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Eine aufgeblähte elliptische Riesengalaxie
von Stefan Deiters astronews.com
30. Oktober 2012
Astronomen haben mit dem Weltraumteleskop Hubble
eine elliptische Riesengalaxie beobachtet, deren Zentralbereich deutlich größer
ist, als bei anderen Galaxien dieses Typs. Ursache dafür könnten zwei
supermassereiche Schwarze Löcher im Zentrum der Galaxie gewesen sein, die die
Sterne der Region entweder abgelenkt oder sich sogar selbst aus der Galaxie
katapultiert haben.

Die elliptische Riesengalaxie A2261-BCG im
Zentrum des Galaxienhaufens Abell 2261. Bild:
NASA, ESA, M. Postman (STScI), T. Lauer (NOAO)
und das CLASH Team [Großansicht] |
Die Galaxie 2MASX J17222717+3207571 hat nicht nur einen sehr langen Namen,
sondern ist auch ein System, neben dem unsere Milchstraße wie ein galaktischer
Zwerg aussehen würde. Mit einem Durchmesser von etwa einer Millionen Lichtjahren
ist diese elliptische Riesengalaxie etwa zehnmal größer als unsere Milchstraße.
Das etwa drei Milliarden Lichtjahre entfernte System ist die hellste Galaxie des
Galaxienhaufens Abell 2261 und wird deswegen häufig auch nur als A2261-BCG
bezeichnet, wobei "BCG" für "Brightest Cluster Galaxie", also "hellste Galaxie
des Haufens" steht.
Elliptische Riesengalaxien finden sich in den Zentren von vielen
Galaxienhaufen. Man nimmt an, dass diese gewaltigen Systeme durch wiederholte
Kollisionen und Verschmelzungen kleinerer Galaxien entstanden sind. Sie haben in
der Regel keinerlei sichtbare Strukturen. Sie bestehen meist aus alten Sternen
und verfügen über kaum Gas, so dass es keine großen Sternentstehungsgebiete wie
in den Armen von Spiralgalaxien gibt.
Das besondere Interesse der Astronomen galt bei den jetzt vorgestellten
Hubble-Beobachtungen dem unmittelbaren Zentrum von A2261-BCG. Dieses erwies
sich mit einem Durchmesser von rund 10.000 Lichtjahren als deutlich größer als
die Zentralbereiche anderer Galaxien dieses Typs, deren Zentren weniger als ein
Drittel dieser Größe aufweisen. Die Wissenschaftler vermuten, dass zwei
supermassereiche Schwarze Löcher die Ursache für diesen aufgeblähten Kern der
Galaxie sein könnten, wobei zwei Szenarien denkbar sind: So könnte das Paar die
Sterne im Zentrum durcheinandergebracht oder sich sogar selbst aus der Galaxie
katapultiert haben.
Supermassereiche Schwarze Löcher wurden in den vergangenen Jahren in den
Zentren von nahezu jeder Galaxie nachgewiesen und die Wissenschaftler vermuten,
dass diese gewaltigen Schwerkraftfallen eine entscheidende Rolle bei der
Entwickelung einer Galaxie spielen. "Genauso wie es klar ist, dass man in jedem
Pfirsich einen Kern findet, erwartet man auch, dass jede Galaxie über ein
supermassereiches Schwarzes Loch verfügt", vergleicht Tod Lauer vom National
Optical Astronomy Observatory in Tucson, einer der Autoren der
Untersuchung. "Mit diesen Hubble-Beobachtungen haben wir praktisch in
den größten Pfirsich geschnitten und können nun keinen Kern finden. Wir wissen
nicht, ob es dort ein Schwarzes Loch gibt, aber Hubble zeigt uns, dass
zumindest keine besondere Konzentration von Sternen im Zentrum sichtbar ist."
Auch für Marc Postmam vom Space Telescope Science Institute, den
Leiter der Studie, ist die Galaxie etwas ganz Besonderes: "Als ich das Bild zum
ersten Mal gesehen habe, wusste ich sofort, dass irgendetwas ungewöhnlich ist.
Das Zentrum war sehr diffus und ausgedehnt. Die Herausforderung war nun, diese
Daten und auch die Ergebnisse früherer Hubble-Beobachtungen zu
verstehen und eine Erklärung für die faszinierende Natur dieser Galaxie zu
finden." Die entsprechende Analyse der Astronomen ist im September in der
Fachzeitschrift Astrophysical Journal erschienen.
Normalerweise erwartet man im Zentrum einer Galaxie einen
Helligkeitsanstieg, nämlich genau dort, wo sich das Schwarze Loch befindet und
damit auch eine besonders hohe Konzentration von Sternen. Genau dieser Anstieg
aber fand sich bei A2261-BCG nicht, stattdessen ist der Helligkeitsverlauf
relativ gleichmäßig.
Dies ließe sich erklären, wenn es im Zentrum der Galaxie nicht nur ein,
sondern zwei Schwarze Löcher gab, die sich gegenseitig umkreist haben. Während
sich ein Schwarzes Loch schon immer in der Galaxie befand, könnte das zweite
Schwarze Loch ursprünglich Teil einer kleineren Galaxie gewesen sein, die von
der elliptischen Galaxie verschluckt wurde. Sterne, die diesem Paar zu nahe
gekommen sind, wurden gravitativ beschleunigt und aus dem unmittelbaren
Zentralbereich geschleudert. Das Paar der Schwarzen Löcher hat dadurch jeweils
ein wenig Energie verloren, der Abstand der Schwarzen Löcher hat sich somit
verringert, bis sie schließlich zu einem gewaltigen Schwarzen Loch verschmolzen
sind. Dieses müsste sich dann noch immer im Zentrum der Galaxie befinden.
Doch es geht noch spektakulärer: Verschmelzen nämlich zwei Schwarze Löcher,
sollten nach Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie Gravitationswellen
entstehen, also wellenartige Verzerrungen der Raumzeit. Hatten die beiden
Schwarzen Löcher nicht die gleiche Masse, könnten in eine Richtung mehr
Gravitationswellen abgestrahlt worden sein, wodurch das gerade verschmolzene
Schwarze Loch aus dem Zentrum katapultiert worden wäre.
A2261-BCG wäre damit eine Galaxie ohne supermassereiches Schwarzes Loch. "Das
Schwarze Loch ist eine Art Anker für die Sterne", so Lauer. "Wenn es nicht mehr
da ist, gibt es plötzlich sehr viel weniger Masse, die Sterne werden nicht mehr
so stark angezogen und wandern nach außen, wodurch sich der Kern weiter
ausdehnt." Die Idee mit einem aus dem Zentrum geschleuderten supermassereichen
Schwarzen Loch mag zwar weit hergeholt klingen, so Postman, doch "das macht die
Beobachtung des Universums ja gerade so faszinierend - manchmal findet man auch
Unerwartetes."
Die Astronomen sind gerade dabei mit zusätzlichen Beobachtungen mit dem
Radioteleskop Very Large Array ihre Theorien zu überprüfen. So sollte
Material, das in ein Schwarzes Loch fällt, unter anderem auch Radiowellen
aussenden, so dass sich mit den Beobachtungen die genaue Position des Schwarzen
Lochs bestimmen lassen sollte - wenn es denn überhaupt ein Schwarzes Loch im
Zentrum von A2261-BCG gibt.
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