Dunkle Materie: Gravitationswellen als Ursprung der Dunklen Materie?

astronews.com Redaktion

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Was ist Dunkle Materie und wie ist sie einst entstanden? In einer neuen Studie wird nun eine bestimmte Art von Gravitationswellen für die Produktion von Dunkler Materie in den frühen Phasen der Entstehung unseres Universums verantwortlich gemacht. Diese sogenannten stochastischen Gravitationswellen dürften im frühen Universum allgegenwärtig gewesen sein. (2. April 2026)

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TomS

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Das erklärt, wie eine spezielle Art von Fermionen produziert worden sein könnten, jedoch nicht, welche Teilchen das denn heute konkret wären.

Erinnert ein bisschen an die Untersuchung der Fortpflanzung von Fabelwesen.
 

TomS

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Grundlagen

Die Weyl-Gleichung beschreibt masselose Spin-½-Teilchen mit definierter Chiralität Jedes masselose Fermionfeld kann beschrieben werden durch eine Superposition eines linkshändigen und eines rechtshändigen Weyl-Spinors, wobei diese unter zwei verschiedenen, zueinander isomorphen irreduzible Darstellungen der Lorentz-Gruppe transformieren.

Das Standardmodell ist eine chirale Eichtheorie, d.h. links- und rechtshändige Fermionen transformieren unterschiedlich bzgl. der Eichtransformationen; insbs. tragen links- und rechtshändige Felder unterschiedliche Ladungen bzgl. der schwachen Wechselwirkung. Jedes dieser Felder ist ein Weyl-Spinor.

Die schwache Wechselwirkung verletzt die Parität maximal, sie koppelt ausschließlich an linkshändige Fermionen; diese Asymmetrie ist mit Dirac- oder Majorana-Fermionen unmöglich darzustellen.

Nun verbietet die Eichinvarianz naive Dirac-Massenterme für elektrisch geladene Fermionen (sie lässt jedoch Majorana-Massenterme für neutrale Fermionen zu). Daher muss die Erzeugung der Massen elektrisch geladener Fermionen anders erfolgen – im Standardmodell mittels des Higgs-Mechanismus (für neutrale Fermionen entweder mittels Higgs oder seesaw). Dirac-Massen entstehen erst nach der spontanen Brechung der chiralen Symmetrie.

D.h. das Standardmodell startet für die geladenen Fermionen zwingend mit fundamentalen Weyl-Fermionen; diese erscheinen nach der Symmetriebrechung (und weit unterhalb der elektro-schwachen Skala von ~ 246 GeV) als effektive Dirac-Fermionen.


Dunklen Materie

Damit massebehaftete Fermionen zur "kalten" Dunklen Materie beitragen können, müssen sie zunächst mal Masse erhalten.

Die heute notwendige Dunkle Materie bestünde im Rahmen des Standardmodells – d.h. ohne neue Wechselwirkungen und Felder – aus neutralen Fermionen, d.h. Neutrinos (elektrisch geladene Teilchen können wir ausschließen). Neutrinos erhielten innerhalb dieses Rahmens ihre Massen durch den Higgs-Mechanismus, und sie wären mit < 1 eV extrem leicht. Da sie zugleich extrem schwach wechselwirken bleiben sie ultra-relativistisch, wären damit nicht "kalt", d.h. klumpen nicht, d.h. tragen nicht ausreichend zur Strukturbildung bei. Das funktioniert also nicht.

Interessant ist nun die Einführung eines zusätzlichen sterilen Neutrinofeldes, das an keiner der bekannten Wechselwirkungen (mit Ausnahme der Gravitation) teilnimmt, und für dessen Kombination mit dem bekannten Neutrino ein sogenannter Majorana-Massenterm zulässig ist, der im Gegensatz zu einem Dirac-Massenterm mit der Eichinvarianz verträglich ist. Durch geeignete Wahl der Parameter erreicht man den sogenannten seesaw-Mechanismus, d.h. ein Paar eines sehr leichten und eines sehr schweren Neutrinofeldes, wobei ersteres dem bekannten entspricht.

Das Problem ist nun, dass man diese schweren Neutrinos nicht im Labor nachweisen kann. Die prinzipielle Möglichkeit, dass es sich bei Neutrinos um Majorana-Fermionen handelt, wäre über den – bis heute nicht nachgewiesenen – neutrinolosen doppelten-beta-Zerfall gegeben, aber auch der würde nicht direkt die Existenz der schweren Neutrinos bestätigen.


