Eine Bestandsaufnahme des 26 Millionen Euro teuren Weltraumforschungsprojekts
CRISTA steht kommende Woche im Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Konferenz
der Arbeitsgruppe Weltraumforschung der Bergischen Universität Wuppertal, die
gemeinsam mit dem Forschungszentrum Jülich, dem Deutschen Zentrum für Luft- und
Raumfahrt, dem Deutschen Fernerkundungs-Datenzentrum und dem Deutschen
Wetterdienst durchgeführt wird. Die Tagung in Wuppertal dient der
Bestandsaufnahme des bisher Erreichten und der Vorbereitung künftiger Arbeiten.
Anlass der Weltraumkonferenz ist das 10jährige "Jubiläum" des ersten CRISTA-Fluges mit dem Space Shuttle Atlantis der NASA am 3.
November 1994. Einschließlich des zweiten Fluges im August 1997 mit dem
Spaceshuttle Discovery (beide Missionen erfolgten in einem Satelliten der
früheren Deutschen Aerospace, heute Astrium) hat das CRISTA-Gerät eine
erhebliche Menge an Daten geliefert, obwohl die Flüge des Space Shuttle
jeweils nur eine knappe Woche dauerten. Auswertung und Veröffentlichung dieser
Daten sind noch längst nicht abgeschlossen. Bisher gab es bereits mehr als 120
Beiträge in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und zehn in
populärwissenschaftlichen Periodika. CRISTA hat insgesamt rund 26 Millionen Euro
gekostet und wurde überwiegend aus Bundesmitteln finanziert. Die
Atmosphären-Tagung wird gemeinsam mit dem Forschungszentrum Jülich, dem
Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR, dem Deutschen
Fernerkundungs-Datenzentrum DFD und dem Deutschen Wetterdienst DWD veranstaltet.
Die vier Institutionen kooperieren bei der Erforschung der mittleren
Erdatmosphäre (10 bis 100 Kilometer).
Die CRISTA-Ergebnisse zeichnen sich durch eine große Vielfalt der Themen aus.
Gelegentlich war das Gerät als "Hans-Dampf-in-allen-Gassen" bezeichnet worden,
was die Wuppertaler Weltraumforscher als großes Kompliment auffassten. Mehrere
Beiträge beschäftigen sich mit dem Ozon- und Klima-Problem. Die wichtigsten
CRISTA-Ergebnisse liegen aber auf dem Gebiet der so genannten
Atmosphärendynamik, die sich mit Windsystemen, Wellenbewegungen und Turbulenzen
befasst. Alle genannten Phänomene führen zu Transporten von Luftmassen in der
Atmosphäre, die nicht nur in Bodennähe sehr wichtig sind. Beispielsweise ist das
Ozon in der mittleren Atmosphäre nicht dort am dichtesten, wo es erzeugt wird
(über den Tropen), weil es nämlich von dort wegtransportiert wird.
Auch die Tropopause, also die Oberkante der Wolken in ca. 15 Kilometern Höhe,
spielt beim Klimaproblem eine wichtige Rolle. Hier wurde die Turbulenz der
Atmosphäre gemessen, die unter anderem für die Ausbreitung von Spurengasen
(Schadstoffen) wichtig ist. Ein Ergebnis: Es wurden etwa 500 Prozent mehr
Turbulenz festgestellt als bisher angenommen. Schwerewellen, eine von vielen
Sorten von Wellen in der Atmosphäre (ähnlich wie im Ozean), beschleunigen oder
bremsen die Winde im Höhenbereich zwischen 10 bis 100 Kilometern; CRISTA hat
erstmals diese Beschleunigungen quantitativ nachgewiesen. Beim Ozonverlust
spielen Wolken eine entscheidende Rolle. CRISTA hat solche Wolken (Polarwirbel,
Gebiet des Ozonlochs) erstmals ihrer Größe nach bzw. ihre zeitliche Entwicklung
bestimmt. Vom Satelliten aus konnte erstmals ein bestimmter Wolkentyp eindeutig
identifiziert werden. In Stratosphäre und Mesosphäre (20 bis 80 Kilometer)
konnten erstmals Rauchfahnen-ähnliche Spurengas-Verteilungen und ihre zeitliche
Entwicklung nachgewiesen werden. Dies ist für das Verständnis des Transports -
auch des Ozons - besonders wichtig.
