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KOMETEN
Ein Kometenschwarm im Mai
von Hans Zekl
für astronews.com
28. April 2006, mit Updates vom 6., 11. und 19. Mai 2006

Am 12. Mai 2006 nähert sich der Komet 73P/Schwassmann-Wachmann 3 bis auf rund elf Millionen Kilometer der Erde. Genau genommen kommen die zahlreichen Bruchstücke dieses Kometen uns relative nahe. Die zwei größten davon werden vermutlich am dunklen Nachthimmel mit bloßem Auge zu sehen sein, andere zeigen sich wahrscheinlich nur im Fernglas oder im Fernrohr.

Schwassmann-Wachmann 3

Hubble-Aufnahme des Fragments B des Kometen Schwassmann-Wachmann 3 vom 20. April 2006. Foto: NASA, ESA, H. Weaver (APL/JHU), M. Mutchler und Z. Levay (STScI)

Komet Schwassmann-Wachmann 3 war die dritte und letzte Entdeckung der beiden Astronomen Arnold Schwassmann und Arno Arthur Wachmann an der Hamburger Sternwarte in Bergedorf. Ihr eigentliches Forschungsfeld war die fotografische Suche nach Kleinplaneten im Sonnensystem, den Asteroiden. Doch am 2. Mai 1930 fand sich der Schweifstern auf einer ihrer Fotoplatten. Er zog am 31. Mai 1930 in einer Entfernung von etwas mehr als 9 Millionen Kilometer an der Erde vorbei und kam ihr so relativ nahe.

Allerdings war er zu schwach, um ohne optische Hilfsmittel gesehen zu werden. Bahnberechnungen zeigten, dass er etwa alle fünfeinhalb Jahren auf einer Bahn um die Sonne lief, die ihn bis an die Jupiterbahn heranführte. Schwassmann-Wachmann 3 ist ein kleiner Komet. Sorgfältige Messungen am französischen Observatorium in Meudon ergaben einen Kerndurchmesser von nur 400 Metern. So gelang es trotz intensiver Bemühungen nicht, ihn bei der nächsten Wiederkehr 1935-1936 zu finden.

Auch bei den folgenden Vorbeiflügen an der Sonnen blieb er verschollen. Erst am 13. August 1979 entdeckten ihn zufällig Astronomen in Australien wieder. Seine Bahn hatte sich inzwischen verändert, denn im Jahr 1965 kam er Jupiter bis auf 40 Millionen Kilometer nahe und es stellte sich heraus, dass deshalb das Perihel des Kometen, der Punkt des kleinsten Sonnenabstands, 34 Tage später erfolgte, als ursprünglich vorhergesagt. Auch bei der nächsten Wiederkehr, 1985/86, entging Schwassmann-Wachmann 3 den Teleskopen der Astronomen. Erst 1990 gelang es, ihn wieder zu finden.

Doch 1995 sollte sich einiges ändern. Eigentlich erwarteten Beobachter nicht viel von dem schwachen Kometen, weil er sich ständig in einem großen Abstand von der Erde aufhielt. Alles verlief auch eine Zeit lang normal. Anfang September, als sich der Schweifstern am Himmel nahe bei der Sonne befand und mit optischen Fernrohren nicht zu sehen war, bemerkten Radioastronomen einen unerwarteten Anstieg der Kometenaktivität. Nachdem er sich von der Sonne wieder weit genug entfernt hatte, leuchtete er in den Teleskopen auch deutlich heller als erwartet. Anfang Oktober 1995 stieg die Helligkeit nochmals deutlich an.

Ein dritter Helligkeitsausbruch fand schließlich am 22. Oktober statt. Zeitweise war er dann so hell, dass er leicht im Fernglas zu sehen war. Anschließend nahm die Helligkeit nur langsam ab. Erst im Januar 1996 brach sie deutlich ein und fiel auf den normalen Wert zurück. Die Ursache der unerwarteten Helligkeitszunahme offenbarte sich im Dezember, als Observatorien von mehreren Kometenkernen berichteten.

