In jeder klaren Nacht kann man immer wieder einzelne Sternschnuppen beobachten.
Neben diesen sporadischen Meteoren treten aber in manchen Nächten besonders
viele auf. Am bekanntesten sind die Perseiden, die jedes Jahr um den 12. August
herum zu beobachten sind. Dann erscheinen bis zu 120 Sternschnuppen pro Stunde.
Doch gibt es einen Meteorstrom, der gewöhnlich sehr schwach ist, sich aber in
manchen Jahren zum stärksten Sternschnuppenmaximum des Jahres mit mehreren
tausend Meteoren pro Stunde steigert. Das sind die Leoniden, die in der Nacht
vom 18. auf den 19. November ein großartiges Schauspiel bieten werden.
In das öffentliche Bewusstsein traten die Leoniden in den frühen Morgenstunden
des 12. November 1833. Für wenige Stunden jagten zigtausende heller
Sternschnuppen über den Nachthimmel Nordamerikas. Mit diesem Ereignis begann die
wissenschaftliche Erforschung der Meteore. Bis zu diesem Moment wusste man
praktisch noch nichts über ihre wahre Natur. Die meisten hielten sie für
elektrische Phänomene in der Atmosphäre.
Forschungen in den Jahren nach 1833
ergaben, dass Ausbrüche der Leoniden auch schon früher beobachtet wurden. Im
Jahr 1799 sah der preußische Wissenschaftler und Entdecker Alexander von
Humboldt auf einer seiner Südamerikareis einen großen Ausbruch. In seinem
Bericht schrieb er: "Tausende von Feuerkugeln und Sternschnuppen fielen
hintereinander, vier Stunden lang... Alle Meteore ließen acht bis zehn Grad lange
Lichtstreifen hinter sich zurück... Die Phosphoreszenz dieser Lichtstreifen
hielt sieben bis acht Sekunden an... Die Feuerkugeln schienen wie durch Explosionen zu
platzen..."
Diese Sternschnuppen bzw. Meteore erschienen immer im November. Verlängerte man
ihre Spuren rückwärts, treffen sie sich im Sternbild Löwe, das im Lateinischen
Leo heißt. Deshalb bezeichnet man den Sternschnuppenstrom als die Leoniden. Im
Jahre 1837 äußerte der Bremer Arzt und Astronom Heinrich Wilhelm Matthias Olbers
(1758 - 1840) die Vermutung, dass die Sternschnuppen alle 33 oder 34 Jahre
besonders häufig auftreten. Hubert Anson Newton (1830 - 1896) von der
Yale-Universität fand Beobachtungsberichte der Leoniden aus den letzten 1000
Jahren. Danach gab es schon 1533, 1366, 1202, 1037, 967, 934 und 902
beeindruckende Erscheinungen. Diese zum Teil spärlichen Daten wiesen ebenfalls
auf eine Periode von etwa 33 Jahren.
Später, 1866, erkannten die Astronomen, dass Meteore kleine Staubteilchen sein
müssen, die im Sonnensystem auf elliptischen Bahnen, um die Sonne wandern. Die
Leoniden sind eine besonders dichte Staubwolke, welche die Sonne alle 33,25
Jahre umkreist. Darauf basierend, wurde die Wiederkehr eines starken Schauers
für 1866 oder 1867 vorher gesagt. Tatsächlich konnten in der Nacht vom 13. auf
den 14. November 1866 wieder 2.000 bis 5.000 Sternschnuppen pro Stunde beobachtet
werden. Selbst 2 Jahre später war trotz des hellen Vollmonds nochmals ein
starkes Maximum mit 1.000 Meteoren pro Stunde zu sehen. Aber in den folgenden
Jahren sank die maximale Rate dann wieder auf etwa 15 bis 20 Sternschnuppen pro
Stunde ab.
Das Jahr 1866 war für das Verständnis der Leoniden entscheidend. Am 19. Dezember
1865 entdeckte Ernst Wilhelm Liebrecht Tempel (1821 - 1889) in Marseilles einen
nebligen Fleck im Sternbild des Großen Bären, einen neuen Kometen, der
unabhängig am 6. Januar 1866 von Horace Tuttle in Boston ebenfalls entdeckt
wurde. Der Komet erhielt deshalb den Namen Tempel-Tuttle. Berechnungen seiner
Bahn ergaben, dass er die Sonne in 33,17 Jahren umläuft und seine Bahn derjenigen
der Leoniden sehr ähnlich war. Somit musste es sich bei den Leoniden
offensichtlich um kleine Staubteilchen des Kometen handeln. Immer dann, wenn der
Mutterkomet sein Perihel durchlief, traten starke Leonidenmaxima auf.
Kaum hatte man aber diese Regel gefunden, schien sie schon nicht mehr gültig zu sein.
