Determinismus und freier Wille

Bernhard

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Der materielle Determinismus erlebt in verschiedenen Diskussionen über die Grundlagen und Interpretationen der Quantenmechanik gerade eine gewisse Wiederbelebung. So gibt es beispielsweise den naheliegenden Schluss, dass eine unitäre Zeitentwicklung quantenmechanischer Felder keinen Spielraum mehr für einen Zufall oder ganz allgemein unbestimmte Elemente hat. Wird ferner angenommen, dass alles Seiende aus quantenmechanischen Feldern zusammengesetzt ist, so ergibt sich schnell ein Weltbild, das auch als Superdeterminismus bezeichnet wird.

Die unitäre Zeitentwicklung quantenmechanischer Felder spielt nun eine zentrale Rolle bei der Many-Worlds- und der thermalen Interpretation der Quantenmechanik. In dem letztgenannten und verlinkten Thema wurden bereits im Beitrag #250 von Jakito die Konsequenzen für die Vorstellung eines freien Willens beschrieben. Ich möchte hier und in diesem Zusammenhang das Argument der unbekannten Anfangsbedingungen, das Problem der Berechenbarkeit und die Stabilität der Lösungen partieller Differentialgleichungen notieren.

Der Begriff Superdeterminismus wurde im Beitrag #249 genannt.

Die Intention dieses Themas liegt nun darin, die eher technischen Aspekte einer Diskussion über die Grundlagen der Quantenmechanik von den eher weltanschaulichen Fragen zu trennen, um eine unnötige und möglicherweise verwirrende Vermischung von Fragestellungen zu vermeiden.
 

A.Neumaier

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Die Beiträge 253, 254, 256,257, 259, 260, 308 und 309 aus dem obigen Thema sind hier auch relevant; bitte auch verlinken!
 
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Bernhard

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Der materielle Determinismus erlebt in verschiedenen Diskussionen über die Grundlagen und Interpretationen der Quantenmechanik gerade eine gewisse Wiederbelebung. So gibt es beispielsweise den naheliegenden Schluss, dass eine unitäre Zeitentwicklung quantenmechanischer Felder keinen Spielraum mehr für einen Zufall oder ganz allgemein unbestimmte Elemente hat.
Anders formuliert stellt sich mir die Frage, ob es bei der thermischen Interpretation der Quantenmechanik noch Raum für prinzipiell zufällige Elemente gibt oder geben soll und wie diese dann konkret aussehen.

Es stellt sich ferner die Frage, wie ein freier Wille in diesem Kontext beschrieben werden kann.
 

Jakito

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Lieber erzähe ich, was es mit der angehängten Datei (SabineHossenfelder-MehrAlsNurAtome.txt) auf sich hat. Geschrieben habe ich sie letzten Dienstag, weil ich diese Mail schreiben wollte, bzw. weil ich wusste, dass ich es am Dienstag ohnehin nicht schaffen würde. Dies waren handschriftliche Notizen aus meinem Smartphone, Gedanken, die mir im April auf der Rückfahrt von Lyon nach München bei der Lektüre des Buchs "Mehr als nur Atome" von Sabine Hossenfelder gekommen waren, und die ich in den Wochen danach festgehalten hatte, um mich nicht unnötig damit zu belasten.

Im Prinzip müsste man Sabine selbst lesen oder hören, um nachvollziehen zu können, was für meta-physische Ungeheuerlichkeiten sie glaubt. Am 26. Juni hatte ich Robert Polster Folgendes geschickt:
https://www.youtube.com/shorts/9vbtKqJwu88 (We're building a new species and I don't think we're ready)
https://www.youtube.com/watch?v=fRssqttO9Hg (This changed my life)
https://www.youtube.com/watch?v=NCD2A_bhDTI (Scientists Measure Qualia for First Time – It was thought to be impossible)
Ist das die "Art von Philosophie", wieso Du "Das Psychologiebuch" nicht lesen wolltest? Sabine Hossenfelder scheint da auch so ihre Probleme zu haben.