Offensichtlich war Schwassmann-Wachmann 3 in mindestens fünf Teile zerbrochen. Der Grund dafür ist nie ganz ganz geklärt worden, doch vermutlich haben thermische Spannungen innerhalb der Kerns während des Vorbeiflugs an der Sonne zur Spaltung geführt. Ähnliches hatte man schon im 19. Jahrhundert am Kometen Biela beobachtet, der sich allerdings danach auflöste. Berühmt wurde der Komet Shoemaker-Levy 9, der durch die Gezeitenkräfte Jupiters am 8. Juli 1992 zerrissen wurde und dessen 23 Teile im Juli 1995 auf den Riesenplaneten stürzten.

Drei Bruchstücke von 73P/Schwassmann-Wachmann 3 - C, B und E - konnten bei der nächsten Rückkehr im Jahr 2001 wieder aufgespürt werden und auch diesmal waren sie heller als erwartet. Aber offensichtlich war der Zerfall nicht weiter fortgeschritten - damals wurden keine neuen Fragmente entdeckt.

In diesem Jahr wird der Komet am 7. Juni 2006 in Sonnennähe kommen. Schon vorher, am 12. Mai, wandert Fragment C in einem Abstand von etwa elf Millionen Kilometern an der Erde vorbei. Die beiden anderen Fragmente kommen kurz danach sogar noch etwas näher: B bis auf 7,7 Millionen und E auf 7,6 Millionen Kilometer, etwa der zwanzigfachen Mondentfernung. Damit bleiben sie nur wenig weiter weg als im Entdeckungsjahr.

73P/Schwassmann-Wachmann 3

Aufnahme des Kometen 73P/Schwassmann-Wachmann 3 mit seinen Fragmenten B und G von der Erde aus. Die Aufnahme entstand am 21. April 2006mit einer 8" f/1.5 Schmidt-Kamera. Foto: M. Jäger und G. Rhemann

Die Hauptkomponente C wurde am 22. Oktober 2005 am Mount Hopkins Observatorium wieder entdeckt. Die zweite Komponente B fand im Januar 2006 der amerikanische Amateurastronomen J. A. Farrell. Doch damit nicht genug. Inzwischen stieg die Zahl der entdeckten Bruchstücke auf rund 40, von denen aber gegenwärtig am 27. April nur B und C im Fernglas oder kleinen Fernrohr zu sehen sind. Komponente C zeigt einen deutlichen kurzen Schweif, während B etwas diffuser erscheint. Für das nächst hellere Fragment G muss das Teleskop mindestens eine Öffnung von 4 bis 5 Zoll besitzen, um sie zu erkennen.

Um den 12. April war B sogar kurzzeitig heller als die Hauptkomponente C. Doch dann schwächte sich sein Helligkeitsanstieg merklich ab. Das Fragment zerfällt weiter. Aufnahmen vom 21. April zeigen deutlich zwei helle Verdichtungen in der Kometenkoma. Beobachtungen am Very Large Telescope (VLT) der europäischen Südsternwarte auf dem Cerro Paranal in Chile in der Nacht vom 23. auf den 24. April lassen bis zu sieben Fragmente erkennen. Auch das Weltraumteleskop Hubble hat den Kometen inzwischen beobachtet und die VLT-Beobachtungen bestätigt.

Die Helligkeit eines Kometen vorherzusagen ähnelt einem Glücksspiel, insbesondere dann, wenn er sich permanent ändert und in immer weitere Teile zerbricht. Je kleiner die Fragmente werden, um so schwächer sind sie letztlich. Aber der relative geringe Abstand von der Erde hebt diesen Effekt wieder auf. Zumindest die hellste und größte Komponente C wird wohl an einem dunklen Himmel gerade so mit bloßem Auge zu sehen sein, im Feldstecher wird sich ein kleiner Komet mit deutlichem Schweif zeigen.

