarbeitet, d.h. es gab schon vor der endgültigen Erkenntnis zahlreiche experimentelle Befunde, die einfach noch nicht im vollen Umfang verstanden worden waren.
Ich will nur 2 Beispiele benennen: 1874 hat der Mathematiker Cantor den berühmten Diagonalbeweis gefunden; dieser ist elementar und aufgrund dessen kann man sehr einfach eine überabzählbare Menge - nämlich die der nicht-algebraischen reellen Zahlen ("transzendente Zahlen") konstruieren - eine Menge also, die riesig riesig riesig gross ist, ohne dass man mit elementaren Mitteln eine einzige Zahl dieser ungeheurlich grossen Menge angeben kann. Das ganze hat nur deswegen die Mathematik nicht in die tiefe Sinnkrise gestürzt, weil in einem anderen Zusammenhang bereits 1851 (nicht wie meistens angegeben 1844, in diesem Jahr hat er "nur" sein Theorem formuliert, aber dann noch 7 Jahre benötigt, um auch ein Gegenbeispiel zu finden) der Mathematiker Liouville eine transzendente Zahl konstruieren konnte, und ein Jahr vor dem Cantor'schen Diagonalbeweis dem Mathematiker Hermite im Jahre 1873 der Nachweis der Transzendenz der Euler'schen Zahl gelang.
Ein anderes Beispiel betrifft die Astronomie, und zwar den Kuipergürtel: weder der im Jahre 1930 entdeckte Planet Pluto noch der im Jahre 1977 entdeckte Planetoid Chiron wurden als Mitglieder des theoretisch schon lange postulierten Kuipergürtels erkannt. Experimentelle Befunde gab es also schon lange, aber der Zusammenhang wurde erst später erkannt - im Falle des Kuipergürtels dürften hier die massgeblichen Entdeckungen diejenige des kleinen Chiron-Bruders Pholus sowie die Entdeckung des ersten Kuipergürtel-Planetoiden Albion ("Smiley", Cubewano) - beide 1992, sowie der Nachweis im Jahre 2004, dass der Kuipergürtel-Planetoid Quaoar grösser als der grösste bis anhin bekannte Planetoid Ceres ist, und dann natürlich die Entdeckung des "10.Planeten" Eris, die im Jahre 2005 bekannt gegeben wurde, da beim Quaoar und der Eris ebenso wie weiteren in dieser Zeit entdeckten Planetoiden der 1000 km-Klasse keinerlei Zweifel bestand, dass sie dem Kuipergürtel angehören.
Die Erfahrung lehrt also, dass man bereits experimentelle Evidenz hat, und zwar in Form von zwei unterschiedlich aussehenden Experimenten, aber den Zusammenhang zur neuen Theorie noch nicht erkannt hat.
Ich vermute, dass die Neutrino-Oszillationen ein wichtiger Hinweis auf die neue Physik darstellen, ebenso die Phänomene der Dunklen Materie bzw. von MOND und ebenso gewisse Symmetriebrechungen beim Zerfall schwerer neutraler K-Mesonen, die man gemäss Standardmodell nicht erwarten würde.
Freundliche Grüsse, Ralf