Worauf Robert antwortete:
entspannend tuts mich nicht ^^

Als ambitionierter Amateur-Philosoph versuchte ich mich natürlich daran, geistreich gegen Sabines Überzeugungen zu argumentieren:
https://www.astronews.com/community/threads/die-thermal-interpretation-der-quantenmechanik.11402/post-152197
Eine meiner Gegenreaktionen auf Sabine war, dass sie anscheindend den Wahrnehmungen ihrer Sinne mehr vertraut, als ihren inneren Wahrnehmungen davon, was sie getan hat, gerade tut, und tun will.
... Dabei fiel mir dann auf, dass Heisenberg tatsächlich eine ähnliche Asymmetrie hat, im Vertrauen auf eigene Beobachtung und Vernachläßigung des Wissens über eigene Handlungen:
... Nur was er beobachtet hat, ist sicher real. Die eigenen Handlungen als Mitschöpfer der Realität zu beschreiben, kommt ihm nicht in den Sinn. Oder noch seltsamer: Wenn er z.B. durch einen Polarisationsfilter sicherstellen sollte, dass gewisse Polarisationen seltener als andere vorkommen, so betrachtet er es statt dessen als eine Art Beobachtung.
Das ist in etwa so, als würde ich mein Wissen über meine Handlungen (vergangene, gegenwärtige, und zukünftige) als Beobachtung betrachten, statt als die Tatsache der Realität dieser Handlungen.

(Wobei dies natürlich gerade das Belastende ist: Egal wie geistreich oder fundiert man auch argumentiert, man wird Sabine nicht von ihren Überzeugungen abbringen können. Schlimmer noch, vielleicht wird Sabine sogar andere überzeugen können, und der eigene Versuch zu argumentieren ist nur lächerlich. Denn entweder erkennt der Gegenüber ohnehin schon selbst, wie haltlos Sabines Überzeugungen sind. Oder aber er tut dies nicht, und dann können meine Argumente auch nichts daran ändern.)
 

Bernhard

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Als ambitionierter Amateur-Philosoph versuchte ich mich natürlich daran, geistreich gegen Sabines Überzeugungen zu argumentieren:
Hallo Jakito, ich kann eine gewisse Aufregung recht gut nachvollziehen, weil es bei diesem Thema tatsächlich um recht fundamentale Fragestellungen geht, die scheinbar auch einen ziemlich unmittelbaren Bezug zum menschlichen Miteinander haben.

Ich möchte dieser Aufregung aber entgegenhalten, dass der Determinismus ja keine wirklich neue Idee oder Strömung ist. Es gibt also bereits eine langjährige Erfahrung mit derartigen Gedanken.

In den meisten Fällen des Alltags ist es zudem auch weitgehend egal, unter welchem Einfluss Entscheidungen getroffen werden. Wer Hunger hat wird Nahrung aufnehmen usw. Schwieriger wird es, wenn Politiker weitreichende Entscheidungen treffen, wobei auch in diesem Fall Entscheidungen oftmals relativ leicht nachvollziehbar sind. Kurz: Unsere Welt funktioniert sicher auch ohne das philosphische Konstrukt eines freien Willens ganz gut und vermutlich sogar ohne größere Änderungen und Anpassungen. Kritik an dieser These ist sehr willkommen.
 

Jakito

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Ich möchte dieser Aufregung aber entgegenhalten, dass der Determinismus ja keine wirklich neue Idee oder Strömung ist. Es gibt also bereits eine langjährige Erfahrung mit derartigen Gedanken.
Der historische Determinismus ging aber von der Annahme aus, dass Gott die Welt erschaffen hat. Dass dann meine Freiheit gegen Gottes Willen zu handeln eingeschränkt ist, ist nur konsequent und einleuchtend.
Wenn man aber den aktiven Schöpfer wegnimmt, und erst der Akt der Beobachtung Realität erschafen soll, bzw. sogar nur die "potentielle" Beobachtung, dann ist das nur noch Stückwerk, und gar nicht mehr einleuchtend. Und wenn dann als letzter Rettungsanker Gott in der Rolle des "Superbeobachter" die Existenz der Realität absichern soll, oder alternativ bei Sabine das zeitlose Block-Universum, dann wird es einfach nur lächerlich.

Ja, vielleicht kann Sabine besser argumentieren als ich, oder erreicht mit ihrem YouTube Kanal und Büchern ein größeres Publikum. Aber ihre Überzeugungen sind doch trotzdem ungeheurlich und haltlos, selbst wenn sie mehr Menschen überzeugenden sollte, als die Gegenstimmen.
 

Bernhard

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Wenn man aber den aktiven Schöpfer wegnimmt, und erst der Akt der Beobachtung Realität erschafen soll, bzw. sogar nur die "potentielle" Beobachtung, dann ist das nur noch Stückwerk, und gar nicht mehr einleuchtend. Und wenn dann als letzter Rettungsanker Gott in der Rolle des "Superbeobachter" die Existenz der Realität absichern soll, oder alternativ bei Sabine das zeitlose Block-Universum, dann wird es einfach nur lächerlich.