Die Veröffentlichung


Das Paper sagt nun nichts zur Entstehung der Massen. Dirac-Massenterme sind ausgeschlossen, Higgs-Massen führen nur zu den sehr leichten, bekannten Neutrinos, Majorana-Massenterme sind nicht dynamischen Ursprungs:

we assume that the [dark] fermions, while effectively massless at the time of production … have non-negligible mass M today … Fermions can either remain massless during the phase transition, acquiring mass through a Higgs mechanism at lower temperatures, or have a mass from the start …

Das Paper setzt einen speziellen Gravitationswellen-Hintergrund bzw. vermutete Mechanismen für dessen Entstehung voraus:

realistic and potentially detectable stochastic gravitational wave backgrounds … mechanisms for their production have been studied in detail, including gauge fields in inflation, first-order phase transitions, primordial magnetic fields, preheating and gauge preheating, cosmic strings etc.


Insgs. sehr spannend, aber leider auch eine der vielen Arbeiten, die ein kleines, konkretes Puzzle-Teil in einem Umfeld voller Annahmen und Spekulationen liefern.
 
Zuletzt bearbeitet:

mac

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Hallo TomS,


Zum hiesigen Thema kann ich nicht viel beitragen, da es deutlich über meinen derzeitigen Horizont hinaus geht.

Aber diese Aussage von Dir:
Da sie zugleich extrem schwach wechselwirken bleiben sie ultra-relativistisch, wären damit nicht "kalt", d.h. klumpen nicht, d.h. tragen nicht ausreichend zur Strukturbildung bei. Das funktioniert also nicht.
habe ich möglicherweise nicht verstanden?

Bisher bin ich davon ausgegangen, dass Photonen auf ihrem Weg durch den expandierenden Raum 'erkalten', indem sie ihre Wellenlänge vergrößern, aber ihre Geschwindigkeit, egal wo im Raum sie gerade sind, immer c beträgt.

Dagegen kaum wechselwirkende dunkle Materie, egal wie schnell zum Zeitpunkt ihrer Entstehung, sehr störungsarm, immer weiter die expandierenden Raumbereiche erreicht, deren Fluchtgeschwindigkeit der Geschwindigkeit des Materieteilchens, egal in welche Richtung gestartet, immer ähnlicher wird, also mit zunehmender Zeit in Bereiche kommt, in denen ihre zum Startort relative, unveränderte Ausgangsgeschwindigkeit, relativ zu ihrer neuen Umgebung immer kälter wird.

Oder, hier etwas vereinfacht: Abkühlung durch Raumausdehnung.

Das gilt im Prinzip natürlich auch für die konventionelle Materie, nur die hatte ja noch die Strahlungsära als Energielieferanten für ihre kinetische Energie vor sich.

Cold dark Matter kann doch nur deshalb kälter (gewesen?)/geworden sein, als konventionelle Materie, weil sie z.B. in der Strahlungsära nicht am Energieaustausch mit ‚Vernichtungsstrahlung‘ beteiligt war, von ihr also auch nicht weiter mit kinetischer Energie versorgt wurde

Später wurde dieser 'Vorsprung' dann aber von der 'konventionellen' Materie wieder überflügelt, weil sie ihre kinetische Energie zusätzlich durch Anregung und Strahlung loswurde und unter anderem deshalb z.B. auch der DM-Halo in Galaxien eine andere Dichteverteilung hat ('wärmer ist'), als die 'konventionelle' Materie in den Galaxien.

Wenn ich das richtig verstanden habe, rechnen einige Simulationen zur großräumigen Strukturbildung im Universum, auch mit solchen, nur durch DM bestimmten Gegebenheiten.

Herzliche Grüße



MAC
 

TomS

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@mac

Ja, du hast recht, das war ziemlich unsauber formuliert; Abkühlung aufgrund der Raumexpansion findet natürlich immer statt, Abkühlung aufgrund von Stößen wie zwischen elektrisch geladenen Teilchen (unter Emission eines Photons) jedoch nicht; das Elektron-Proton-Gas konnte so abkühlen und verklumpen.

Für eine wirklich fundierte Argumentation muss man den energieabhängigen Streuquerschnitt der beteiligten Teilchen betrachten.
 
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