In der oberen Mesosphäre (70 bis 100 Kilometer) sind Infrarotmessungen
schwierig, weil die Luft sehr dünn ist. Die Messungen sind aber umso wichtiger,
weil dieser Höhenbereich Rückschlüsse auf die unterste Atmosphäre und so einen
Beitrag zum Klimaproblem erlaubt. Erstmals wurden mit CRISTA Messungen der
Temperatur und der Spurengase Kohlenmonoxid und Kohlendioxid durchgeführt.
Wie im Ozean gibt es auch in der Atmosphäre Gezeiten, und zwar vor allem in
der Mesosphäre (50 bis 100 Kilometer), die alle Verteilungen von Temperatur,
Wind und Spurengasen bestimmen. Diese Wellen wurden erstmals von CRISTA mit
höchster räumlicher Auflösung gemessen; dabei konnte ein bisher kaum bekannter
Wellentyp nachgewiesen werden. In der mittleren Erdatmosphäre (20 bis 50
Kilometer) gibt es - wie an Meeresufern - "Brandungszonen" mit wichtigen
Einflüssen auf die Spurengasverteilung, auch des Ozons. CRISTA hat erstmals eine
"Brandung" auch in der oberen Atmosphäre (60 bis 90 Kilometer) nachgewiesen und
detailliert untersucht.
Das CRISTA-Gerät ist für solche Messungen besonders gut geeignet. Sein
"räumliches Auflösungsvermögen" ist enorm, weil die Feinheit des Rasters seiner
Messpunkt erheblich größer ist als bei allen anderen früheren und selbst den
gegenwärtigen Satellitengeräten. Ein Gerät mit vergleichbaren Leistungen wurde
von der US-Weltraumbehörde NASA im Juli 2004 gestartet, funktioniert aber bisher
nicht. Der Grund für die Überlegenheit von CRISTA ist einerseits die Tiefkühlung
(auf minus 270° Celsius) aller optischen Komponenten und andererseits die
Verwendung von drei Infrarot-Teleskopen anstelle von nur einem Teleskop bei
anderen Satelliten. CRISTA wurde nach seinen Flügen vom Space Shuttle zur
Erde zurückgebracht und ist inzwischen im Deutschen Museum in München
aufgestellt worden. Seit Mitte Dezember 2004 ist es dort der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht.
Die künftigen Arbeiten des genannten Institutsverbunds - mehrere
Wissenschaftler aus diesen Gruppen haben ihre wissenschaftliche Laufbahn in
Wuppertal begonnen - haben zwei Schwerpunkte: Zum einen wird in Zusammenarbeit
mit dem Forschungszentrum Jülich ein (verkleinerter) Nachbau von CRISTA gebaut
("CRISTA-NF"), der auf dem russischen Höhenforschungsflugzeug GEOPHYSICA im
Rahmen des EU-Forschungsprogramms SCOUT im Laufe des Jahres eingesetzt werden
soll. Es sind vor allem Messungen in den Tropen und im Tropopausenbereich (bis
20 Kilometer Höhe) vorgesehen.
Zum anderen betreiben die Wuppertaler Atmosphärenforscher bereits seit 1980
ein Infrarot-Gerät, das jede Nacht vom Boden aus die Atmosphärentemperatur in 87
km Höhe misst, das so genannte GRIPS-Gerät (Ground based Infrared P-Band
Spectrometer). Diese Messungen zeigen, dass sich in den vergangenen beiden
Jahrzehnten in der mittleren Atmosphäre ein deutlicher Klimawandel vollzogen
hat. Die Wuppertaler Messungen werden seit mehr als einem Jahr durch ein
weiteres GRIPS-Gerät ergänzt, das im Observatorium Hohenpeißenberg des Deutschen
Wetterdienstes aufgestellt wurde. GRIPS 3, in Wuppertal gebaut, soll in Kürze im
Schneefernerhaus auf der Zugspitze in Betrieb genommen werden (durch das DLR).
Von dem GRIPS-Messnetz werden unter anderem wichtige Informationen über Wellen
in der Atmosphäre erwartet.
|
CRISTA, Homepage des
Projektes an der Universität Wuppertal |