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GALAXIEN Viele Galaxien größer als angenommen von Hans Zekl für astronews.com 18. August 2005 Manche Galaxien sind viel größer als bislang angenommen. Modernste Beobachtungstechnik enthüllt in ihren Außenbezirken zahlreiche Sterne, die bisher nicht zu sehen waren. Doch stellen diese Funde Astronomen vor ein großes Rätsel: woher stammen sie?
Alle Sterne des Nachthimmels gehören zu einem großen System: zu unser Milchstraße. In einer flachen Scheibe wandert die Sonne mit rund 100 Milliarden Geschwister um einen dickeren, kugelförmigen Zentralbereich. Der Durchmesser dieser Scheibe beträgt etwa 70.000 Lichtjahre. Die Milchstraße selbst ist wieder Teil eines größeren Systems, dem lokalen Galaxienhaufen, zu dem auch der bekannte Andromedanebel gehört, der zweieinhalb bis drei Millionen Lichtjahre entfernt ist. Lang belichte Aufnahmen zeigen majestätische Spiralarme, die sich um das Zentrum winden. Astronomen sehen in ihm ein Abbild unserer eigenen Milchstraße. Egal wohin Astronomen im Weltall blicken, überall finden sie ähnliche Objekte, die schon wenige hundert Millionen Jahre nach dem Urknall vorhanden waren. Die aktuellen Forschungsprojekte beschäftigen sich daher heute weniger mit den einzelnen Strukturen der Galaxien als vielmehr mit ihrer Entstehung. Doch inzwischen ermöglicht der technische Fortschritt den Astronomen, genauer hinzuschauen. Dabei kamen in letzter Zeit überraschende Ergebnisse zum Vorschein, die die Sterneninseln in einem neuen Licht erscheinen lassen. Offensichtlich wurde nämlich manches bisher übersehen. So befinden sich zumindest in einigen Galaxien mehr Sterne als bisher angenommen, die sich außerhalb ihrer bekannten Scheiben tummeln und im sichtbaren Licht allenfalls äußerst schwach zu sehen sind. So befindet sich beispielsweise in 31 Millionen Lichtjahre Entfernung die kleine unscheinbare Galaxie NGC 4625, deren Sterne schon recht alt sind. In ihrer Nachbarschaft findet sich eine weitere Galaxie, NGC 4618, die deutlich größer erscheint. Doch der Eindruck täuscht. Im unsichtbaren ultravioletten Licht drehen sich die Verhältnisse nämlich um. Das fand kürzlich ein internationales Forschungsteam aus den USA und Deutschland mit dem Weltraumteleskop GALEX (Galaxy Evolution Explorer) der NASA heraus, das die Entwicklung von Galaxien in diesem Wellenlängenbereich untersucht. GALEX entdeckte leuchtende, lange Spiralarme um NGC 4625. Damit ist das Sternsystem viermal größer als bislang gemessen und übertrifft seinen Nachbarn deutlich. Bislang hatte es nur schwache Hinweise gegeben, dass sich außerhalb der bisher bekannten Galaxie noch etwas befinden könnte. "Es war richtig schockierend," beschrieb Astronom Armando Gil de Paz von den Carnegie Observatorien in Pasadena, Kalifornien, seine ersten Eindrücke. "Der größte Teil der Galaxie war völlig unbekannt, weil er im sichtbaren Licht nicht zu sehen war." Die Forscher waren deshalb so überrascht, weil nur massereiche Sterne vorwiegend im ultravioletten Licht leuchten. Aber diese Sternriesen leben nur kurze Zeit, während ihre kleineren, leichteren Geschwister wie unsere Sonne Milliarden Jahre existieren. Die Sterne in diesen Armen dürften nicht älter als eine Milliarde Jahre sein, während die der bisherigen bekannten Scheibe bis zu zehnmal älter sind. Dr. Richard Tuffs vom Max-Planck-Institut in Heidelberg schätzt die Gesamtmasse der Sterne in den neuen Armen auf etwa ein Hundertstel der Masse der gesamten Galaxie. Allerdings könnte zusätzlich noch etwas Materie in Form von Gas und Staub verborgen sein. Bisher gingen Forscher davon aus, dass solche jungen Spiralarme schon vor langer Zeit verschwanden, nachdem die ersten Galaxien entstanden waren. Damals war das Universum höchstens zwei Milliarden Jahre alt. "Wir sehen praktische eine Galaxie in einer Entwicklungsphase, von der wir annahmen, dass es sie nur in jungen und weit entfernten Galaxien während der frühesten Jugend des Universums gab," kommentierte Gil de Paz die Entdeckung. Offensichtlich muss es in der jüngeren Geschichte von NGC 4625 etwas gegeben haben, das zur rasanten Bildung der Sterne in den Spiralarmen führte. Gil de Paz vermutet, dass die Nachbargalaxie NGC 4618 dafür verantwortlich ist. Wahrscheinlich kamen sich beide Objekte einmal sehr nahe. Dann führte der Einfluss der Schwerkraft von NGC 4618 dazu, dass sich das Gas in ihrer Nachbargalaxie zu dichten Wolken formte, aus der zahlreiche massereiche neue Sterne entstanden. Interessanterweise besitzt NGC 4618 keine Spiralarme. Trotz ihrer Nachbarschaft haben sich die beiden Milchstraßen unterschiedlich entwickelt. Hier sind die Theoretiker gefragt, sich neue, verbesserte Modelle zur Entwicklung der Galaxien auszudenken.