Aber falls auch sie weiter zerfällt, dürfte sie noch deutlich heller werden. Für Komponente B kann momentan keine verlässliche Prognose abgegeben werden, da sie sich in einem raschen Zerfallsprozess befindet und es somit unklar ist, ob sie bis etwa Mitte Mai noch existieren wird. Sollte dies der Fall sein und es zu weiteren Abspaltungen um den 12. Mai kommen, könnte B noch heller als die Hauptkomponente C werden. Komponente G wird aller Voraussicht nach nur im Fernrohr zu betrachten sein.

Bis Ende April wandern die Kometenteile durch das Sternbild der Nördlichen Krone und sind die ganze Nacht zu sehen. Den Höchststand erreichen sie zwischen 3 und 4 Uhr. In der ersten Maiwoche nimmt ihre Geschwindigkeit zu und sie wandern vom Sternbild Herkules in die Leier, wo in den Morgenstunden des 8. Mai das Fragment C nahe dem berühmten Ringnebel in der Leier zu finden sein wird. Danach ziehen die Trümmer von Schwassmann-Wachmann 3 durch den Hals des Schwans. Zum Zeitpunkt der größten Annäherung an die Erde wird sich der Komet im Grenzbereich zwischen Schwan und Füchslein aufhalten. Langsamer werdend erreicht er schließlich den Pegasus und am 21. Mai die Fische.

Danach wandert er immer weiter nach Süden und nähert sich dabei der Sonne. Es wird zunehmend schwieriger, den Kometen von der Nordhalbkugel der Erde aus zu beobachten. Bis die Morgendämmerung einsetzt, erreicht er immer geringere Höhen über dem Horizont. Erst Ende Juli taucht er dann wieder am Morgenhimmel auf, ist aber jetzt deutlich schwächer. Genaue Ephemeriden für die einzelnen Komponenten sind im Internet zu finden (siehe Links).

Leider übernimmt aber der Mond die Rolle des Spielverderbers. Neumond ist am 27. April. Danach nimmt in den ersten Maitagen der störende Einfluss des Mondes immer mehr zu. Zu allem Überfluss ist am 13. Mai Vollmond, einen Tag nach der größten Erdnähe. Genau dann, wenn der Komet am besten zu sehen sein sollte, behindert der helle Mond die Beobachtungen deutlich, ein ganz schlechtes Timing.

1930 kam es zu einem bislang einmaligen Sternschnuppenschauer, der auf den Kometen zurückzuführen war. Doch trotz der mehrfachen Kernteilung seit 1995, bei der Kometenstaub freigesetzt wird, der sich immer weiter ausbreitet, halten Wissenschaftler die Wahrscheinlichkeit für eine Wiederholung in diesem Jahr für gering. Trotzdem wird zu Beobachtungen um den 12. Mai aufgerufen. Vielleicht gibt es eine Überraschung. Auf jeden Fall besteht keine Gefahr, dass größere Teile des Kometen auf die Erde treffen. Dafür bleiben sie zu weit weg.

Update (6. Mai 2006): Der Komet zerfällt weiter. Insbesondere Fragment B ist inzwischen in weitere Einzelteile zerfallen. Deutlich zeigt seine Helligkeitsentwickung einen starken Knick bis Mitte April. Seitdem wird sie wieder beständig heller. Im Fernrohr allerdings zeigt das Bruchstück keinen deutlichen Kernbereich mehr, vielmehr wird es immer diffuser.

Jetzt, mit dem immer stärker werdenden Einfluss des weiter zunehmenden Monds ist die Komponente im Fernglas nur bei sehr klarem Himmel ohne Probleme zu finden. Im Fernrohr erscheinen die hellsten Bereiche länglich bzw. doppelt, was auf die zahlreichen Trümmerstücke zurückzuführen ist. Obwohl sie vermutlich in den nächsten Tagen das hellste Teilstück werden wird, dürfte B schwieriger zu beobachten sein als die Hauptkomponente C. Diese zeigt keine besondere Aktivität und entwickelt sich normal. Selbst im einfachen Fernglas ist ein deutlicher Kern und ein kurzer, bis zu 2 Grad langer Schweif zu sehen. Einige Beobachter an sehr dunklen Orten berichten, dass dieses Fragment inzwischen mit bloßem Auge als schwacher unscharfer Stern zu erkennen sei

Die dritte Komponente, G, hat sich ebenfalls in weitere Teile aufgelöst. Ihre Helligkeitszunahme ist gegenwärtig zum Stillstand gekommen und der Teilkomet scheint sich aufzulösen. Auf jeden Fall ist sein Erscheinungsbild inzwischen sehr diffus und er ist nur in größeren Teleskopen zu erkennen.