Ja, vielleicht kann Sabine besser argumentieren als ich, oder erreicht mit ihrem YouTube Kanal und Büchern ein größeres Publikum. Aber ihre Überzeugungen sind doch trotzdem ungeheurlich und haltlos, selbst wenn sie mehr Menschen überzeugenden sollte, als die Gegenstimmen.
Ich habe von Sabine noch keine Bücher gelesen und kenne nur einige Clips von YouTube. Möglicherweise liegt sie ja mit einigen ihrer Ansichten einfach falsch.

Im Grunde kommt das Standardmodell der Kosmologie ja auch nicht ohne Schöpfer aus, weil es gerade bei Fragen rund um die Schöpfung (Urknall) auch dort extrem spekulativ wird und bestenfalls verschiedene Modellvorstellungen ausgetestet werden können.
 

ralfkannenberg

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Aber ihre Überzeugungen sind doch trotzdem ungeheurlich und haltlos, selbst wenn sie mehr Menschen überzeugenden sollte, als die Gegenstimmen.
Hallo Jakito,

ich finde Deine Wortwahl "ungeheurlich" und "haltlos" nicht sonderlich höflich; hast Du nachlesbare Argumente, anhand derer ich überprüfen kann, dass Deine Wortwahl gerechtfertigt ist ?


Freundliche Grüsse, Ralf
 

ralfkannenberg

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Der historische Determinismus ging aber von der Annahme aus, dass Gott die Welt erschaffen hat. Dass dann meine Freiheit gegen Gottes Willen zu handeln eingeschränkt ist, ist nur konsequent und einleuchtend.
Hallo Jakito,

auch wenn das hier nicht hingehört: hast Du schon einmal eine Seite in der Bibel gelesen ? Es genügt die Lektüre der ersten Kapitel im 1.Buch Mose, um sofort erkennen zu können, dass die Freiheit des Menschen gegen Gottes Willen eben nicht eingeschränkt ist ! Es war Gott eben nicht wohlgefällig, ja-sagende "Roboter" zu schaffen, sondern Menschen, die einen freien Willen haben.


Freundliche Grüsse, Ralf
 

TomS

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Vielleicht sollte man zuerst von der Physik her argumentieren, da hat zwar nicht die fundamentalen Gesetzmäßigkeiten gefunden, aber diejenigen, die man kennt, sind bzgl. ihrer Struktur sehr überschaubar.
  1. Es gilt der Determinismus: Alles was geschieht, ist durch Anfangsbedingungen und Dynamik präzise festgelegt.
  2. Es existiert ein zufälliges Element: Insbesondere in der Quantenmechanik besagt dies, dass in bestimmten Situationen genannt "Messungen" eine von mehreren Möglichkeiten gemäß einer ihrerseits deterministischen Wahrscheinlichkeitsdichte Wirklichkeit wird.
Stellen wir (2) mal zurück.

Unter (1) fällt z.B. die Newtonsche Mechanik, aber auch die Quantenmechanik in Lesart von Prof. Neumaier oder Everett et al.

Wenn man unter Alles tatsächlich alles versteht, was existiert und was vor sich geht, dann resultiert ein sehr einfaches Weltbild – kein schönes, kein menschliches, letztlich eine umfassende Täuschung, in der sich Entscheiden, sich Verlieben, ein Kind erziehen, jemanden ermorden, den Mörder bestrafen … letztlich leere Worthülsen um präzise, seit Ewigkeiten vorherbestimmte dynamische Prozesse darstellen. Das gilt auch für diese Argumentation, also mein Denken, die Intention, das zu erklären, eure Meinungen dazu …

Damit sage ich nicht, dass es so ist wie beschrieben, sondern nur, dass es verdammt schwer ist, als Physiker aus einem derartigen Weltbild einen Ausweg in Richtung freiem Willen und freier Entscheidung zu finden, oder in Richtung Glaube.

(2) liefert dazu m.E. nichts, da ich durch ein zufälliges Element nichts gewinne, was ich z.B. mit Glaube oder Liebe assoziiere.
 

