Wir werden uns nirgendwo treffen. Aber das wissen wir beide schon lange. Zu unterschiedlich sind unsere Sozialisierungen, unsere Kenntnisse und unsere Sicht auf diese Welt.
Meine Frage, ob nicht evtl. die NATO auch der Angreifer sein könnte, beruht auf einer Vielzahl anderer Dokumente und viel Geschichtswissen. Nichts besonderes, ich beschäftige mich rund 60 Jahre mit all den Themen.
Aktuell hatte ich bereits das Buch von Verheugen, Erler "Der lange Weg zum Krieg" empfohlen. Dort finde ich u.a.
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Ein Dokument aus dem »National Security Archive« der USA (veröffentlicht 2017) belegt, dass die Sowjetunion im Herbst 1990 weiter als »Bedrohung« betrachtet wurde. 1991 wurde dort bereits darüber diskutiert, ob die Auflösung der Sowjetunion zum Anlass genommen werden sollte, Russland ein für alle Mal als Herausforderer der USA auszuschalten. Eine Veröffentlichung von Casey Michel im Atlantic unter dem Titel »Dekolonialisierung Russlands« aus dem Jahr 2022 erinnerte daran, was Robert Gates, ehemaliger US-Verteidigungsminister, in seinen Memoiren From the Shadows zu Dick Cheney festhielt. Dieser »wollte die Auflösung nicht nur der Sowjetunion und des Russischen Reiches, sondern auch von Russland (sehen/haben), damit es nie wieder eine Bedrohung für den Rest der Welt darstellen kann.
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Verheugen, Günter; Erler, Petra. Der lange Weg zum Krieg: Russland, die Ukraine und der Westen - Eskalation statt Entspannung (German Edition) (S.58). Heyne Verlag. Kindle-Version.
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... 1992, in Gestalt der sogenannten »Wolfowitz-Doktrin« auszugsweise öffentlich wurde. Was Paul Wolfowitz, damals stellvertretender US-Verteidigungsminister, vorschlug, war eindeutig: Zur zuverlässigen Absicherung der Rolle der USA als einziger verbliebenen Großmacht sollte niemals wieder der Aufstieg einer anderen Macht zugelassen werden, die ihren globalen Herrschaftsanspruch in die Schranken weisen könnte. Da seine Doktrin auf empörte Ablehnung stieß, wurde allerdings alles ein bisschen umgeschrieben. In der Ausarbeitung von Wolfowitz ist bereits alles angelegt, was das amerikanische außen- und sicherheitspolitische Denken in den nachfolgenden Jahren und Jahrzehnten prägen würde: der unilaterale Führungsanspruch der USA, ihre globale Interessendefinition (die damals bemerkenswerterweise den afrikanischen Kontinent aussparte), die Absicht einer frühzeitigen Ausschaltung möglicher Rivalen einer US-Vormachtstellung und die Verhinderung jeder Gefahr, dass die Ressourcen in Europa, Asien und Lateinamerika unter »undemokratische« Kontrolle geraten könnten. 1997 legte Zbigniew Brzeziński, ehemaliger Sicherheitsberater des US-Präsidenten Jimmy Carter, mit seinem Text The Grand Chessboard Überlegungen dazu vor, wie es den USA gelingen könnte, die »einzige Weltmacht« zu bleiben: durch die dauerhafte Kontrolle Eurasiens. Wer diesen Teil der Erde beherrsche, erläuterte Brzeziński, beherrsche die Welt. Tatsächlich war Brzeziński etwas aufgeschreckt: So schnell wie das Sowjetimperium war noch kein einziges Imperium in der Geschichte der Menschheit zu Bruch gegangen. Das sollte den USA, die nach 1945 zumindest die westliche Hemisphäre dominierten, nicht passieren. Für Brzeziński war die Welt wie ein großes Schachbrett, auf dem, so war er überzeugt, die USA das Spiel dominieren würden, wenn sie nur die einzelnen Figuren richtig setzten. Es ist die Kälte der Machtpolitik, die aus Brzezińskis Überlegungen sprach. Er sezierte ohne Gefühlsduseleien die Welt und blickte bar jeder propagandistischen Verbrämung auf die Beziehungen der USA zu allen, die mit ihr auf diesem Schachbrett spielen würden: die Deutschen, die Franzosen, die Russen, die Chinesen, die Türken und womöglich auch die Iraner. Die Briten hatte er längst abgeschrieben, denn die hatten ihr Imperium verwirkt. In Brzezińskis »Schachspiel« fungierten kleine und mittlere Völker in diesem geografischen Raum nur als Bauern, ebenso wie Afrika, das dem Beherrscher Eurasiens ganz natürlich in den Schoß fallen würde. Im Fall der Ukraine und Russlands glaubte er, dass die Ukraine die Achillesferse Russlands sei. »Der Verlust der Ukraine war geopolitisch von entscheidender Bedeutung, da er Russlands geostrategische Optionen drastisch begrenzte. Auch ohne die baltischen Staaten und Polen, ein Russland, das die Kontrolle über die Ukraine behält, könnte immer noch danach streben, der Anführer eines selbstbewussten eurasischen Reiches zu sein. […] Aber ohne die Ukraine und ihre 52 Millionen slawischen Landsleute dürfte jeder Versuch Moskaus, das eurasische Reich wieder aufzubauen, scheitern …«
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Verheugen, Günter; Erler, Petra. Der lange Weg zum Krieg: Russland, die Ukraine und der Westen - Eskalation statt Entspannung (German Edition) (S.58-60). Heyne Verlag. Kindle-Version.
Nun kann man das gern wieder alles anzweifeln, zerreden und mit "schlauen" Argumenten wiederlegen. Es bleiben die Fakten und die Situation ist nun so. Einfach mal selbst lesen und darüber nachdenken.
Ich persönlich bevorzuge es, lieber etwas mehr auf der sicheren Seite zu agieren als unvermittelt vor vollendeten Tatsachen zu stehen. Das als "Verharmlosung" abzuqualifizieren gehört übrigens zum Repertoire derer, die Geschehnisse so verdrehen und mit Angsmacherei verstärken, dass die zuhörenden oder mitlesenden Menschen ihren Hirninhalt auf die Meinung dieser Angstmacher umstellen. Nur so, werden diese verängstigten Menchen bereit sein, wieder mal in den Krieg zu ziehen und gern alles mit zu bezahlen, obwohl das meist nur zu ihrem Nachteil ist. Die Geschichte kennt dazu zahlreiche Beispiele.