Aber auch direkt vor unserer kosmischen Haustür ist nicht alles so, wie bislang angenommen wurde. Außerhalb der Lichtglocke unserer Städte kann man einen blassen länglichen Fleck im Sternbild Andromeda sehen, den Andromedanebel (M31). Erst 1923 fand der Astronom Edwin Hubble heraus, dass der Nebel eine riesige Ansammlung von Sternen ist, die sich außerhalb unserer eigenen Heimatgalaxie befindet. Auf Grund ihrer Nähe dürfte M31 die am Besten untersuchte Galaxie überhaupt sein. Und doch können Astronomen wie Scott Chapman vom California Institute of Technology, USA, und Rodrigo Ibata vom Observatoire Astronomique de Strasbourg in Frankreich überraschendes Entdecken. Zusammen mit Kollegen aus Großbritannien und Australien untersuchten sie am Keck-Teleskop auf Hawaii die Bewegungen von 3.000 schwachen Sternen in den Bereichen außerhalb der 70.000 bis 80.000 Lichtjahre durchmessenden sichtbaren Scheibe mit den Spiralarmen. Bislang nahm man an, dass diese Sterne nicht zur Scheibe selbst gehören, sondern sich auf willkürlichen Bahnen in einem kugelförmigen Bereich, dem Halo, bewegen. Aber die sehr genauen Untersuchungen der Forschergruppe zeigen, dass dies nicht stimmt. Tatsächlich bewegen sie sich in der selben Ebene wie die Sterne der bisher bekannten Scheibe, müssen somit ebenfalls zu ihr gehören. Damit ist M31 mit einem neuen Durchmesser von 200.000 Lichtjahren tatsächlich gut dreimal größer als bisher angenommen. Zusätzlich fanden die Wissenschaftler heraus, dass dort die Sterne nicht gleichmäßig verteilt sind, sondern einzelne Klumpen mit höherer Sterndichte bilden. Daraus folgern sie, dass Andromeda vor langer Zeit aus der Verschmelzung kleinerer Satellitengalaxien entstand. Andernfalls müssten die Sterne viel gleichmäßiger verteilt sein. Dennoch meinte Ibata: "Es wird ziemlich schwierig sein, die Entdeckung mit Computermodellen der Galaxienentwicklung unter einen Hut zu bringen. Aus der Verschmelzung von Galaxienfragmenten erhält man nicht so einfach eine riesige rotierende Scheibe." Eine ähnliche Überraschung lieferten kürzlich Beobachtungen an der Galaxie NGC 300 im Sternbild Bildhauer (Sculptor). Astronomen aus den USA und Australien untersuchten sie mit dem 8-Meter Gemini South Teleskop in Chile. Auch diese 6,1 Millionen Lichtjahre entfernte Galaxie besitzt eine wesentlich größere Scheibe aus schwachen alten Sternen, die den bisherigen Durchmesser verdoppelt. Aber im Gegensatz zu M31 sind hier die Sterne viel gleichmäßiger verteilt und es gibt offensichtlich auch keinen scharfen Rand. Die Sterndichte nimmt mit der Entfernung vom Zentrum nur langsam ab. Die Forscher fanden extrem schwache Sterne bis zu einem Abstand von 47.000 Lichtjahren vom Galaxienzentrum. "Vor einigen Milliarden Jahren müssen die Außenbezirke von NGC 300 ebenso hell geleuchtet haben wie die innere Metropolis," meinte Professor Joss Bland-Hawthorne vom Anglo-Australien Observatory in Sidney, Australien. Erklären können die Wissenschaftler die Entstehung der Scheibe bisher nicht.
Jeder Versuch scheitert bisher daran, die gleichmäßige Verteilung der Sterne zu
verstehen. Sie haben deshalb mehr Beobachtungszeit beantragt, um die Galaxie
genauer zu untersuchen und Vergleiche mit anderen Milchstraßensystemen
durchzuführen. Und zu welchem Typ gehört unsere eigene Milchstraße? Das ist noch unklar. Bisherige Schätzungen gehen davon aus, dass sie einen Durchmesser von 100.000 Lichtjahren hat. "Da sie aber heller und massereicher als NGC 300 ist, könnte sie auch 200.000 Lichtjahre groß sein", spekulierte Bland-Hawthorne. Aber vielleicht ist sie überhaupt keine gewöhnliche Spiralgalaxie: Wie gestern berichtet entdeckten Forscher in der Mitte unserer Galaxis einen 27.000 Lichtjahre langen Balken aus Sternen. |
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