Für diese interferometrische Beobachtung, unter Fachleuten "fringes" genannt,
musste das Licht von den beiden 102 Meter voneinander entfernten Teleskopen in
einem zentralen Labor in der Weise zusammengeführt werden, dass die Länge der
beiden Lichtwege sich um nicht mehr als 0.001 mm unterscheidet. Dieses Ereignis
stellt die ersten interferometrischen Beobachtungen unter Ausnutzung der vollen
Fläche der neuen Riesenteleskope dar. Damit erhalten sie, zusätzlich zu ihrer
überragenden Lichtstärke, ein zehnfach erhöhtes Auflösungsvermögen, das dem
Auflösungsvermögen eines Einzelteleskops von 100 Metern Öffnung entspricht. Ein
solches Einzelteleskop wird es nicht vor Ende des nächsten Jahrzehnts geben.
Das Instrument MIDI wurde, unter Führung des Max-Planck-Instituts für
Astronomie (MPIA) in Heidelberg, von einem europäischen Konsortium
astronomischer Institute entwickelt. Heute steht es an seinem Bestimmungsort im
unterirdischen interferometrischen Labor des Observatoriums der ESO auf dem
Paranal. Als erstes von zwei Instrumenten wird es dort während der nächsten zehn
Jahre interferometrische Beobachtungen mit allen vier 8-Meter-Teleskopen
durchführen. In einem früheren, von ESO gebauten Experiment war die
Funktionsfähigkeit der komplexen optischen Infrastruktur bereits getestet worden
(astronews.com berichtete). Das Instrument wiegt etwa 1,5 Tonnen und ist auf
einem 1,5 mal 2,1 Meter großen optischen Präzisionstisch gelagert (siehe unser
Bild). Der große im Hintergrund sichtbare Würfel ist der Kryostat, eine
Vakuumkammer, worin der Detektor und die benachbarten optischen Komponenten auf
eine Temperatur von –270 bis – 240 Grad Celsius gekühlt werden. Die Kühlung ist
bei Infrarotbeobachtungen erforderlich, um die Eigenstrahlung der verwendeten
Materialien zu unterdrücken. Trotz seiner beachtlichen Größe, musste MIDI
relativ zu den von den beiden Teleskopen kommenden Lichtstrahlen mit einer
Genauigkeit von mindestens 0.1 Millimetern positioniert und von mindestens 0.01
Grad ausgerichtet werden. Die nötige Elektronik wurde in einem benachbarten Raum
untergebracht, um thermische und mechanische Störungen zu minimieren.
Das Projekt startete vor fünf Jahren, als das Max-Planck-Institut für
Astronomie 1997 der ESO den Bau eines Instruments vorschlug, das zu den
interferometrischen Plänen der ESO passte und, bei Einhaltung der vorgesehenen
Zeitpläne, das ersten seiner Art weltweit sein würde. Bald danach schlossen sich
die Niederländische Wissenschaftsorganisation NOVA mit ASTRON, die
Universitätsinstitute in Amsterdam und Groningen, und NEVEC, sowie die anderen
Partnerinstitute in Frankreich und Deutschland an. Unter der Leitung von
Christoph Leinert und Uwe Graser vom MPIA arbeiteten mehr als zwei Dutzend
Ingenieure, Astronomen und Studenten dreieinhalb Jahre lang intensiv an Planung,
Entwurf und Bau aller Teile, bis der Zusammenbau des Geräts im
Max-Planck-Institut für Astronomie beginnen konnte. Es folgte hier eine
ausführliche Testphase, während gleichzeitig auf dem Paranal die komplexe
Infrastruktur für das erste interferometrische Instrument vorbereitet wurde.
Nach einer abschließenden Prüfung und Abnahme durch ESO wurde das Instrument
im September dieses Jahres zum Paranal verfrachtet. Die 32 großen hölzernen
Boxen mit einem Gewicht von insgesamt 8 Tonnen trafen im November gerade
rechtzeitig für die Montage des Instruments im Interferometrielabor auf dem Berg
ein. Anfang Dezember wurde MIDI getestet, wobei das Sternlicht von zwei kleinen
Test-Teleskopen mit je 40 cm Öffnung in das Gerät eingespeist wurde. Die
gesamten Kosten für den Bau des Geräts betragen 6 Millionen Euro, davon wurden
für 1.8 Millionen Euro Ausrüstungsteile, Materialien und optische Komponenten
gekauft, der Rest floss in die Gehälter der Beteiligten.
Der erste Lohn für all diese Mühen kam in der Nacht vom 14. auf den 15.