Bernhard

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Damit sage ich nicht, dass es so ist wie beschrieben, sondern nur, dass es verdammt schwer ist, als Physiker aus einem derartigen Weltbild einen Ausweg in Richtung freiem Willen und freier Entscheidung zu finden, oder in Richtung Glaube.
AFAIK gibt es da mindestens zwei Ansätze
a) Bewußtsein ist die Summe der elektromagnetischen und chemischen Zustände eines Gehirns. Also eine spezielle Klassifizierung materieller Vorgänge im Sinne einer gewissen Semantik.
b) Bewußtsein existiert auch unabhängig von Materie, im Sinne einer eigenständigen immateriellen Welt.
Zusätzlich dann noch Mischungen zwischen den Standpunkten a und b.

Bei b) gibt es dann die Frage nach der genauen Form der Beziehung zwischen der materiellen und immateriellen Welt.
 

ralfkannenberg

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Wenn man unter Alles tatsächlich alles versteht, was existiert und was vor sich geht, dann resultiert ein sehr einfaches Weltbild – kein schönes, kein menschliches, letztlich eine umfassende Täuschung, in der sich Entscheiden, sich Verlieben, ein Kind erziehen, jemanden ermorden, den Mörder bestrafen … letztlich leere Worthülsen um präzise, seit Ewigkeiten vorherbestimmte dynamische Prozesse darstellen. Das gilt auch für diese Argumentation, also mein Denken, die Intention, das zu erklären, eure Meinungen dazu …

Damit sage ich nicht, dass es so ist wie beschrieben, sondern nur, dass es verdammt schwer ist, als Physiker aus einem derartigen Weltbild einen Ausweg in Richtung freiem Willen und freier Entscheidung zu finden, oder in Richtung Glaube.
Hallo Tom,

aus physikalischer Sicht ist dem wohl zuzustimmen.

Dennoch ("Ja, aber ...") fehlt meines Erachtens etwas in dieser Argumentation. Zum einen kann man nach einer aus "freiem Willen" - ich setze das in doppelte Anführungsstrichen, um hervorzuheben, dass wir uns bislang noch nicht darüber unterhalten haben, wie frei dieser freie Wille wirklich ist) getroffenen Entscheidung natürlich zurückschauen und die Anfangsbedingungen zu einem hinreichend frühen Zustand des Universums betrachten (was aufgrund der zahlreichen involvierten Teilchen allerdings praktisch völlig unmöglich ist) und dieser wäre dann präzise vorherbestimmt.

Umgekehrt jedoch, d.h. in die Zukunft schauend, d.h. vor einer aus freiem Willen getroffenen Entscheidung, ist das nicht möglich, weil das System hochgradig "chaotisch" ist. Das mag mathematisch die falsche Terminologie sein (ich habe studiert, bevor die Chaostheorie gelehrt wurde), aber was ich sagen möchte: zwei sehr ähnliche Ausgangsbedingungen können zu sehr unterschiedlichen Resultaten führen.

Das banale Sprichwort "Hinterher ist man klüger" wäre eine Anwendung dessen: vorher weiss man nicht, wie es herauskommt, aber hinterher könnte man beliebig präzise bestimmen, was die Anfangsbedingungen waren.

Unser freier Wille indes scheint mir nicht primär von physikalischen Anfangsbedingungen geprägt zu sein, sondern von unseren Vorurteilen, unserer Laune/Befindlichkeit, unserer Erfahrung und letztlich (mehr als wir gerne zugeben möchten) unseren Instinkten. Nehmen wir nur die Partnerwahl: vielleicht bin ich schlecht gelaunt, dann wird es vermutlich eher schwer sein, eine Partnerin zu finden, weil ich einfach nicht in der Stimmung danach bin. Oder ich bin gut gelaunt, dann werde ich eine Frau, die ich schön finde, bevorzugen; ist diese im Gespräch strohdumm werde ich das Ganze vermutlich nicht weiter verfolgen. Mir gefallen Europäerinnen besser als Nicht-Europäerinnen; wenn mir also beide gleich sympatisch sind werde ich die Europäerin bevorzugen. Und wenn am Ende die ausgewählte Frau mich nicht genügend gut mag führt das Ganze auch nicht zur erfolgreichen Partnerwahl.

Gewiss, das "entscheidet" sich über biochemische Reaktionen im gewissen Teilen des Gehirns, aber das "Pattern", gemäss ich dem ich eine Frau als potentielle Partnerin bevorzuge, dürfte durch meine Erfahrungen und auch Vorurteile festgelegt sein. Alkohol oder Drogen in meinem Fall nicht, weil ich keinen Alkohol trinke und auch keine Drogen nehme und meine Wahrnehmung nicht durch übermässigen Alkohol- oder gar Drogenkonsum eingeschränkt ist.


