Erdähnliche Planeten bei anderen Sternen zu finden und ihre Entstehung zu
verstehen, ist eine der großen Aufgaben der Astronomie unserer Tage.
Infrarotspektren, die am Very Large Telescope der europäischen
Südsternwarte ESO in Chile aufgenommen wurden, geben uns nun erstmals einen
tiefen Blick in den Innenbereich von drei jungen Sternsystemen, die den
Anfangsstadien unseres eigenen Sonnensystems gleichen. In jedem von ihnen sind
Anzeichen dafür vorhanden, dass der Aufbauprozess begonnen hat, der letztlich
von Staubkörnchen zu erdähnlichen Planeten führt. Unsere Sonne wurde vor 4,5
Milliarden Jahren aus einer großen staubhaltigen Scheibe geboren, in der sich
später die Erde, andere Planeten, Kometen und Asteroiden bildeten.
Erstaunlicherweise können wir noch heute Zeugen dieses Vorgangs sein, wenn
wir die Infrarotstrahlung untersuchen, die von sehr jungen Sternen und von den
staubreichen Scheiben, die sie noch umgeben, ausgestrahlt wird. Besonders
interessant ist der Innenbereich dieser Scheiben, in dem sich in unserem
Sonnensystem die erdähnlichen Planeten Venus, Erde und Mars gebildet haben.
Bisher konnten die Astronomen aber in den die Sterne umgebenden Scheiben keine
Einzelheiten entdecken, einfach weil sie von uns zu weit entfernt sind. Selbst
die besten Teleskope können keine Einzelheiten erkennen – das Bild einer solchen
Scheibe wäre kleiner als ein einzelnes Pixel ihrer CCD-Kamera.
Diese Situation hat sich neuerdings geändert. Denn am Very Large Telescope
der ESO ist es möglich geworden, das Licht zweier auch 100 Meter auseinander
stehender Teleskope zur gemeinsamen Beobachtung zusammenzuführen und seit kurzem
steht mit MIDI ein Instrument zur Verfügung, welches für die von den
Innenbereichen der Scheiben ausgesandte Infrarotstrahlung bei 10 Mikrometer
Wellenlänge empfindlich ist. Diese spezialisierte Infrarotkamera wurde unter
Leitung des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg in Zusammenarbeit
mit niederländischen und französischen Instituten entwickelt. Unter Verwendung
der speziellen Technik der Interferometrie kann sie aus dem Licht der beiden
entfernt stehenden Teleskope eine dutzendfach größere Bildschärfe gewinnen als
mit einem einzelnen 8-Meter-Teleskop möglich wäre. Damit erreicht sie sogar eine
hundertmal bessere räumliche Auflösung als das Infrarot-Weltraum-Teleskop
Spitzer (0.02 Bogensekunden gegenüber 2 Bogensekunden).
Ein internationales Team um Christoph Leinert vom Max-Planck-Institut für
Astronomie in Heidelberg, Roy van Boekel und Rens Waters von der Universität
Amsterdam nutzte diese neuen Möglichkeiten, um einen tiefen Blick in die
Innenbereiche dieser Sternscheiben zu werfen, so nah an den Stern heran, wie
etwa der Abstand der Erde von der Sonne beträgt. Die Infrarotstrahlung der
Scheiben zeigt im beobachteten Wellenlängenbereich um 10 Mikrometer Strukturen,
aus denen sich die chemische Zusammensetzung des strahlenden Staubs und die
durchschnittliche Größe der Staubkörner erschließen lassen.
Die Forscher waren in der Lage, unter Benutzung des Instruments MIDI die
Strahlung aus dem inneren Bereich der Scheibe und aus den weiter außen liegenden
Bereichen getrennt zu untersuchen. Die Beobachtungen zeigten, dass im
Innenbereich kristalline, etwa ein Hundertstel Millimeter große Silikatkörnchen
(feiner "Sand") stark angereichert sind. Diese relativ großen Teilchen haben
bereits begonnen, sich aus den viel kleineren, amorphen Staubteilchen
zusammenzuklumpen, die ursprünglich in der ganzen Scheibe vorhanden waren, und
von denen bei diesen Untersuchungen die Strahlung aus den Außenbereichen der
Scheiben emittiert wurde. Modelle, mit denen Wissenschaftler die Bildung
erdähnlicher Planeten zu verstehen versuchen, erfordern, dass solche bereits
angewachsene Silikatteilchen in großer Zahl in den Innenbereichen der Scheibe
vorhanden sind. Tatsächlich setzen sich auch die Meteoriten unseres
Sonnensystems hauptsächlich aus dieser Art von Silikat zusammen. Rens Waters,
einer der an den Beobachtungen beteiligten Astronomen, bringt es auf den Punkt:
"Es ist sehr unwahrscheinlich, dass, wenn die Grundbausteine am richtigen Platz
vorhanden sind, der Aufbauprozess wieder abbrechen würde, nachdem er bereits
begonnen hat. So ist es fast unvermeidlich, dass sich größere und größere
Gesteinsbrocken und schließlich auch erdähnliche Planeten aus diesen Scheiben
bilden werden."