In den Jahren 1899 und 1932, in denen Tempel-Tuttle sein Perihel wieder
durchlief, traten keine besonders auffälligen Leonidenmaxima auf. Nur 1900 und
1901 konnten starke Maxima beobachtet werden. Außerdem wurde der Komet in diesen
Jahren nicht mehr gefunden. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts war das
Interesse an den Leoniden dann nahezu erloschen.
Aber zu Beginn der sechziger Jahre wurden die Maxima wieder etwas stärker.
Dann
wurde 1965 der Komet Tempel-Tuttle nach fast einem Jahrhundert wieder gefunden,
nachdem der Astronom Joachim Schubart vom Astronomischen Rechen-Institut in
Heidelberg seine Bahn sorgfältig analysiert hatte. Seine Berechungen zeigten,
dass der Komet in etwas mehr als einem Mondabstand an der Erdbahn vorbeifliegen
würde. Prompt stieg die Leonidenrate in dem selben Jahr auch wieder auf 120 an.
Darunter waren viele helle Leoniden mit sehr langen Leuchtspuren, die mehrere
Minuten lang zu sehen waren.
Aber die große Überraschung sollte erst noch kommen. Im Jahr nach dem Periheldurchgang des Kometen, kam es zum größten bislang beobachtetet
Leonidensturm der Geschichte. In den Morgenstunden des 17. November 1966 regnete
es förmlich Sternschnuppen, als im westlichen Amerika bis zu 40 Stück pro
Sekunde beobachtet werden konnten. Dennis Lion, der auf dem Kitt Peak im
südlichen Arizona beobachtet, meinte: "Die Sternschnuppen waren so intensive,
dass wir nur schätzen konnten, wie viele in einer Sekunde über unseren Köpfen zu
sehen waren... Für 20 Minuten betrug die Rate wohl 150.000 pro Stunde." Nach gut
einer Stunde war das Schauspiel dann wieder vorbei und die Aktivität war wieder
auf 30 Meteore pro Stunde abgefallen.
Auch in den folgenden Jahren traten starke
Leonidenmaxima auf. Erst nach 1972 sanken die Raten wieder auf das niedrige
Normalniveau von 15 bis 20 Sternschnuppen in der Stunde.
Bis 1994 blieb die Aktivität der Leoniden unauffällig, stieg dann aber wieder
bis 1997 auf 60 pro Stunde an, wobei auch zahlreich Feuerbälle beobachtet
wurden. Schon 1981 hatte Donald K. Yeomans vom Jet Propulsion Laboratory der
NASA eine umfangreiche Studie über die Beziehung zwischen dem Kometen Tempel-Tuttle und den Leoniden veröffentlicht. Danach sollte sich in den Jahren
1998 und 1999 wieder eine besonders günstige Konstellation ergeben und stärkere
Maxima auftreten, nachdem der Mutterkomet am 28. Februar 1998 sein Perihel
durchlief.
In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts begannen mehrere
Astronomen damit, Modellrechnungen für die Entstehung und die Entwicklung der
Leoniden zu entwickeln. Auch sie kamen zu dem Ergebnis, dass zum Ende des
Jahrhunderts die großen Maxima der Leoniden wieder zurück kehren werden, wobei
1998 und 1999 die besten Jahre sein sollten. Die ersten genaueren Prognosen
wurden für schließlich für 1998 veröffentlicht. Donald K. Yeomans erwartete
maximale Raten zwischen 200 bis 5.000 Leoniden. Peter Brown von der University of
Western Ontario in Kanada berechnete sogar 1.000 bis 9.000. Beide waren sich aber
über die Zeit des Maximums ziemlich einig.
Profiastronomen und Amateure auf der
ganzen Welt waren gespannt. Nur die Leoniden interessierten die Vorhersagen
wenig. Das Maximum trat zwar etwa zur berechneten Zeit auf, war aber nur
schwach. Dafür gab es 20 Stunden vorher ein breites überraschendes Maximum mit
sehr vielen Feuerkugeln, extrem hellen Meteoren.
1999 sollten nach neuen und verbesserten Modellen Europa, Nordafrika und der
Nahe Osten die bevorzugten Beobachtungsgebiete sein und ein kräftiger Schauer
mit einer maximalen Rate von 500 bis 1.000 Sternschnuppen pro Stunde am 18.
November gegen 3:20 MEZ auftreten. Nun lagen die Prognosen auf der
pessimistischen Seite. Spätere Analysen kamen zum Schluss, dass die maximale
Rate tatsächlich etwa 3.700 Leoniden pro Stunde betrug. Das war das stärkste
Maximum seit 1966.
Im folgenden Jahr, 2000, kam es zu 3 Maxima, die zwar keinen Sturm lieferten,
aber doch durch viele Feuerkugeln (Boliden) die Beobachter beeindruckten.
Letztes Jahr, 2001, traten dagegen 2 starke Maxima auf, bei denen die Leoniden
jeweils Stürmstärke mit bis zu 3.700 Meteoren pro Stunde erreichten.
Weiter zum zweiten Teil: Vorschau auf die Leoniden 2002