Amateurastronomen sind aufgerufen, ihre Beobachtungen zu melden, auch wenn er nicht zu sehen ist. Mittlerweile zeigt eine vierte Komponente, R, ebenfalls eine deutliche Helligkeitszunahme. Allerdings ist sie immer noch zu schwach, um mit kleineren Amateurfernrohren erfasst werden zu können.

Update (11. Mai 2006): Es tut sich etwas. Fragment B ist deutlich heller geworden und kann bei sehr klarem Himmel selbst bei tief stehendem Mond schwach mit bloßem Auge gesehen werden. Mit der gegenwärtigen Helligkeit übertrifft es Komponente C. Auch ist die Koma wieder deutlich konzentrierter und der Kernbereich erscheint länglich. Beobachter mit größeren Fernrohren berichten von jetähnlichen Strukturen, wie sie zuletzt beim Kometen Hale-Bopp zu sehen waren. Im Fernrohr ist ein bis zu einem Grad (2 Vollmonddurchmesser) langer Schweif zu sehen.

Komponente C dagegen ist relativ unauffällig mit kleiner Koma, kurzem Schweif und sternartigem Kern. Die Helligkeit von Fragment G geht weiter zurück und es ist nur noch in größeren Teleskopen zu sehen. Auch Komponente R scheint gegenwärtig nicht weiter heller zu werden.

Für Mitteleuropa geht das Beobachtungsfenster langsam zuende. Die beste Zeit, um die Kometenbruchstücke zu sehen, ist zwischen 3 und 4 Uhr morgens. Der fast volle Mond steht relativ niedrig am Himmel und stört bei klarer Sicht nur wenig, zumindest für Beobachter mit einem Fernglas oder Teleskop. Da der Komet sich immer mehr der Sonne nähert, nimmt seine Höhe über dem Horizont täglich ab. Letztmalig dürfte er um den 20. Mai zu Beginn der Morgendämmerung gegen 02:30 knapp über dem östlichen Horizont zu sehen sein.

Update (19. Mai 2006): Wie schon seit einiger Zeit vermutet, hat sich Fragment G nahezu aufgelöst und ist nur noch in großen Teleskopen schwach zu sehen.
Komponente B hatte in den letzten Tagen einen Helligkeitsausbruch. Dessen Maximum scheint aber nun überschritten zu sein, aber das Kometenbruchstück ist immer noch leicht im Fernglas zu sehen.

Bislang unbestätigte einzelne Meldungen berichten, dass die Helligkeit von Fragment C nun deutlich zunimmt. Allerdings streuen die Schätzungen der einzelnen Beobachter wegen des immer noch störenden Monds deutlich. Generell dürften die Helligkeiten der einzelnen Fragmente demnächst zurückgehen, weil sie sich rasch von der Erde entfernen.

Interessante Beobachtungen ließen sich während der Tage der größten Erdnähe vom 12. bis 14. Mai machen. Bei hoher Vergrößerung (größer 200), konnte die Wanderung des Kometen direkt verfolgt werden, wenn er nahe an einem Stern vorbei zog. Selbst innerhalb einer Minute war die Positionsänderung eindeutig zu erkennen.

In den nächsten Tagen verabschiedet sich Komet 73P/Schwassmann-Wachmann 3 für Beobachter in Mitteleuropa, da er zu nahe an der Sonne steht. Für Beobachter weiter nördlich geschieht das wegen der immer früher einsetzenden Dämmerung eher als für diejenigen im Süden. Die beste Beobachtungszeit liegt weiterhin zwischen 3 und 4 Uhr morgens.

 

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