Nee, Funktionalanalysis war nicht Analysis III, sondern tatsächlich Funktionalanalyis: etwas zur Topologie und Maßtheorie, Banachräume, Hilberträume, Hahn-Banach, Hamel- und Schauder-Basen, Spektraldarstellung, Defekträume ...
Hach kommt da "Freude" auf:
Funktionalanalysis: durchgefallen (3.5, entspricht im deutschen 4.5)
Masstheorie: durchgefallen (auch 3.5)
Selbst die Katastrophe Differentialgeometrie, für deren Vorbereitung ich mir trotz der Aussichtslosigkeit ausreichend Zeit genommen hatte, habe ich dank der sehr wohlwollenden Mithilfe des Prüfers bestanden (4) ...
Damit Ihr Euch ein Bild darüber machen könnt: Masstheorie ...
Da gab es den "freiwilligen Test". Damals gab es sogenannte Testatbedingungen und im (kürzeren) Sommersemester lag diese bei 7 akzeptierten Übungen. Wobei Übungen eigentlich immer akzeptiert wurden. - Wer den freiwilligen Test "sehr gut" absolvierte bekam dafür 7 akzeptierte Übungen angerechnet und hatte schon die Testatbedingung erfüllt; für "gut" gab es 5 akzeptierte Übungen und für "genügend" derer 3.
Ich denke, die Mehrzahl der Studierenden hat sich also ordentlich auf den freiwilligen Test vorbereitet, das Ergebnis indes war total ernüchternd: von den 60 Studierenden haben 55 nicht bestanden. Die Übrigen 5 wurden dann vom Professor namentlich aufgerufen, mussten aufstehen und durften sich also zeigen.
Immerhin bekam ich für meine "Ausführungen" 1 akzeptierte Übung angerechnet; auch diejenigen, mit denen ich mich zusammen vorbereitet hatte, bekamen ebenfalls je eine akzeptierte Übung angerechnet.
Da bis zum 2.freiwilligen Test wohl jeder die Testatbedingung anhand der Übungen selber bereits erfüllt hatte ging dann ausser den 5, die hatten aufstehen müssen/dürfen, niemand mehr an den 2.freiwilligen Test; kam hinzu, dass am Vorabend noch das Mathematiker-Sommerfest an einem kleinen See in der Nähe stattfand.
Ich wusste schon, was passieren wird: der Prof wird denken, dass beim 1.freiwilligen Test die grosse Mehrheit nicht bestanden hat und beim 2.freiwilligen Test alle bestanden haben und sich als grossartigen Lehrer fühlen.
Nicht mit mir: ich ging also auch an den 2.freiwilligen Test, damit er keine 100% Erfolgsquote hat. Wie vorbereiten - schliesslich entschied ich mich für einen Kompromiss: ich gehe nur an die 2.Hälfte des Mathematiker-Sommerfestes und bereite mich ab dem Nachmittag davor auf den Test vor.
Im Test selber war ich dann überrascht, noch einen weiteren Studenten vorzufinden; sehr gut dachte ich mir, dann werden also 5 bestehen und 2 durchfallen. Der andere hatte sich aber nicht vorbereitet, sondern seine Vorlesungsnotizen unter dem Pult versteckt. So etwas wollte ich aber nicht machen - wenn ich etwas nicht weiss dann stehe ich dazu.
In der nächsten Stunde durften die 5 dann wieder aufstehen und sich zeigen; ich bekam wieder eine akzeptierte Übung für meine "Darbietung"; was der andere falsch gemacht hat weiss ich nicht, jedenfalls bekam er 0 akzeptierte Übungen.
Jahre später bemerkte ich, dass ich dank der im 2.freiwilligen Test angerechneten akzeptierten Übung von den 60 Teilnehmern der Vorlesung der 6.-beste war ...... (und der beste, der nicht aufzustehen brauchte).
Bestanden habe ich im Schlussdiplom diese Prüfung aber trotzdem nicht - ebenso wie die Mehrheit der Studierenden diese beiden Prüfungen in Masstheorie und Funktionalanalysis nicht bestanden haben.
Das hatte aber auch etwas Gutes: damals musste man die 12 Prüfungen des Schlussdiploms während 6 Wochen absolvieren, und das ist dann doch eine sehr sehr anstrengende Zeit. Nachdem ich die Differentialgeometrie völlig wider Erwarten bestanden hatte brauchte ich also nach wie vor keine Punkte zu kompensieren und wollte die beiden letzten Prüfungen mit hoch-chaotischen Vorlesungsnotizen nur noch am Rande mitnehmen und die letzte der 6 Wochen ruhiger angehen lassen. Doch dann der "Hammer" am Montag: Funktionalanalysis und Masstheorie beide nicht bestanden, und ich wusste auch nicht, wie schlecht ich sie nicht bestanden hatte. Und ich sage Euch: so eine durchgefallene Prüfung schlägt aufs Gemüt !! - Somit machte ich durch die bisherigen 10 absolvierten Prüfungen eine worst-case-Abschätzung und kam zum Ergebnis, dass ich von den beiden letzten Prüfungen eine bestehen muss, um auf der sicheren Seite zu liegen, dass ich das Schlussdiplom bestanden habe.
Und zudem hatte ich überhaupt keine Lust darauf, diese 6 hochintensiven Wochen noch ein zweites Mal erleben zu müssen. Ich weiss bis heute nicht, woher ich die Energie nahm, aber die 3 letzten Tage habe ich nur noch gelernt, geschlafen, gegessen und jede 45 Minuten mir ein Lied angehört. Ich brauche noch eine 4 ... - statt zu pokern habe ich beide ausstehenden Prüfungen so gut wie noch möglich vorbereitet, allerdings den Fokus auf die elfte, mehr chaotische, mich inhaltlich aber auch mehr interessierende Prüfung gelegt. Letztlich auch in der Hoffnung, dass die letzte, also zwölfte Prüfung schon sehr unglücklich verlaufen muss, um durchzufallen, aber ich wollte so wenig Risiken wie möglich gehen.
Die Prüfung verlief eigentlich ganz angenehm, und dann kam die letzte Frage. Und ich wusste ganz genau, dass diese in der Vorlesung nicht dran kam. Schlagartig war mir klar, dass ich jetzt auf die 6, also die Höchstnote geprüft werde und in dem Moment am Ende der vorletzten Prüfung wusste ich - Ralf, Du bis diplomierter Mathematiker ETH Zürich.
Die letzte Prüfung unmittelbar danach verlief dann reichlich unspektakulär und obwohl ich einige Inhalte nicht ganz korrekt widergeben konnte bekam ich hier auch eine 5.5. - Dadurch wurde meine Schlussnote besser als wenn ich de Funktionalanalysis und die Masstheorie bestanden hätte. - In der 11.Prüfung ging es übrigens um die exakte Berechnung der 4 Grundrechenarten algebraischer Zahlen mit Computerunterstützung.
Freundliche Grüsse, Ralf