Freundliche Grüsse, Ralf
 
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TomS

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AFAIK gibt es da mindestens zwei Ansätze
a) Bewußtsein ist die Summe der elektromagnetischen und chemischen Zustände eines Gehirns. Also eine spezielle Klassifizierung materieller Vorgänge im Sinne einer gewissen Semantik.
b) Bewußtsein existiert auch unabhängig von Materie, im Sinne einer eigenständigen immateriellen Welt.
Zusätzlich dann noch Mischungen zwischen den Standpunkten a und b.
Ja.

Wobei nur (a) rein physikalisch funktioniert; (b) wäre irgendwas anderes, das man nicht kennt, das aber irgendwie beispielsweise den freien Willen retten soll.

Bei b) gibt es dann die Frage nach der genauen Form der Beziehung zwischen der materiellen und immateriellen Welt.
Wenn das Bewusstsein in Teilen nicht-physikalisch ist, dann ist jedes physikalische Modell des Bewusstseins falsch. Wenn ich meinen Finger auch aufgrund einer nicht-physikalischen Ursache hebe, dann ist die Physik hier am Ende.

Das ist möglich, aber als Physiker muss ich dann schweigen.

Es gibt m.E. auch keinen Grund, warum da etwas jenseits der Physik ins Spiel kommen muss, außer der Tatsache, dass sich die o.g. Schlussfolgerungen gruselig anfühlen. Für einen Physiker ist das kein zulässiger Grund, und für Philosophen, Ethiker … aber auch Ärzte, Juristen und Politiker sollte das kein solcher sein. Da die Möglichkeit besteht, dass auch Bewusstsein, freier Wille … nur emergente Phänomene genügend komplexer physikalischer Systeme sind, sollte man sich mit den Konsequenzen für die jeweiligen Disziplin befassen, anstatt dieses Weltbild abzulehnen und die daraus resultierenden Fragestellungen zu vermeiden.
 

TomS

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Gewiss, das "entscheidet" sich über biochemische Reaktionen im gewissen Teilen des Gehirns, aber das "Pattern", gemäss ich dem ich eine Frau als potentielle Partnerin bevorzuge, dürfte durch meine Erfahrungen und auch Vorurteile festgelegt sein.
👍

Das Pattern wäre ja die Meta-Ebene zum biochemischen System.

Ich habe mal ein Buch gelesen, in dem das auf den IS u.a. extremistische Organisationen übertragen wurde – das war nicht lustig. Es ist aber hilfreich, wenn es um konkrete Gegenmaßnahmen geht; unser westliches Pattern ist da nämlich weder unmittelbar anwendbar noch irgendwie besser oder überlegen, weil es auf der Ebene der Neuronen keine Ethik und keine Moral gibt. IS-Kämpfer haben auf Basis ihres mit dem unsrigen identischen Gehirn einfach andere Patterns entwickelt.

Ja, das erinnert an Galilei und an Darwin, die auch gewisse Dogmen und Weltbilder unterminiert haben.
 

Bernhard

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Gewiss, das "entscheidet" sich über biochemische Reaktionen im gewissen Teilen des Gehirns, aber das "Pattern", gemäss ich dem ich eine Frau als potentielle Partnerin bevorzuge, dürfte durch meine Erfahrungen und auch Vorurteile festgelegt sein. Alkohol oder Drogen in meinem Fall nicht, weil ich keinen Alkohol trinke und auch keine Drogen nehme und meine Wahrnehmung nicht durch übermässigen Alkohol- oder gar Drogenkonsum eingeschränkt ist.
Erinnerungen können doch auch über spezifische Moleküle codiert werden. Vorlieben und Suchtverhalten sollte ebenfalls über die körpereigene Chemie erklärt werden können.

Die Auswertung und Bewertung von Erinnerungen kann über die neuronale Struktur des Gehirns erklärt werden, so dass bereits große Teile der Persönlichkeit durch materielle Strukturen erklärt werden können. Die Fortschritte auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz stärken so eine Sichtweise.

Gleichzeitig stellt sich sofort die Frage, inwieweit so eine Entschlüsselung im Einzelfall moralisch zu vertreten ist. Es mag Fälle geben, wo eine tiefergehende Analyse Vorteile bringt, allerdings bergen solche Werkzeuge dann natürlich auch die Gefahr von Missbrauch.
 