Dezember. In der ersten Hälfte der Nacht wurden zwei 102 Meter von einander
entfernte 8-Meter-Teleskope für die interferometrischen Beobachtungen
eingestellt und beide auf den Stern Epsilon Carinae gerichtet. Dann wurde das
Licht von beiden Teleskopen in das unterirdische Interferometrielabor geleitet.
Präzisionsspiegel wurden bewegt, um die Teile des System, die zum ersten Mal
alle zusammen arbeiteten, in den empfindlichen Zustand zu bringen, der für
Interferometrie notwendig ist: Die Lichtwege vom Stern über die beiden Teleskope
bis ins Instrument müssen exakt gleich sein. Als dann das für interferometrische
Messungen charakteristische Muster (die "Fringes") auf den Bildschirmen der
Computer zur Steuerung von MIDI sichtbar wurde, war klar: Die hohe Qualität
aller 32 optischen Komponenten, die das Sternlicht durch dieses komplexe
Mess-System bis zum Detektor führen, und die Richtigkeit des Messkonzepts waren
erwiesen.
Interferometrie ist eine Technik zur Erhöhung der Abbildungsschärfe, die in
der Radioastronomie bereits extensiv eingesetzt wurde. Sie beruht auf dem
allgemeinen physikalischen Gesetz, wonach, je größer die Öffnung eines Teleskops
ist, desto schärfere Abbildungen entstehen. Die Kombination der Lichtstrahlen
aus zwei 100 Meter von einander entfernten Teleskopen (wie auf dem Paranal
verwirklicht) liefert die selbe Bildschärfe, wie der Einsatz eines Teleskops mit
100 Metern Öffnung. Aber dies gilt nur, wenn das optische System, welches das
Licht von den beiden Teleskopen zur Überlagerung bringt, so genau konstruiert
ist, dass der Weg von den Teleskopen zum Treffpunkt der beiden Strahlen (dessen
Länge einschließlich der nötigen Richtungsänderungen etwa 200 Meter beträgt)
sich nicht um mehr als einen Bruchteil der Wellenlänge des beobachteten Lichtes
(also höchstens um 0,001 mm) unterscheidet. Gleichzeitig muss das durch die
Turbulenz der Atmosphäre verursachte Wabern des Sternbildes mit der selben hohen
Genauigkeit korrigiert werden.
Diese höchst anspruchsvollen technischen Schwierigkeiten sind im Laufe der
letzten fünf bis zehn Jahre gelöst worden, so dass heute die Sterne mit
erheblich größerer Schärfe abgebildet werden können. Das interferometrische
Messinstrument MIDI, das nun auf dem Paranal in Betrieb geht, erreicht eine
Auflösung, mit der sich von Heidelberg aus auf der Kuppel des Reichtagsgebäudes
in Berlin eine offene Handfläche erkennen ließe, oder ein mittelgroßes Kaufhaus
auf dem Mond, oder auch eine Strecke wie der Abstand Erde-Sonne in den uns am
nächsten liegenden Bereichen der Milchstraße, wo heute noch Sterne und
Planetensysteme entstehen. Das nächste, für den Paranal vorgesehene
interferometrische Messinstrument, AMBER, das für andere wissenschaftliche
Zwecke eingesetzt werden soll, wird ein noch fünfmal höheres Auflösungsvermögen
erreichen, da es bei kürzeren Wellenlängen arbeitet.
Dank seiner hohen Empfindlichkeit für thermische Strahlung wird MIDI in
idealer Weise geeignet sein für die Untersuchung von Materie in der nahen
Umgebung der astronomischen Strahlungsquellen, welche diese Materie erwärmen.
Meist entzieht sich dieses Material der Beobachtung, weil der Staub, den es
enthält, die emittierte Strahlung absorbiert und abschattet. Aber diese Effekte
sind bei den langen Wellenlängen, bei denen MIDI arbeitet, nahezu
vernachlässigbar. Deshalb wird man mit MIDI solche Objekte untersuchen, wie etwa
die rätselhaften Staubringe in den Zentren der Quasare und Radiogalaxien, die
Gas- und Staubscheiben, welche neu entstandene Sterne umgeben, und in denen sich
möglicherweise Planeten bilden, und die Umgebungen von Riesensternen, wo die
Staubteilchen erstmals gebildet werden, die später und anderenorts bei der
Entstehung von Sternen und Planeten eine so wichtige Rolle spielen.
MIDI ist das erste Messinstrument, das interferometrische Beobachtungen
dieser Art an großen Teleskopen ermöglicht. Zahlreiche Wissenschaftler erwarten
nun mit großer Spannung den Beginn des regulären Beobachtungsbetriebes im
nächsten Jahr. Die Ergebnisse der ersten Nacht zeigen, dass sie nicht umsonst
warten werden.