Es ist schon seit einiger Zeit bekannt, dass der meiste Staub in den Scheiben
um neu geborene Sterne aus Silikaten besteht. Zunächst ist er amorph, d.h. die
Atome und Moleküle, welche die Staubkörner bilden, sind völlig unregelmäßig
angeordnet. Auch sind die Staubkörner noch sehr klein, etwa ein Zehntel
Mikrometer nur. Nahe beim Stern, wo Temperatur und Dichte der staubreichen
Scheibe am höchsten sind, haften Teilchen nach Zusammenstößen aneinander. Indem
der Staub aufgeheizt wird, ordnen sich die Atome und Moleküle so um, dass die
Staubkörner kristallisieren. So wird der Staub im Innenbereich der Scheibe vom
ursprünglichen Zustand (kleine, amorphe Teilchen) in "prozessierten" Staub
(größere, teilweise kristalline Teilchen) umgewandelt.
Silikatteilchen zeigen eine ihnen eigentümliche Emission bei Wellenlängen von
etwa 10 Mikrometern. Die Form dieser Emission (ihr Spektrum) hängt sowohl von
der Teilchengröße als auch vom Kristallgehalt der Teilchen ab. Bisher konnte aus
früheren Beobachtungen der Sternscheiben nur auf die Anwesenheit eines Gemisches
von ursprünglichem und prozessiertem Material geschlossen werden, es war aber
nicht möglich zu bestimmen, wo in der Scheibe sich dieses Material befand. In
den neuen, nun räumlich aufgelösten Infrarotspektren um drei junge Sterne fanden
die Wissenschaftler des Teams heraus, dass der Staub in den Innenbereichen der
Scheiben sehr viel weitergehende Veränderungen erfahren hat als der in den
Außenbereichen. In zweien der Sterne (mit den Katalognummern HD 144432 und HD
163296) ist der Staub innen weit entwickelt, außen praktisch im ursprünglichen
Zustand. Im dritten (HD 142527) hat sich der Staub in der ganzen Scheibe
entwickelt, im Innenbereich aber in extremer Weise, sodass praktische nur noch
kristallines Material vorhanden ist. Christoph Leinert fasst zusammen: "Hier
sehen wir die allerersten Schritte auf dem langen, stufenreichen Weg von
interstellaren Staubteilchen zu den kilometergroßen Brocken der Planetesimale,
aus denen sich schließlich die Planeten selbst zusammenklumpen." Diese ersten
kleinen Bausteine waren also schon in der ersten Frühphase der Entstehung eines
Sterns vorhanden. Auch die Erde muss sich aus solchem kristallinen Material
gebildet haben.
Bei der Erde können wir diese Grundbausteine nicht mehr finden, da sie völlig
aufgeschmolzen war, ehe sich dann in ihrer Kruste von neuem festes Material
bilden konnte. Die Kometen unseres Sonnensystems zeigen in ihren Spektren aber
sowohl ursprüngliches wie kristallisiertes Material. Wir wissen, dass sich die
Kometen in großem Abstand von der Sonne bildeten, wo es stets sehr kalt war.
Deswegen ist es nicht klar, wie diese kristallinen Teilchen Teil der Kometen
wurden. Dies könnte durch radiale Durchmischung der Scheibe geschehen sein.
Dabei werden die kristallinen Teichen durch Turbulenzbewegungen in der dichten,
die junge Sonne umgebenden Scheibe nach außen getragen. Andere Vorstellungen
gehen davon aus, dass die kristallinen Teilchen der Kometen an Ort und Stelle
nach und nach im Laufe langer Zeiträume entstanden sind, durch Prozesse wie
Schockwellen, oder blitzähnliche Entladungen.
Die an dem Projekt beteiligten Astronomen, deren Ergebnisse in der heutigen
Ausgabe der Zeitschrift Nature berichtet werden, folgern, dass die
Theorie der radialen Durchmischung die wahrscheinlichste Erklärung für ihre
Beobachtungsbefunde ist. Das würde heißen, dass die Kometen, welche uns in
unregelmäßiger Weise aus den Außenbereichen des Sonnensystems besuchen,
tatsächlich unverändertes Material aus der Frühzeit des Planetensystems
enthalten, aus einer Zeit, als die Erde und die anderen Planeten noch nicht
existierten, als aber die von den Wissenschaftlern beobachteten und hier
beschriebenen Wachstums- und Kristallisationsvorgänge schon angelaufen waren.