Bernhard

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Da die Möglichkeit besteht, dass auch Bewusstsein, freier Wille … nur emergente Phänomene genügend komplexer physikalischer Systeme sind, sollte man sich mit den Konsequenzen für die jeweiligen Disziplin befassen, anstatt dieses Weltbild abzulehnen und die daraus resultierenden Fragestellungen zu vermeiden.
Zustimmung meinerseits. Ich bin generell auch kein Freund von Dogmen, sehr wohl aber von ethischen/moralischen Zielvorstellungen und Wertesystemen.
 

ralfkannenberg

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a) Bewußtsein ist die Summe der elektromagnetischen und chemischen Zustände eines Gehirns. Also eine spezielle Klassifizierung materieller Vorgänge im Sinne einer gewissen Semantik.
b) Bewußtsein existiert auch unabhängig von Materie, im Sinne einer eigenständigen immateriellen Welt.
Zusätzlich dann noch Mischungen zwischen den Standpunkten a und b.
Hallo Bernhard,

meine Antwort mag für einen religiösen Menschen wie mich für Dich sehr befremdlich sein, aber ich "glaube" nicht an b) .

Warum ? Nun, es gibt keinerlei physikalische Evidenz dafür. Man kennt das Standardmodell, die Quarks und Leptonen, die Austauschteilchen, und man kennt die 4 Grundkräfte.

Das genügt, unsere Welt zu beschreiben. Auch alles Leben, alles Bewusstsein etc. unterliegt diesem Standardmodell, d.h. man kennt keine weiteren Kräfte, die unser Denken beeinflussen würden, keine weiteren Teilchen, die irgendwie Bauteile unseres Bewusstseins wären.

Ok, noch irgendetwas im Kontext mit Dunkler Materie und Dunkler Energie, aber das wirkt auf grossen Skalen und ist bei dieser Fragestellung völlig irrelevant.

Die Antwort ist also zumindest meiner Meinung nach ganz klar a) .

Allerdings ist belebte Materie hochgradig komplex und über weite Teile nach wie vor völlig unverstanden, und ich denke, man wird hier mehr in "Hierachien" denken müssen, z.B. Organellen, Zellen, Organen, Individuen, Gruppen von Individuen. Und die Eigenschaften sind dann weniger auf der Hierarchie der Elementarteilchen oder Atome oder Moleküle zu suchen, sondern bei den höheren Hierarchien: wie interagieren die Organe miteinander, wie die Mitglieder einer Population etc.

Selbst die Zellen wissen typischerweise nicht, was der Oganismus, deren Bestandteil sie sind, tut, und wenn eine Zelle ausgetauscht wird merkt das der Organismus in der Regel gar nicht.

Ich weiss, für eine Seele, für einen liebenden Gott bleibt da wenig Platz; andererseits: ist nicht ein Jesus Christus auch ein solcher Organismus, der viel Gutes getan und die Menschheit erlöst hat ? Also im Gegenteil - auch für einen liebenden Gott bleibt in diesem Modell sogar sehr viel Platz ! Und als Schöpfer der Natur und der Naturgesetze kommt dem lieben Gott sogar eine ausgezeichnete Stellung zu, sei es nun vor dem Urknall oder zum Zeitpunkt minus unendlich in einer wie auch immer zu definierenden Zeitskala. Und wer ohne den lieben Schöpfergott auskommen möchte, der setzt eben beim Urknall oder irgendeinem Zeitpunkt früher als "physikalischem Anfangszustand" an und blendet den Schöpfergott als Schöpfer des Anfangszustandes aus. Am Ende läuft das auf dasselbe hinaus.

Einen Unterschied gibt es dann eigentlich erst nach dem Tod: physikalisch ist dann fertig, religiös indes kommt die Seele dann in einen hoffentlich dauerhaften Glückszustand, den Himmel. Natürlich muss die Seele ja auch irgendwo herkommen; ich kenne mich hier religiös zu schlecht aus, aber soviel ich weiss wurden die Seelen zu einem früheren Zeitpunkt als der physikalische Anfangszustand geschaffen. Wie die Seele dann in ihren Körper gelangt vermag ich aber nicht zu beantworten, dies ist jedenfalls nicht in der 4D-Raumzeit möglich.


Freundliche Grüsse, Ralf
 
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